Hybride Stahlrohrmöbel
Obwohl die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer
bis 1929 fast ausschließlich von der Standard
Möbel GmbH hergestellt wurden, ging der
Stahlrohr-Freischwinger B 32 bei der Gebrü
der Thonet AG in Produktion, 1 Zum modernen
Klassiker avancierte dieses Modell - das heute
vor allem unter dem Namen „Cesca“ bekannt
ist 2 - wohl nicht zuletzt deshalb, weil Breuer
dabei auf den bewährten Sitz der Bugholz
stühle mit dem typischen Rohrgeflecht zurück
gegriffen und sein Design damit speziell „auf
die Produktpalette und die Traditionen des Mö
belhauses Thonet“ abgestimmt hatte: Bedenkt
man, „dass das Wiener Geflecht ebenso zum
Markenzeichen der berühmten Thonet-Kaffee-
hausstühle geworden war wie das Bugholz“,
so lag Breuers Konzept für diesen Stuhl offen
bar in einer „Symbiose von Verweisen auf das
technisch Zeitgemäße sowie das historisch
Etablierte“. 3 Das Konzept, die kalten und
chromblitzenden Stahlrohrgestelle mit anderen
- wärmeren und haptisch angenehmeren -
Materialien zu verbinden, machte jedenfalls
Schule: Als einer der ersten kombinierte Alvar
Aalto - der von der technischen und konstruk
tiven Rationalität der Stahlrohrstühle ebenso
überzeugt war wie von deren Elastizität, die
das frei schwebende Sitzen erst möglich ge
macht hatte 4 - ein U-förmiges Untergestell aus
Stahlrohr mit einem federnden Sperrholzsitz
und geschwungener Rückenlehne zu einem
solchen „hybriden“ Stuhl. 5 Ein vergleichbares
Modell entstand mit dem Modell B 247 in den
frühen 1930er Jahren auch bei Thonet in Fran
kenberg, wobei anders als bei Aalto der Sperr
holzsitz auf einem Bugholzrahmen montiert ist.
Der gebogene Rücken wird dabei als eigen
ständiges Element mit diesem Rahmen ver
schraubt.
1 Die ursprüngliche Version dieses Modells wird zumeist auf
1928/29 datiert. Dafür fehlt allerdings ein archivalischer Nachweis.
Zu dieser Diskussion vgl. Werner Möller / Otakar Mäcel, Ein Stuhl
macht Geschichte, München / Dessau 1992, 29, An. 54.
2 Als Abkürzung des Namens von Marcel Breuers Tochter Francesca.
Vgl. Eckart Bergmann, Marcel Breuers Freischwinger B 32/64
(= Detmolder Möbelmonografien 1), Detmold 1997.
3 Vgl. Möller/Mäcel 1992, 29.
4 Sebastian Hackenschmidt, „Frei Schwingen. Stühle als Materialex
periment“, in: Ausst.-Kat. Wien 2006: Frei Schwingen, 31-68: 34 ff.
5 Marcel Breuer und Gunnar Asplund lieferten hierzu die „Vorlagen“.
Vgl. Göran Schildt, „Aalto's first modern furniture“, in: ders., Alvar
Aalto, The decisive years, New York 1986, 33-39.
Freischwinger Cantilever Chair B 263/V
Entwurf und Ausführung Design and execution: Gebr. Thonet AG, Frankenberg,
um ca. 1935, Intern, künstlerisches Urheberrecht International artistic Copyright:
M. Stam; Stahlrohr, Buche, massiv gebogen, Sperrholz Tubulär Steel, beech, solid
bent, plywood; Privatsammlung Private Collection
Freischwinger Cantilever Chair B 32
Entwurf Design: Marcel Breuer, Deutschland Germany, 1928/29
Ausführung Execution: Gebr. Thonet AG, Frankenberg, 1930er Jahre 1930s;
Stahlrohr, Buche, massiv und gebogen, Geflecht Tubulär Steel, beech, solid and
bent, cane; Privatsammlung Private Collection
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