Windsor-Stühle
„Im frühen 18. Jahrhundert hat die Sesselform
wahrscheinlich den Höhepunkt eines beque
men, dekorativen und den Bedürfnissen des
menschlichen Körpers angepassten Möbels
erreicht. Der Windsor- oder Sprossensessel
war genau die richtige funktionelle Lösung für
das Problem des Sitzens auf einem Stuhl aus
Holz“, schrieb der englische Schriftsteller John
Gloag 1934 in seinem Buch Industrial Art Ex-
plained. 1 Ähnlich überzeugt von der Qualität
englischer und amerikanischer Windsor-Stühle
war der Architekt Josef Frank, der sich bei sei
nen eigenen Möbelentwürfen häufig an diesem
bewährten Typus orientierte. Frank ging es da
bei weniger darum, neue Kreationen zu erfin
den, als vielmehr anonyme Traditionen im
Dienst von Bequemlichkeit und Wohnlichkeit
für seine Zeit zu aktualisieren. Ganz in diesem
Sinne schätzte der österreichische Architekt
auch entsprechende Windsor-Modelle aus der
Produktion von Thonet, die er nicht nur häufig
für seine Inneneinrichtungen verwendete, son
dern auch in das Angebot seines Einrichtungs
unternehmens Haus & Garten aufnahm. 2
Schon kurz nach der Jahrhundertwende hatten
die Gebrüder Thonet zwei Windsor-Möbel in
ihrem Programm als „Moderne Fauteuils“ an-
geboten. 3 Erst Ende der 1920er Jahre findet
sich dieser Stuhltypus erneut bei Thonet. 4 Als
maschinell hergestellte Typenmöbel bilden
diese Stühle die große Ausnahme unter den
von Frank ansonsten bevorzugten Wiener
Tischlermöbeln. 5
1 John Gloag, Industrial Art Explained, London 1934, 134 f., 143 f.
2 Die Thonet AG gehörte zu den in der 1938 von den Nationalsozia
listen geforderten Vermögensanmeldung aufgeführten Lieferanten
der Firma Haus & Garten. Vgl. Österreichisches Staatsarchiv
AT-OeStA/AdR E-uReang VVSt VA Buchstabe W 20824
(2. Beilage zum Fragebogen vom 15. April 1938).
3 Vgl. den Thonet Katalog 1904, 47. Der erste Nachweis dieser
Möbel findet sich im ZA Nr. 2 vom 1710.1903.
4 In einem Katalog von 1928 finden sich insgesamt sechs Modelle,
darunter auch die hier vorgestellten Modelle B 936 und B 945/F.
5 Vgl. Sebastian Hackenschmidt, „Handwerkliche Typisierung:
Die Wiener Möbelkultur zwischen Tischlerkultur und Massen
produktion“, in: Ausst.-Kat. Wien 2016: Josef Frank, 172-183.
Armlehnsessel Armchair B 945 F
Entwurf Design: Thonet Mundus, um ca. 1928
Ausführung Execution: Thonet Mundus / Gebr. Thonet AG, bis until 1939;
Buche, massiv und gebogen Beech, solid and bent; MAK H 3104/1990;
Schenkung Donation Erika Feilerer
Sessel Chair B 936
Entwurf Design: Thonet Mundus, um 1928
Ausführung Execution: Thonet Mundus / Gebr. Thonet AG, bis until 1939;
Buche, massiv und gebogen Beech, solid and bent; MAK H 3739/2013
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