Materialimitation
1 964 entwarf Gillis Lundgren für die Firma
IKEA einen Bugholzstuhl, der seine Ähnlichkeit
mit dem von Thonet produzierten Modell Nr. 18
kaum verbergen konnte. 1983 fiel dem schwe
dischen Unternehmen dann aber doch etwas
Originelles ein, als es auf die Idee kam, das
auf den Namen „Ögla“ getaufte Modell auch
aus Kunststoff herzustellen. Wie schon im Fall
der eisernen Gartenstühle aus der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, die verschiedene
Thonet-Modelle nachbildeten, wurde auch hier
die charakteristische Formensprache der Bug
holzstühle, die sich aus den spezifischen Ei
genschaften des Materials entwickelt hatte, in
einem völlig anderen Werkstoff reproduziert.
Während aber die gebogenen Eisenstäbe der
Gartenstühle durchaus eine formale Ähnlichkeit
mit Bugholzstäben haben, besitzen Kunststoffe
die Fähigkeit, fast jede beliebige Form anneh
men zu können. Angesichts dieser geradezu
unbegrenzten Möglichkeiten gibt es keinen
wirklichen Grund dafür, Bugholzstühle mit ihren
miteinander verschraubten Einzelteilen in Plas
tik zu kopieren - vor allem Modelle aus einem
Guss, etwa die berühmten Monoblocs, lassen
sich weit einfacher, kostengünstiger und ratio
neller aus Plastik herstellen, 1 Andererseits gibt
es offenbar einen Markt für solche Material
imitationen; Nicht nur ist der Stuhl „Ögla“ bis
heute bei IKEA im Programm, 2 auch Garten
möbel aus Metall haben sich in den letzten
Jahrzehnten immer wieder an den Bugholzfor
men der Thonet-Stühle orientiert - und dabei
sogar das charakteristische Wiener Geflecht
in Blech nachgebildet.
1 Gerda Breuer, Die Erfindung des moderne Klassikers. Avantgarde
und ewige Aktualität, Ostfildern-Riut 2001,73.
2 Seit den 201 Oer Jahren wird „Ögla“ - dem ökologischen Zeitgeist
folgend - aus einem Holz-Kunststoff-Verbundwerkstoff (WPC -
Wood-Plastic-Composit) hergestellt.