Mit seinen konstruktiven Möglichkeiten und
seiner kühlen Eleganz entsprach das chrom
glänzende Stahlrohr perfekt den Gestaltungs
prinzipien der Neuen Sachlichkeit: Das für den
Möbelbau vor 1925 kaum beanspruchte Ma
terial ließ keinen Gedanken an die „abgeholz
ten Rotbuchenwälder wie bei einem Thonet-
Stuhl“ aufkommen; vielmehr erinnerte es in sei
ner technoid-funktionalistischen Anmutung an
eine „konstruierte Maschine“.' Die frühen Stahl
rohrstühle waren zunächst noch farbig lackiert
oder vernickelt, bevor das Chrom eingesetzt
wurde und programmatische Bedeutung er
hielt: ,,[D]as Rohr sollte nicht nur aus Metall
sein, es sollte auch so aussehen, je metallener,
desto besser. So wurde die Verchromung bald
zu einem leicht faßlichen Stilmerkmal.“ 2 Auf die
Stahlrohrmode der späten 1920er Jahre rea
gierte die Firma Thonet Mundus, indem sie
selbst in das Stahlrohrgeschäft einstieg und
1929 zunächst die Standard Möbel GmbH,
1932 auch die Firma Desta aufkaufte. Zugleich
nahm sie neue Bugholzentwürfe in ihr Pro
gramm auf, deren Formensprache sich auf die
charakteristischen Konstruktionen aus Stahl
rohr bezog. Um die „Bugholzsessel als Woh
nungsmöbel“ noch stärker dem Zeitgeschmack
anzupassen, beschloss das Unternehmen, sei
ne Möbel vor allem farbig lackiert anzubieten,
wobei die Holzstruktur vollkommen verdeckt
werden sollte. 3
1 Gert Seile, Design-Geschichte in Deutschland, Köln 1987, 160.
2 Schuldt, „Zur Einführung“, in: Jan van Geest / Otakar Mäöel, Stühle
aus Stahl, Köln 1980, 7-52: 22. Allerdings waren Stahlrohrmöbel
bei Thonet auch in den 1930er Jahren noch in vielen Farben
erhältlich. Vgl. Alexander von Vegesack, Deutsche Stahlrohrmöbel,
München 1986, 23.
3 Vgl. „Bugholzsessel als Wohnungsmöbel“, in: Thonet-Mundus
Zentralanzeiger, Nr. 100, Dezember 1929, 2-3.