Künstlerische Transformationen
Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich die
Dinge des Alltags in zunehmendem Maß in die
Kunst eingeschlichen und dort eine eigene
Entwicklung als künstlerische Pendants der
gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände vollzo
gen. Als häufig gewählter Ausgangs- bezie
hungsweise Fluchtpunkt künstlerischer Arbeit
haben insbesondere Möbel auf diese Weise
völlig neue ästhetische und symbolische Qua
litäten gewonnen. 1 Immer wieder sind dabei
auch ganz spezielle oder ganz einfache und
weit verbreitete Bugholzmöbel in den Fokus
der künstlerischen Aufmerksamkeit geraten.
So verwendete der Künstler Rolf Sachs 2008
das Modell Nr. 3 - den erfolgreichsten
Schreibtischfauteuil der Firma Thonet, der ab
Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen
Ausführungen hergestellt und angeboten wur
de - für einen als „spitting image“ bezeichne-
ten Abguss aus semitransparentem, bern
steinfarbenem Urethanharz, um die Möbelfor
men von ihrer Funktionalität zu befreien und
ästhetisch neu verhandeln zu können. In ähnli
cher Absicht hat der Künstler Markus Wilfling
2007 zwei Sessel aus dem von Fiermann
Czech 1993 eingerichteten MAK-Cafe in eins
seiner „Schattenobjekte“ verwandelt, mit de
nen er auf die kapitalistische Doppelexistenz
der Gegenstände zwischen ökonomischem
Tauschwert und praktischem Gebrauchswert
verweist: „Diese Doppelexistenz jedes Gegen
stands erzeugt eine Schattenwelt, eine Welt
der Phantome und Gespenster, die aber real
existiert: Die real existierenden Phantome der
kapitalistischen Warenwelt, die Fetische, ste
hen in Wilflings Skulpturen nebeneinander
oder gegenüber.“ 2
1 Vgl. Udo Kultermann, Neue Dimensionen der Plastik, Tübingen
1967, 80 ff. sowie Ausst.-Kat. Wuppertal 1985: Die sich verselbst
ständigenden Möbel. Objekte und Installationen von Künstlern,
und Ausst.-Kat. München 1987: Möbel als Kunstobjekte.
2 Peter Weibel: „Das Double der Objekte im Reich der Schatten“,
in: Ausst.-Kat. Wien 2002: Markus Wilfling - andersartiges
gleichartiges, o.S.
Armlehnsessel Armchair „Spitting Image“
Entwurf und Ausführung Design and execution: Rolf Sachs, Deutschland Germany, 2008
Urethanharz, gegossen Urethane resin, molded; MAK H 4004/2019; Schenkung Donation Rolf Sachs
264