Kritik der stählernen Weltanschauung
Neben Stahlrohrstühlen umfasste das Angebot
der Firma Thonet zu Beginn der 1930er Jahre
auch Hocker, Liegen, Betten, Schränke,
Schreib- und Beistelltische, diverse Ablagen,
Garderoben, Schirmständer und Blumen-Eta-
geren aus Stahlrohr. Zunehmend machte sich
aber auch Kritik an dem neuen Material breit,
das häufig als kalt, hart, unwohnlich oder gar
als unmenschlich empfunden wurde. Zudem
wurden Stahlrohrmöbel als Modeerscheinung
aufgefasst, die weder einen ökonomischen
noch einen ästhetischen Grund böten, sie Mö
beln aus Holz vorzuziehen. 1 Auch der österrei
chische Architekt Josef Frank polemisierte in
seinem 1931 erschienenen Buch Architektur
als Symbol gegen die Stahlrohrstühle mit ihren
kubischen Formen, die er als Inbegriff der Bau
haus-Ästhetik und des „deutschen neuen Bau
ens“ auffasste. Als Ausdruck einer geradezu
militanten Radikalität bei der Standardisierung
und Uniformierung von Gestaltungsansätzen
erschien Frank die Verwendung von Stahlrohr
im Umfeld des Deutschen Werkbunds gar als
eine Parallele zur neuerlichen militärischen Mo
bilmachung Deutschlands: „Stahl ist kein Ma
terial, sondern eine Weltanschauung. Diese
Sessel sind eigentlich erdacht worden, dem
Reparationskommissär als Sitzgelegenheit zu
dienen, um ihm den Ernst der deutschen Be
strebungen vorzuführen.“ 2 Und in ironischer
Anspielung auf das „Vaterlandslied“ des natio
nalistischen Schriftstellers Ernst Moritz Arndt
von 181 2 fügte Frank hinzu: „Der Gott, der Ei
sen wachsen ließ, der wollte keine Holzmöbel.“ 3
Frank selbst trat mit seinem seit 1925 gemein
sam mit Oskar Wlach geführten Einrichtungs
haus Haus & Garten für schlichte, aber ele
gante und handwerklich anspruchsvoll ausge
führte Gebrauchsmöbel aus Holz ein; Metall
kam für ihn nur für Gartenmöbel, Blumentische
und Lampen in Frage.
Zu den Kritikern zählte etwa auch Alvar Aalto. Vgl. Alvar Aalto,
„Finnische Möbel aus gepreßtem Holz“, in: Werner Blaser, Alvar
Aalto als Designer, Stuttgart 1982, 92 f.
Josef Frank, Architektur als Symbol. Elemente Deutschen Neuen
Bauens (1931), Wien 2005, 132 f.
Ebd., 133.
%
Ni
*
Blumenständer Plant Stand B 135
Entwurf Design: Emile Guyot, Frankreich France, um ca. 1930
Ausführung Execution: Gebr. Thonet AG, Frankenberg, um ca. 1931; Stahlrohr, Glasplatten,
Gummiauflagen Tubulär Steel, glass plates, rubber supports; Thonet Frankenberg
220