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Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Wolfgang Thillmann 
Thonet im 
19. Jahrhundert 
Boppard 1819-1842 
Michael Thonet, geboren am 2. Juli 1796 in Boppard, übernahm 1819 
die Schreinerwerkstatt seines Vaters, Franz Anton, der 1786 von Ander 
nach nach Boppard gekommen war. Am 13. April 1820 heiratete Michael 
die Metzgerstochter Anna Maria Grass. Die Heiratsurkunde Michael 
Thonets weist als Beruf des Vaters nicht nur „tanneur“, sondern auch 
„Schreiner“ auf, ,,[...]eine Besonderheit, die seine Berufswahl und die in 
der Literatur immer wieder genannte Gründung einer Schreinerwerkstatt 
im Jahre 1819 erklärt. Hätte Thonets Vater bis dato mit Erfolg eine 
Gerberei betrieben, so hätte mit Gewissheit der einzige Sohn des Hauses 
diese übernehmen müssen. Die Tischlerei indes muss damals bereits 
floriert haben, sonst wäre Michael Thonet wohl kaum imstande gewesen, 
im damals ungewöhnlich frühen Alter von knapp 24 Jahren den Ehestand 
einzugehen und eine Familie zu ernähren.“ 1 
1830 begann Michael Thonet mit den ersten Versuchen, Möbelteile, vor 
wiegend für Sessel und Fauteuils, aus einzelnen, miteinander verleimten 
Leisten - er spricht von „Schienen“ - herzustellen. Diese wurden als 
Bündel in einem Leimbad gekocht und anschließend in noch heißem Zu 
stand in Formen eingelegt und gepresst. Dieses Bündel wurde bereits 
so breit belassen, dass man, wenn man es nach der Trocknung in Längs 
richtung aufschnitt, identische Seitenrahmen für mehrere Stühle erhielt. 2 
Mit diesem Verfahren war die Herstellung nur zweidimensionaler Bauteile 
möglich, was jedoch für die gewünschten Formen genügte. Für die sicht 
baren Außenseiten der Möbel verwendete Thonet Nuss- oder Kirsch 
baumfurniere, für die nicht sichtbaren, innen liegenden Furniere qualitativ 
mindere Hölzer. 
Der Bopparder Stuhl ist in seiner grundsätzlichen Formgebung ein Möbel 
des Spätbiedermeier - Michael Thonet hat diesen Stuhltyp nicht er 
funden. 3 Doch bereits hier ist zu sehen, wie eine neue Herstellungstech 
nik die Form des Produkts beeinflusst: Die zweiteiligen Seitenrahmen, 
wie sie die Bopparder und auch die ersten in Wien gefertigten Stühle 
haben, sind nur in der Technik der Schichtverleimung möglich. 
Es waren jedoch nicht vorrangig gestalterische Gründe, die zu der „Er 
findung“ dieser Seitenrahmenkonstruktion geführt haben. Michael Thonet 
löste damit in erster Linie ein technisches Problem: Die Verbindung der 
Vorder- und Hinterbeine mit einem Sitzrahmen war im Stuhlbau insofern 
eine Herausforderung, als diese Verbindung meist nicht dauerhaft stabil 
war. Michael Thonets Lösung war revolutionär. Er schuf keine neue Art 
von Verbindung oder verbesserte sie bloß, nein: er beseitigte sie: Bei 
den Boppardern bestehen Sitz und Stuhlbein aus jeweils einem Bauteil 
1 Reinhard Lahr, „Familie und Werkstatt Thonet bis 1842", in: Ausst.-Kat. Koblenz 1996: Thonet, Biegen 
oder Brechen, 20-33: 21. 
2 Vgl. Französischer Patentantrag vom 16.11.1841, eiles puissent etre coupees en plusieurs 
parties, et servir ainsi ä composer trois, quatre chaises et meme plus“, in: Robin Rehm / Christoph 
Wagner (Hg.), „Transkription der Patentschriften“, in: Designpatente der Moderne 1840-1970, 
Berlin 2019, 418. 
3 Vgl. Heidrun Zinnkann, Mainzer Möbelschreiner der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, 
Frankfurt am Main 1985, 70ff. 
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