Die Mechanisierung der Möbel
Wie der Architekturhistoriker Sigfried Giedion
in seinem 1948 erschienenen Buch Mechani-
zation Takes Command ausgeführt hat, kam
es im Zuge der sogenannten Patentmöbel
bewegung des 19. Jahrhunderts zu einer ra
santen Mechanisierung der Möbelproduktion:
Vor allem in den USA wurde eine kaum zu
überblickende Vielzahl ausgeklügelter Mecha
nismen zum Patent angemeldet, was sich im
Bereich der Sitzmöbel durch verstellbare Sitze
und Lehnen nicht nur positiv auf die Verbes
serung des Sitzkomforts auswirkte, sondern
auch eine hochgradige Spezialisierung herbei
führte. 1 Stühle nach amerikanischem Vorbild,
die durch ihre Mechanismen abwechslungs
reichere - heute würde man sagen: aktiv
dynamischere - Arbeitshaltungen erlaubten,
wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun
derts vermehrt auch in Europa produziert. Be
reits Mitte der 1860er Jahre bot die Firma
Thonet ein Drehstockerl an, das bis zum Plakat
von 1873 dann zu dem hier gezeigten Dreh
fauteuil Nr. 1 weiterentwickelt wurde. Im Un
terschied zu diesem frühen Drehmöbel, dessen
Unterteil mit den vier um einen Mittelteil ange
ordneten Bugholzbeinen und seiner Geflecht
bespannung der charakteristischen Thonet-
Ästhetik verpflichtetet war, lehnten sich spätere
Modelle auch formal stärker an die amerikani
schen Vorbilder an. So nahm das Unterneh
men ab 1908 etwa den Drehfauteuil Nr. 5541
in sein Programm 2 , der sich an die kippbaren
amerikanischen Barbierstühle anlehnte, und
zu Beginn der 1920er Jahre dann das „Dreh
stockerl für Maschinschreiber“ 3 , Modell
Nr. 5110, das bereits die typischen Bürostühle
des 20. Jahrhunderts erkennen lässt. Der kaum
zu übersehende, fast motorartige multifunktio
nelle Mechanismus unter der Sitzfläche dieses
Modells erlaubte nicht nur das Verstellen der
Sitzhöhe zwischen 38 und 52 Zentimetern,
sondern auch der Fixierung und des Neigungs
winkels der Sitzfläche sowie der Federung und
Position der Rückenlehne.
1 Vgl. Sigfried Giedion, Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein
Beitrag zur anonymen Geschichte (1948), Frankfurt am Main
1982, 447 f.
2 Mit dem Katalog von 1904 führte die Firma ein neues
Nummerierungssystem für ihre Möbel ein. Sie behielten ihre
früheren Nummern, wurden aber um vorgestellte Zahlen ergänzt,
die eine Zuordnung zu dem jeweiligen Möbeltypus erlaubten. So
wurde aus dem Drehfauteuil Nr. 41 die Nummer 5541.
3 Zentral-Anzeiger Nr. 75 vom 15.12.1922, o.S.
Drehfauteuil Nr. 1 Revolving Armchair No. 1
Entwurf Design: Gebrüder Thonet, 1873
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet, Bistritz Bystrice, um ca. 1890; Buche,
massiv gebogen, Eisen, Geflecht Beech, solid bent, iron, cane; MAK H 2932/1987
Drehfauteuil Nr.5541 Revolving Armchair No. 5541
Entwurf Design: Gebrüder Thonet, 1908
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet, Bistritz Bystrice, um ca. 1910; Buche,
massiv und gebogen, Metall Beech, solid and bent, metal; MAK H 2931/1987
Drehhocker für Maschinenschreiber Nr. 511 0 Revolving Stool for Typists No. 5110
Entwurf Design: Gebrüder Thonet, 1922
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet/Thonet Mundus, nach after 1922; Buche,
massiv und gebogen, Sperrholz, Metall Beech, solid and bent, plywood, metal;
MAK H 3408/2008
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