Wien 1842-1856
Michael Thonet traf im Frühjahr 1842 mit dem Kabinettskurier in Wien
ein. In seiner Begleitung befand sich sein Financier aus Boppard, Johann
Walter van Meerten. Beide beantragten bereits am 14. Mai, nur wenige
Tage nach ihrer Ankunft, ein Privileg „Auf Chemisch-Mechanischem Wege
jede Holzgattung alle nur in der Einbildung liegende Biegungen zu geben
11 Dieses wurde ihnen am 16. Juli von der k.k. allgemeinen Hofkam
mer verliehen - eine Tatsache, die an sich bei Ausländern wie Michael
Thonet nicht ungewöhnlich war. Die Verleihung von Privilegien war in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine durchaus gebräuchliche Form
der Industrieförderung - ganz im Sinne des Merkantilismus, nach dem
das Gemeininteresse im Wesentlichen als identisch mit dem Staatsin
teresse gesehen wurde. Die im Mittelalter entstandenen Zünfte mit ihren
strengen Ordnungen waren ein Hindernis bei der Einführung neuer oder
der Erweiterung bestehender Gewerbe und Industrien. Durch das Recht
der Erteilung von Privilegien hatte sich die Obrigkeit daher schon früh
ein Mittel geschaffen, auch Personen, die nicht aus der heimischen Zunft
stammten oder die - wie Michael Thonet - Ausländer waren, die Aus
übung eines Gewerbes zu gestatten. Dabei spielte vor allem die Absicht,
Arbeitsplätze zu schaffen oder die Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung
zu verbessern, eine Rolle. Michael Thonets erstes österreichisches Privileg
von 1842, die weiteren Privilegien vom 28. Juli 1852 bzw. vom 10. Juli
1856, die einfache Fabrikbefugnis vom 8. Juli 1855, die „Landesfabrik
befugnis zur Erzeugung von Möbeln, Parquetten und anderen Holzwaren“
vom 9. November 1857, die Übertragung dieser Landesbefugnis auf
Mähren am 14. September 1858: all diese Maßnahmen waren protek
tionistischer Natur und dienten dazu, ihn vor den Angriffen der Berufs
kollegen zu schützen und von der Tischlerzunft unabhängig zu machen.
Im Jahr 1842 war Michael Thonet jedoch aufgrund mangelnden Kapitals
noch nicht dazu in der Lage, ein eigenes Geschäft zu gründen und dieses
Privileg selbstständig verwerten zu können. In den ersten Jahren in Wien
arbeitete er daher für die Möbelfabrikanten List und Leistier. Bei Franz
List, Mariahilfer Straße 72, fertigte Thonet billige Sessel aus gebogenem
Holz, da auch der Einspruch der Wiener Zünfte ihn vorerst daran hinderte,
sich selbstständig zu machen.
List wiederum machte Michael Thonet mit dem englischen Architekten
P. H. Desvignes, der Umbau und Einrichtung des Liechtensteinischen
Majoratshauses leitete, bekannt. 12 Desvignes erkannte, dass das Tho-
net'sche Privileg hervorragend dazu geeignet war, die gewünschten Par
kettböden im Stile des Zweiten Rokoko mit seinen vielfältigen Schwei
fungen zu verfertigen. Sämtliche Holzarbeiten waren aber bereits dem
Fabrikanten Carl Leistier zugesichert. Man einigte sich dahingehend,
dass ein Vertrag zwischen Leistier und Michael Thonet aufgesetzt wurde,
wonach dieser alle Arbeiten für das Palais Liechtenstein gegen feste
Bezahlung in der Leistler’schen Fabrik ausführen durfte. 13
Neben der „Parquettenproduktion“ führte er eine ganze Reihe von
sogenannten „Laufsesseln“ aus - leichte Stühle, die bei Bedarf die
11 Österreichischer Patentantrag vom 14.5.1842; Archiv der Technischen Universität Wien, Privilegien-
Register-Nummer 4358.
1 2 Zu Peter Hubert Desvignes vgl. Godfrey Smith, „The Desvignes Family“, in: ders., The Forgotten
Hamlet: Including the Corbett Estate, London 1997, 22.
13 Diese Vereinbarung ist der Grund dafür, dass wir die verschiedenen Ausführungen der Sessel, die
Michael Thonet für das Palais Liechtenstein fertigte, zeitlich nicht eindeutig zuordnen können:
Laufsessel wurden sowohl von Leistier als auch von Thonet geliefert, doch dessen Name erscheint
in keiner der zahlreichen Unterlagen, da alle Tischlerarbeiten über Carl Leistier abgerechnet wurden.
So werden in dem Inventarium vom Juni 1847 für das Große Gelbe Zimmer „12 Laufsesseln aus
gebogenem Holz“ ausgewiesen [Hausarchiv Liechtenstein, Wien, K 1853], es ist aber nicht
ersichtlich, um welche Ausführung es sich hierbei handelt. Wir finden zwar Angaben, für welche der
zahlreichen Räume die Sessel gedacht waren oder wo sie standen, doch helfen uns auch spätere
Photographien nicht weiter, da es sich eben um Laufsessel handelt, die - je nach Bedarf - in diesem
oder jenem Raum gebraucht wurden.
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