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Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Modernisierungsprozesse 
Der Vergleich dieser beiden Fauteuils zeigt, 
wie aus einem Bugholzmöbel aus den 1860er 
Jahren ein „modernes 11 Möbel wurde. Der so 
genannte Damenfauteuil der Gebrüder Thonet 
ist bereits auf dem Plakat von 1866 abgebil 
det und unterscheidet sich konstruktiv von al 
len bis dato angebotenen Sitzmöbeln. 1 Der 
obere Rücklehnbogen und die Armlehnen be 
stehen aus einem einzigen Bauteil, Die Arm 
lehnen haben keine Voluten wie bei den klas 
sischen Fauteuils, sondern laufen schräg bis 
unter die Sitzfläche. Die Hinterbeine gehen in 
den inneren Rücklehnbogen über, in den noch 
ein zusätzlich geflochtenes Medaillon einge 
setzt ist. 2 Der kurz nach der Jahrhundertwende 
entstandene - und aufgrund seiner „moder 
nen“ Formensprache oft fälschlich Josef Hoff- 
mann zugeschriebene - Kohn-Fauteuil Nr. 725/ 
B/F 3 variiert die Konstruktion des Damenfau 
teuils. Aufgrund eines neu entwickelten Ver 
fahrens, ließen sich erstmals fast rechtwinklige 
Biegungen ausführen, wodurch die für die 
Wiener Moderne charakteristischen, geome 
trisch wirkenden Konstruktionen ermöglicht 
wurden - ein Eindruck, der durch die recht 
eckigen Holzquerschnitte noch verstärkt wird. 
Die stabilisierende Rolle des Fußrings wird 
hier von den vier unter dem Sitz befestigten 
Kugeln sowie dem die Beine am Boden ver 
bindenden U-förmigen Kufenbogen übernom 
men. 
1 Es ist bisweilen vermutet worden, dass die Bezeichnung des 
Möbels darauf verweist, dass die abgeschrägten Armlehnen die 
Bewegungsfreiheit der Frauen beim Stricken nicht einschränken 
sollten; es konnte dafür jedoch kein konkreter Nachweis gefunden 
werden. 
2 Die gleiche Konstruktion findet sich bei dem von Le Corbusier 
geschätzten Schreibfauteuil Nr. 9, wobei die Armlehnen hier nicht 
schräg nach unten laufen, sondern erst in Höhe der Vorderbeine 
nach unten geführt werden. 
3 Ein identischer Fauteuil wurde unter der Nr. 725/g angeboten. 
Der Kufenbogen, der bei dem abgebildeten Modell auf dem Boden 
liegt, ist hier jedoch circa 10 Zentimeter höher gesetzt, die Beine 
erhielten Messingmanschetten. Vgl. Kohn Katalog von 1906, 22 
und 33, in: Giovanni e Chiara Renzi, Curve e Biondi Riccioli 
Viennesi, Mailand 2000. 
Wl 
ym 
m 
Damenfauteuil Ladies' Armchair 
Entwurf Design: Gebrüder Thonet, um ca. 1865 
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet, Koritschan Korycany, um ca. 1870; Buche, 
massiv gebogen, Geflecht Beech, solid bent, cane; Privatsammlung Private Collection 
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