Konstruktion und Dekonstruktion
Um die überzeugend einfache Konstruktion
des Sessel-Modells Nr. 14 - zweifellos das
bekannteste Thonet-Möbel und einer der
ersten Klassiker des modernen Industriede
signs 1 - anschaulich zu machen, haben viele
Museen die Bestandteile eines Exemplars
übersichtlich auf eine Schautafel montiert: „Der
Stuhl Nr. 14, Endpunkt einer langen Reihe von
Versuchen, besteht aus nicht mehr als sechs
Einzelteilen: Rückenlehne mit den hinteren
Beinen, Rückenstütze, Sitzring, Fußreifen und
den beiden vorderen Beinen." 2 Diese aus
Rotbuchenholz in Massenproduktion herge
stellten Bestandteile wurden in die ganze Welt
verschickt und erst am Zielort mit zehn Schrau
ben zu einem funktionierenden Stuhl zusam
mengebaut. Auf ganz andere Weise - durch
konstruktive Destruktion - hat dagegen die
Künstler*innen-Gruppe :mentalKLINIK den
Thonet-Klassiker Mitte der 2000er Jahre zu ei
nem Wandobjekt umfunktioniert: Im Gestus
der „Destruktionskunst“ der 1 960er Jahre 3
wurde der Stuhl radikal zerlegt, so dass er
kaum noch als Möbelstück erkennbar ist - und
sich auch nicht unmittelbar wieder in ein funk
tionsfähiges Objekt zusammensetzen lässt.
Auseinandergenommen wurde hier nicht nur
das vertraute „Bild“ eines Möbelstücks, son
dern auch die geradezu selbstverständliche
Vorstellung, die wir uns von Design im Sinne
von Produktgestaltung machen. Dass sich die
Bedeutung eines Objekts in der Formgebung
und Sinnzuweisung als Gebrauchsgegenstand
erschöpft, wird auf diese Weise in Frage ge
stellt.
1 Vgl. Andrea Gleiniger, Der Kaffeehausstuhl Nr. 14 von Michael
Thonet (Reihe Design-Klassiker), Frankfurt am Main 1998.
2 Karl Mang, Thonet Bugholzmöbel, Wien 1982, 48. Der Sitzring
war dabei selbstverständlich mit Geflecht bespannt.
3 Vgl. Justin Hoffmann, Destruktionskunst, München 1995.
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