MAK

Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Gender-Konstruktionen 
ln ihrer 1974 entstandenen Skulptur „Schuh 
sessel“ hat die Künstlerin Birgit Jürgenssen ei 
nen einfachen Bugholz-Stuhl in einen überdi 
mensionierten Stöckelschuh transformiert. 1 Ein 
funktionierender, vertrauter Alltagsgegenstand 
wird auf diese Weise zu einem zwitterhaften, 
fast surreal anmutenden Objekt ohne kon 
kreten Gebrauchswert, das seine libidinöse 
Ökonomie aber umso deutlicher zur Schau 
trägt: das Klischee des Schuhs als Fetischob 
jekt ebenso wie die Ausstattung des - hier frei 
lich abwesenden - Körpers mit bestimmten 
Accessoires. Dergestalt provoziert der weib 
lich konnotierte Stöckelschuh nicht nur eroti 
sche Fantasien, sondern auch Fragen der Ge 
schlechtsidentität und der Konstruktion von 
Weiblichkeit. 2 Mit ihrem „Herrendiener“ hat die 
Künstlerin Uta Belina Waeger Jürgenssens 
Objekt ein „männliches“ Pendent gegenüber 
gestellt und sich dabei auf den sogenannten 
„Stummen Diener“ bezogen - einen traditio 
nellen, speziell zur Ablage von Männerkleidung 
dienenden Möbeltypus. 
1 Da das Kunstobjekt vollständig mit Leder verkleidet ist, lässt sich 
der zugrundeliegende Stuhl nicht mit Sicherheit bestimmen; 
vermutlich handelt es sich aber um eines der beiden Thonet- 
Modelle Nr. 681/2 oder Nr. A500/1 aus deutschsprachigen 
Katalogen der frühen 1930er Jahre: Beide haben rechteckige 
Profile, die Winkel zwischen Vorder- und Hinterbeinen wurden 
u.U. von Birgit Jürgenssen entfernt. 
2 Vgl. auch Starker Auftritt! Ausst.-Kat. Leipzig/Bielefeld 2013. 
Skulptur Sculpture „Schuhsessel“ 
Entwurf und Ausführung Design and execution: 
Birgit Jürgenssen, Österreich Austria, 1974; 
Holz, Leder Wood, leather; MAK GK 17/1988 
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