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Marcel Duchamps Atelier,
33 West 67th Street,
New York, um 1917,
Philadelphia Museum
of Art (Foto: Henri-Pierre
Roche) Marcel Duchamp's
Atelier, 33 West 67th
Street, New York, ca.
1917; Philadelphia
Museum of Art (Photo:
Henri-Pierre Roche)
Kleiderhaken Nr. 2
aus dem Katalog der
Gebrüder Thonet von
1904 Coat hook No. 2
from the 1904 Gebrüder
Thonet catalog
Dreifach montierter
Kleiderhaken
Nr. I 2 \ K 3.70
11 uni I
Der spätere Ehrenpräsident des Österreichischen Gewerbevereins,
Wilhelm Franz Exner, publizierte 1876 seine Schrift Das Biegen des
Holzes, die auf einem Vortrag basierte, den der Autor im selben Jahr im
Österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien - dem
heutigen Museum für angewandte Kunst (MAK) - gehalten hatte: Exner
war sich sicher, „dass das Biegen des Holzes in den Gewerben und in
der Kunstindustrie noch einer weitgehenden und vielfältigen Anwendung
fähig“ sei. 15
Die kurz nach der Jahrhundertwende erschienene Publikation Die Holz-
biegerei von Louis Edgar Andes konnte Exners Annahme bestätigen:
„Unter den Industrien, welche in den letzten Jahrzehnten bedeutenden
Aufschwung zu verzeichnen haben, ist die der gebogenen Hölzer in erster
Linie mit hervorzuheben und ist derselbe nicht zum geringsten Teil ver-
vollkommneten maschinellen Vorrichtungen zuzuschreiben.“ 16 Die auf die
Mechanisierung der Produktionsabläufe abzielende Schilderung darf
nicht darüber hinwegtäuschen, dass das von Thonet entwickelte Holz-
biegeverfahren im Sinne einer innovativen, die Möbelindustrie umwäl
zenden Materialtechnologie nichts weniger als eine Revolution bedeutete:
Den tradierten, handwerklich gefertigten Stühlen der Möbeltischler war
ein modernes Industrieprodukt an die Seite gestellt worden, das in weitaus
größeren Stückzahlen hergestellt werden konnte und neue Märkte erobert
hatte. Um eben diesen Schritt in der Industrialisierung zu dokumentieren,
wurden die nach dem Brand von 1915 noch erhaltenen Möbel aus der
Privatsammlung der Thonets an ein Technik- und nicht an ein Kunstmu
seum übergeben.
Im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie waren Thonet-Stühle
freilich von Anfang an im Einsatz - als Gebrauchsmöbel: Aus dem Jahr
1864, unmittelbar nach Gründung des Museums, hat sich ein Akt erhalten,
der die Begleichung einer Rechnung für Einrichtungsgegenstände der
Gebrüder Thonet anmahnt. Da die Rechnung selbst nicht erhalten ist,
lässt sich allerdings nicht mehr feststellen, um welche Gegenstände es
sich genau gehandelt hat. 17 Nachvollziehen lässt sich allerdings, dass
1872 - unmittelbar nach Fertigstellung des neuen Gebäudes an der
Ringstraße nach Plänen von Heinrich von Ferstel - über 100 Exemplare
des Thonet-Sessels Nr. 8 von der Firma bezogen wurden. 18 Einige dieser
Stühle erhielten um 1910 neue Sitzflächen aus Sperrholz, um als Möb
lierung des neu eingerichteten Lesesaals zu dienen. Und auch der Vor
tragssaal des von Ludwig Baumann geplanten und 1909 eröffneten Er
weiterungsbaus wurde in dieser Zeit mit einer Theaterbestuhlung von
Thonet ausgestattet. Mit seiner Möblierung hatte das Museum also schon
früh auf qualitativ hochwertige, praktische und preisgünstige Industrie
produkte gesetzt; doch selbst wenn die Thonet-Bestuhlung als ästheti
sches Statement seitens des Museums verstanden werden konnte, war
sie deshalb noch längst nicht „museal“.
Tatsächlich sollte es noch bis Ende der 1960er Jahre dauern, bis die
ersten Bugholzmöbel von Thonet durch eine Widmung der Bundeskam
mer der gewerblichen Wirtschaft auch in die Sammlung des Museums
für angewandte Kunst gelangten. Dabei handelte es sich um die Exponate
einer von Architekt Karl Mang im Österreichischen Bauzentrum in Wien
gestalteten Ausstellung, die 1965 aus der Privatsammlung des späteren
15 Wilhelm Franz Exner, Das Biegen des Holzes, ein für Möbelfabrikanten, Wagen- und Schiffbauer
wichtiges Verfahren; mit besonderer Rücksichtnahme auf die Thonet'sche Industrie, nach e. im k.k.
österr. Museum für Kunst und Industrie gehaltenen Vortrag, Weimar 1876, 32. Im Jahr 1868 waren
dem Museum von den Gebrüdern Thonet offenbar gebogene Hölzer als Geschenk überlassen
worden, die Exner bei früheren Vorträgen als Demonstrationsobjekte verwendet hatte. Leider haben
sich diese Objekte nicht erhalten. Vgl. ZI. 1868-438 im Aktenarchiv des MAK. Für die Unterstützung
bei der Archiv-Recherche danke ich Kathrin Pokorny-Nagel.
16 Louis Edgar Andes, Die Holzbiegerei und die Herstellung der Möbel aus gebogenem Holz, Wien /
Leipzig 1903, VII.
17 Vgl. ZI. 1864-175 im Aktenarchiv des MAK.
18 Vgl. ZI. 1874-161 im Aktenarchiv des MAK.
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