Die Modernität der Jahrhundertwenden
Im Zuge des Klassizismus und dem von Johann
Joachim Winckelmann propagierten Ideal vor
nehmer Einfachheit der Antike scheint der
Schlichtheit von Gebrauchsgegenständen in
der Zeit um 1800 erstmals eine eigene ästhe
tische Qualität zugestanden worden zu sein. 1
Im Unterschied zu den vorangegangenen Stil
epochen waren die Möbel nun von ungeküns
telter Eleganz, sie hielten sich im Dekor zurück
und waren vergleichsweise geradlinig und
sachlich; die schlichten Formen wurden ledig
lich durch ausgesuchte Furnierbilder betont.
Zu einer vergleichbaren stilistischen Minimali-
sierung kam es erneut an der Wende zum
20. Jahrhundert: Nach dem im Flistorismus des
19. Jahrhunderts üblichen, fassadenhaften
Durchdeklinieren überkommener Stile began
nen die secessionistischen Architekten und
„Raumkünstler“ in Wien um 1900 damit, die
Konstruktion von Bauwerken und Inneneinrich
tungen vermehrt aus den Gesichtspunkten von
Funktionalität und Materialgerechtheit heraus
zu entwickeln: Gerade bei den Möbeln konnte
der Auffassung von Holz als einem schlichten
und einfach zu bearbeitendem Werkstoff Rech
nung getragen werden. Wie der Tisch und die
Blumensäule von Thonet nachvollziehbar ma
chen, diente die Zeit von 1800 bis 1830 auch
während des Ersten Weltkriegs oftmals noch
als wichtige Inspirationsquelle. 2
1 Vgl. Detlev Schöttker, „Reduktion und Innovation. Die Forderung
nach Einfachheit in ästhetischen Debatten zwischen 1750 und
1995“, in: Gerhart von Graevenitz (Hg.), Konzepte der Moderne
(= DFG-Symposion 1997), Stuttgart/Weimar 1999, 331-349.
2 Vgl. Ausst.-Kat. Wien 1981: Moderne Vergangenheit: Wien
1800-1900.
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Ständer Nr. 9652 Stand No. 9652
Entwurf Design: Gebrüder Thonet, 1915
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet,
Bistritz Bystrice, um ca. 1915; Buche,
massiv Beech, solid; MAK H 3591/2012
Blumenständer Plant Stand
Entwurf Design: unbekannt unknown,
Österreich Austria, um ca. 1825; Nuss,
vergoldet, gefasst Walnut, gilded, painted;
MAK SOB 307/1956
200