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Goswin Klöckner: Bopparder Stadtbild, 1742, Ausschnitt.
Die Michelsmühle befindet sich östlich des Stadtturms,
unterhalb der Marienberger Klostergebäude. Boppard
cityscape, 1742, detail. The Michel’s Mill is located east of
the city tower, below the Marienberg monastery.
und Probleme mit der Haltbarkeit kann es nicht geben, weil es diese Ver
bindung nicht mehr gibt. Doch das Problem der Stabilität, speziell der
Vorderbeine, der „kitzlichste Platz am ganzen Sessel, wo am meisten auf
Solidität gesehen werden muß“, 4 sollte die Thonets bis weit in die 1860er
Jahre beschäftigen.
Das Herstellungsverfahren wurde im Laufe der Zeit verbessert und Ende
der 1830er Jahre war die Produktion in Boppard so weit standardisiert,
dass man in gewisser Weise schon von einer Serienfertigung sprechen
kann: „De cette Sorte le travail est extremement rapide, les chaises sons
toutes identiques de formes et dimensions.“ 5
Das neue Herstellungsverfahren erforderte jedoch einen wesentlich hö
heren Bedarf an Leim als tradierte Fertigungstechniken. Möglicherweise
aus diesem Grund und im Hinblick auf eine serielle Produktion hatten
Michael Thonet und der Apotheker Genius bereits am 2. September
1837 die Michelsmühle außerhalb der Stadtmauern von Boppard er
worben, um dort eine Leimfabrik zu errichten. 6 Aufgrund zahlreicher
Einsprüche gegen diese Leimfabrik - die Herstellung von Hautleim ist
mit einer starken Geruchsbelästigung verbunden - und wohl auch auf
grund der mittlerweile prekären finanziellen Lage Michael Thonets ver
kauften Thonet und Genius die Mühle im September 1841 wieder.
Wegen der zunehmenden Konkurrenz am Mittelrhein hatte Thonet großes
Interesse daran, das von ihm entwickelte Fertigungsverfahren schützen
zu lassen, und beantragte im August 1840 bei der königlichen Regierung
in Berlin ein Patent „auf das eigenthümliche Verfahren, vermittels einer
Presse dem Holze an Möbeln eine entsprechende Form zu geben“. 7 Der
Bauinspektor Lassaulx befürwortete in einem von Berlin angeforderten
Gutachten das Gesuch, das aber trotzdem letztlich abgelehnt wurde. 8
Darüberhinaus brachte die Aufnahme verschiedener Patente in Frankreich,
England und Russland Thonetzunehmend in finanzielle Schwierigkeiten,
da diese nicht so verwertet werden konnten, wie er es sich erhofft hatte.
Der finanzielle Druck auf die Familie wuchs. In dieser prekären Situation
wurde Clemens Fürst Metternich im Frühjahr 1841 anlässlich einer Ge
werbeausstellung in Koblenz auf die Thonet'schen Erzeugnisse aufmerk
sam gemacht.
Metternich, der als überzeugter Vertreter einer merkantilistischen Ge
werbepolitik immer auch ein Interesse daran hatte, neue Industrien und
Gewerbe nach Österreich zu holen, soll, so die spätere Darstellung in
der Firmengeschichte, Thonet ermuntert haben, nach Wien zu gehen:
„Mein Lieber, das ist alles schön und gut. Aber in Boppard werden Sie
immer ein armer Mann bleiben. Gehen Sie nach Wien.“ 9 Michael Thonet
kam dieser Aufforderung im Frühjahr 1842 nach. Die Söhne Michael und
Jakob folgten ihm am 8. September 1842 nach Wien, während Anna
Maria, seine Frau, Franz, August und Joseph vorerst noch in Boppard
blieben. Der älteste Sohn, Franz, hatte vor, mit einem Dr. Schmitz in
Boppard ein „Kompagnie Geschäft“ zu betreiben, doch aus diesem Plan
wurde nichts. Die gesamte Familie übersiedelte „nach der öffentlichen
Versteigerung der dem Michael Thonet eigenthümlich zugehörigen
Immobilien“ 10 im Frühjahr 1843 endgültig nach Wien.
4 Franz Thonet, Brief vom 29.4.1857; Kopie Archiv Thillmann.
5 Rehm/Wagner (Hg.) 2019 (wie Anm. 2), 418.
6 Vgl. Wolfgang Thillmann, „Die Leimsiederei Michael Thonets. 1838-1841 “, in: Ausst.-Kat. Koblenz
1996 (wie Anm. 1), 71 -81. Darüberhinaus ist es möglich, dass Thonet auch daran dachte, die
Leimfabrikation gewerbsmäßig zu betreiben, d.h. den Leim zu verkaufen. So taucht neben der
Berufsbezeichnung „Schreiner“ in einer Steuerliste von 1841 auch „Leimsieder“ auf.
Landeshauptarchiv Koblenz (LHAK), 618/1128.
7 LHAK, 441/5508.
8 In dem ablehnenden Bescheid wird als Begründung „aus Mangel an Neuheit“ genannt, doch haben
auch andere Gründe sicher eine Rolle gespielt. Vgl. Wolfgang Thillmann, Schichten. Möbeldesign
vom Klassizismus bis zur Moderne, Roentgen-Museum Neuwied, München 2018, 49-53.
9 Hermann Heller, Von der kleinen Tischlerwerkstätte zum Weltindustriehaus. Michael Thonet, der
Erfinder und Begründer der Bugholzmöbel - Industrie, Lebens- und Charakterbild, Brünn 1926, 12.
10 LHAK, 587/17, Notar Holthof, Nr. 2451.
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