MAK

Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Rustikales Design 
ln einem kurzen Abriss der Firmengeschichte 
hatten die Gebrüder Thonet in ihrem Katalog 
von 1904 den Gartensessel Nr. 4 als einen 
ihrer Umsatzträger mit einem Absatz von meh 
reren Hunderttausend Exemplaren angeprie 
sen. 1 Die Gartensessei mit ihrer charakteris 
tischen, einfachen und etwas rustikal wirken 
den Bauweise wurden um die Jahrhundertwen 
de von Thonet in verschiedenen Ausführungen 
angeboten und scheinen als preisgünstige 
Ausstattung von Gartenrestaurants und Ter 
rassenlokalen in der Tat weite Verbreitung ge 
funden zu haben: Sie vermittelten eine boden 
ständige und unprätentiöse Gemütlichkeit, frei 
vom Raffinement hochherrschaftlicher Möb 
lierungen. Angesichts der vielbeschworenen 
Krisen seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben 
Schlichtheit und Reduktion, Notwendigkeit und 
Mäßigung in den letzten Jahren wieder an Re 
levanz gewonnen: Grund genug für viele junge 
Designer und Designerinnen, mit ihren Entwür 
fen an bewährte Lösungen anzuknüpfen und 
sich dabei auf die Stimmungswerte einfacher 
Möblierungen zu berufen, wie sie in den Kaf 
feehäusern und Gartenrestaurants des späten 
19. und frühen 20. Jahrhunderts verbreitet wa 
ren. Mit seinem 2009 entstandenen Stuhl 
„Feen“ kann sich der Designer Robert Rüf 
ebenso auf das Vorbild der tradierten ländli 
chen Stabellenstühle berufen, die insbeson 
dere im Alpenraum bis heute überlebt haben, 
wie auf die Thonet’schen Gartensessel, deren 
charakteristische Abstützung der Rücklehn 
holme auf den Hinterbeinen sein Entwurf auf 
nimmt. 2 
1 Vgl. Thonet Verkaufskatalog 1904, Vorwort, Statistische Daten, 
Seite b. 
2 Eine konstruktiv vergleichbare Lösung - die Lehnholme werden bis 
auf die Hinterbeine geführt - findet sich auch bei einigen Entwürfen 
von Erich Dieckmann: Bei dem Küchenstuhl von 1925 sind die 
Holme an der seitlichen Verstrebung und der Zarge befestigt, bei 
den Kinderstühlen von 1927 werden sie mit den Hinterbeinen und 
der Zarge verschraubt. Vgl. Michael Siebenbrodt (Hg.), Entwürfe 
für die Zukunft, bauhaus weimar, Weimar 2000, 170, Abb. 232, 
und Adolf G. Schneck, Das Möbel als Gebrauchsgegenstand, 
Bd. 3, Der Stuhl, Stuttgart 1928, 11, Abb. 7. 
Gartensessel Nr. 8 Garden Chair No. 8 
Entwurf Design: Gebrüder Thonet, 1890 
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet, Wsetin Vsetin, Ugrösz, Radomsk, 
Frankenberg, um ca. 1900; Buche, massiv Beech, solid; MAK H 3990/2019; 
Schenkung Donation Friedrich Langenecker 
170
	        
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