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Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Sampling avant la lettre 
Von der Kulturtechnik des Sampling spricht 
man eigentlich erst seit dem Aufkommen der 
digitalen Nachbearbeitung und Wiederverwen 
dung konservierter Töne in der Musikproduk 
tion ab Mitte der 1980er Jahre. 1 Allerdings ist 
der Begriff des Sampling längst auch auf an 
dere Bereiche der Kulturproduktion überge 
gangen, in denen einzelne Bestandteile von 
existierenden Kunstwerken oder Alltagsgegen 
ständen in den Kontext neuer Werke eingefügt 
und neu „abgemischt“ werden. In diesem Sin 
ne ließe sich von Adolf Loos’ berühmten Sessel 
für das Cafe Museum in Wien von 1899 - mit 
dem der Architekt gewissermaßen den Reigen 
der modernen Architektenmöbel begründete 
und noch vor der Jahrhundertwende die Er 
neuerung der Bugholzmöbel einleitete - von 
einem Sampling avant la lettre sprechen: Loos 
verwendete für seinen Sessel den bekannten 
Sattelsitz - allerdings geflochten - und anstelle 
des üblichen Fußreifs die vierteilige Kohn'sche 
Fußverbindung L 4. 2 Bei der Konstruktion be 
diente er sich der 1877 patentierten „vierfachen 
unmittelbaren Verbindung von Sitz und Rück 
lehne bei Moebeln aus gebogenem Holze“, 3 
die bereits bei vielen anderen Modellen zur An 
wendung gekommen war. 4 Gestalterisch hat 
sich Loos also eher zurückgehalten: Im Unter 
schied zu den künstlerischen Entwürfen, die 
sein Gegenspieler Josef Hoffmann nach der 
Jahrhundertwende für die Firma Kohn erarbei 
ten sollte, wirkt sein Modell wie ein ganz „nor 
males“ - gleichsam organisch entwickeltes - 
Bugholzmöbel ohne besondere Merkmale. 
Wenn sich hier also von Sampling sprechen 
lässt, dann nicht als formales Zitat, sondern im 
Sinne einer funktionellen Optimierung beste 
hender Elemente im Dienste der Bequemlich 
keit und Eleganz. Das Kohn'sche Modell Nr. 
248a, 1901 entworfen und erstmals 1902 an- 
geboten, kann als eine vereinfachte Version 
des von Loos entworfenen Modells angesehen 
werden. Aufgrund der äußerst aufwendigen 
Fertigung der je nach Belastung und Bean 
spruchung sich permanent ändernden Quer 
schnitte der Bugholzteile konnte der Loos’sche 
Sessel nur zu einem sehr hohen Preis ange- 
boten werden. Das Serienmodell Nr. 248a 
dürfte dagegen wesentlich einfacher in der 
Fertigung und damit auch günstiger im Preis 
gewesen sein. 
1 „Looking For The Perfect Beat“ von DJ Africa Bambaataa aus dem 
Jahr 1983 gilt als das erste Musikstück, in dem gesampelt wurde. 
Vgl. Ulf Poschardt, DJ-Culture, Frankfurt am Main 1995, insbes. 
226 ff. 
2 Bei Thonet wurde diese unter der Nr. 22 angeboten. 
3 Patentgesuch von J. & J. Kohn vom 5. Oktober 1877, Wsetin. 
4 „Die mit dieser Construction ausgestatteten Sessel, Fauteuils, 
Halbfauteuils und Canapös zeichnen sich durch besondere 
Festigkeit aus. Es sind dies folgende Nummern: 27, 28, 30, 30 1 /2, 
31,32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 41,44, 45, 46, 47, 55, 56 u. 255.“ 
Vgl. den Kohn-Katalog von 1902. 
Sessel Nr. 255 Chair No. 255 für for Cafe Museum 
Entwurf Design: Adolf Loos, Wien Vienna, 1898 
Ausführung Execution: J. & J. Kohn, 1899; Buche, massiv 
gebogen, Geflecht Beech, solid bent; MAK H 2805/1985 
176
	        
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