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Eva Chytilek: Der fünfte Stuhl, 2008, Thonet-Bugholzstühle; Museum Bedeutsam ist diese Erinnerung insofern, als sie noch einmal die
auf Abruf, Wien Eva Chytilek: Der fünfte Stuhl, 2008, Thonet bentwood Schranken zwischen Hochkunst und Trivialkultur vergegenwärtigt, die
chairs; Museum auf Abruf, Vienna auch das um 1900 in Mode gekommene Konzept des Gesamtkunst
werks nicht befriedigend auflösen konnte und die im Verlaufe des
20. Jahrhunderts erst nach und nach zu fallen begannen. 28 Erst in den
1960er Jahren, als mit den Bildern von Andy Warhol selbst Konserven
büchsen - für Sigfried Giedion der Inbegriff der industriellen „Vollme
chanisierung“ 29 - in die Kunstmuseen einzogen, konnten preiswerte
Serienprodukte, die sich als praktisch und langlebig erwiesen und sich
stilistisch gegenüber flüchtigen Moden und Geschmacksdogmen be
hauptet hatten, als gutes Design anerkannt werden. In diesem Kontext
wurden die Industrieprodukte von Thonet nicht mehr nur als billige und
ubiquitäre Gebrauchsgegenstände aufgefasst, sondern als Inkunabeln
der Möbelgeschichte und wertvolles Kulturgut: Sie wurden kunst- und
sammlungswürdig. 30
Schon bei Adolf Loos, der seinen eigenen Entwurf von 1898 allerdings
von der Konkurrenzfirma J. &J. Kohn hatte produzieren lassen, stand der
Name Thonet metonymisch für Bugholzmöbel - so, wie die Namen Tempo
heute stellvertretend für Taschentücher, Ohropax für Ohrstöpsel und Tesa
(in Deutschland) beziehungsweise Tixo (in Österreich) für Klebeband
stehen. In der Tat ist die Bedeutung von Thonet als Vorbild für das zeit
genössische Industriedesign nicht zu überschätzen: Kaum eine Darstellung
der Designgeschichte kommt ohne Erwähnung des Namens Thonet aus,
kaum eine größere Sammlung moderner Möbel ohne zumindest einen
Thonet-Stuhl. Auch daran, dass Sitzmöbel - insbesondere Stühle - heute
unbestritten das Leitmedium unter den Möbeln bilden, hat die Erfolgs
geschichte des Unternehmens Anteil. Waren es bis Ende des 19. Jahr
hundert die Kabinettschränke, an denen kostbare und exotische Mate
rialien verarbeitet und neue Handwerks- und Verarbeitungstechniken er
probt wurden, so liefen die modernen Sitzmöbel diesen überkommenen
Luxusmöbeln aufgrund ihrer Körperbezogenheit langsam den Rang ab:
Sie bildeten das neue Experimentierfeld, das innovative gesellschaftliche
Positionen und Haltungen beförderte und über die Art und Weise des
Sitzens die geistige Verfasstheit der Zeit zum Ausdruck brachte. Die als
Kaffeehausstühle verbreiteten Produkte von Thonet waren in dieser Hin
sicht wegweisend und haben Generationen geprägt.
28 Vgl. dazu Kirk Varnedoe / Adam Gopnik, High & Low. Moderne Kunst und Trivialkultur, München 1990.
29 Vgl. Giedion 1982 (wie Anm. 23), 63.
30 Das gilt neben den Bugholzmöbeln auch für die Stahlrohrmöbel, die das Unternehmen ab Ende
der 1920er Jahre herstellte, auch wenn diese - vor allem aufgrund der deutlich höheren
Verkaufspreise - nicht dieselbe Verbreitung fanden.
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