MAK

Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Rolf Sachs: „Franz bezirzt Mart“, 2019, Freischwinger, Rom, 2019 
Rolf Sachs: “Franz bezirzt Mart,” 2019, Cantilever chair, Rome, 2019 
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Entsprechend stehen in dieser - die Ausstellung im MAK begleiten 
den - Publikation auch überwiegend Sitzmöbel im Mittelpunkt: Sie bil 
deten seit jeher die Kernkompetenz des Unternehmens. Über den chro 
nologisch angelegten Gesamtüberblick hinaus werden die Bugholz 
möbel hier erstmals konsequent in die technologische, typologische, äs 
thetische und historische Entwicklung des modernen Möbeldesigns 
eingebettet. Durch die Gegenüberstellung von jeweils mehreren Objekten 
können nicht nur die Neuerungen und Entwicklungsschritte auf dem Ge 
biet der Bugholztechnologie deutlich gemacht werden, sondern auch 
die Korrespondenzen und Divergenzen mit anderen Bereichen der Mö 
belproduktion. In der Designgeschichte haben die Möbel von Thonet 
eine große Wirkung entfaltet, sie haben aber durchaus auch dem Zeit 
geschmack Rechnung getragen und fremde Einflüsse aufgegriffen. So 
geht es hier nicht zuletzt darum, die Zäsuren aufzuzeigen, aus denen die 
zahlreichen Neuorientierungen und Neupositionierungen in der 200-jäh 
rigen Geschichte der Unternehmung „Thonet“ resultierten. Ausstellung 
und Katalog gehen auf diese Weise über den bislang üblichen, aus 
schließlich auf Bugholzmöbel fokussierenden Ansatz hinaus und zeigen 
die zentrale Bedeutung der Marke Thonet erstmals umfassend im Kontext 
des modernen Möbeldesigns. 
Das MAK verfügt über eine hervorragende Möbelsammlung und einen 
der weltweit größten Bestände an Bugholzmöbeln; dennoch war die 
Realisierung dieser anspruchsvollen Zusammenstellung nur durch die 
Unterstützung und die Leihgaben von institutioneller, unternehmerischer 
und privater Seite möglich, wofür an dieser Stelle ganz herzlich gedankt 
sei. Gedankt sei auch allen an diesem Projekt beteiligten Bugholz- 
Historikern - allen voran meinem Co-Kurator und -Autor Wolfgang Thill- 
mann -, deren systematischer Forschung und wissenschaftlicher Akribie 
es zu verdanken ist, dass in den letzten Jahren viele wesentliche Erkennt 
nisse zur Entwicklung der Bugholzmöbel gewonnen wurden und zahlrei 
che falsche Zuschreibungen, die oft genug den Interessen des Kunst 
markts entsprachen, korrigiert werden konnten. Vieles gilt es auf dem 
Gebiet der „Thonetologie“ noch zu untersuchen und auszuwerten, aber 
einiges wird wohl auch in Zukunft im Dunkeln bleiben: Gerade im Bereich 
der Zuschreibungen bestehen nach wie vor viele Unklarheiten - auch 
deshalb, weil die Bugholzproduzenten bis in die Nachkriegszeit meist 
wenig Wert darauf gelegt haben, die Entwerfer ihrer Möbel publik zu ma 
chen. 
Auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung der Bugholzmöbel auf dem 
Möbelmarkt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem Maße 
nachgelassen hat, wie ihre kunsthistorische Bedeutung für die Museen 
gestiegen ist, so handelt es sich doch keineswegs um ein abgeschlos 
senes Kapitel der Möbelgeschichte. Die Firmen Thonet in Deutschland, 
Gebrüder Thonet Vienna in Italien und TON in Tschechien arbeiten re 
gelmäßig mit internationalen Designer*innen zusammen, um ihre Pro 
duktpalette immer wieder mit anspruchsvollen Entwürfen zu erweitern. 
Aber auch für viele Firmen, die nicht auf gebogenes Holz spezialisiert 
sind, ebenso wie für viele freie Designer*innen und Künstlerinnen stellt 
das Thema Bugholzmöbel eine fortwährende Herausforderung dar: Im 
Spannungsfeld von Traditionsbewusstsein und Innovationspotenzial wer 
den die Pole dabei einerseits von Produkten gebildet, die sich auf dem 
Warenmarkt behaupten können sollen, andererseits von Objekten, die 
ihre technologischen, typologischen und ästhetischen Bedingungen auf 
bislang ungewohnte Weise zur Anschauung bringen. In den besten Fällen 
gelingt es, die beiden Aspekte in Einklang zu bringen.
	        
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