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Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

in diesen hinein. Bei den kreisrunden Sitzen fielen 
die Vorderbeinverstärkungen weg und sowohl bei 
den kreisrunden als auch bei den trapezförmigen 
Rahmen die innenliegenden Holzklötzchen zur Sta 
bilisierung der Sitzrahmen/Hinterbeinverbindung. 
Aber auch hier gibt es wieder nur eine Tendenz, kei 
ne chronologische Entwicklung, die eine Systematik 
erkennen ließe: Es gibt Modelle, die schon einen 
Fußring und doch noch eingeschraubte Vorderbeine 
haben; bei der Nr. 14 finden wir stark dimensionierte 
Sitzrahmen, bei denen man trotzdem noch die Vor 
derbeinbacken einleimte. All die „Ungereimtheiten“ 
sind ein Hinweis auf Experimente in dieser Über 
gangszeit. Trotz des Fußrings versuchte man, die 
Verbindung der Vorderbeine mit dem Rahmen noch 
stabiler zu machen, und gelangte schließlich - für 
Thonet Fabrik in Frankenberg; Foto aus einem Album „Thonet Mundus“, die trapezförmigen Rahmen - zu einer endgültigen Lösung: An den beiden 
Mitte der 1920er Jahre Thonet factory in Frankenberg; photo from a Stellen, an denen die Vorderbeine in den Rahmen eingesteckt sind, ließ 
“Thonet Mundus” album, mid-i920s man e j ne ^ « onso | e s tehen, die es erlaubte, die Länge des Zapfens zu 
vergrößern. 
Eine weitere Maßnahme, die Stabilität des Sessels insgesamt zu ver 
bessern, war die Einführung von Verstärkungswinkeln. 31 In den Katalogen 
werden diese auch „Verbindungen aus gebogenem Holz“ oder einfach 
„Verbindungsarme“ genannt. Sie wurden mit zwei Schrauben jeweils an 
der Sitzaußenseite und an der Rücklehne befestigt und stabilisierten so 
wirkungsvoll die Sitzrahmen/Hinterbeinverbindung. Diese Verstärkungs 
winkel finden sich erstmals auf einer Illustration eines Sessels Nr. 16, 
welchen die Gebrüder Thonet auf der 1876er Weltausstellung in Phila 
delphia präsentierten. Ende der 1870er Jahre waren die Sessel damit 
nun stabil genug, es gab in den folgenden Jahrzehnten bei den klassischen 
Sesseln in konstruktiver Hinsicht kleinere Verbesserungen, doch keine 
grundsätzlichen Änderungen mehr. 
Als Michael Thonet am 3. März 1871 in Wien stirbt, bestehen bereits 
drei Fabriken mit zahlreichen eigenen Zulieferbetrieben. Entstanden die 
Produktionsstätten in Koritschan (Korycany; 1856), Bistritz am Hostein 
(Bystrice pod Hostynem; 1861), Groß-Ugröcz (1866), Hallenkau 
(Halenkov; 1868) und Wsetin (Vsetln; 1872) unter Berücksichtigung der 
dortigen Holzvorkommen, so waren für die Entstehung der Fabriken in 
No wo Radomsk (1880) und Frankenberg (1889) auch handelspolitische 
Gründe ausschlaggebend. Russland und Deutschland hatten zum Schutz 
ihrer eigenen Industrie Einfuhrzölle auf ins Land kommende Waren gelegt. 
Um sich diese Märkte zu erhalten, gründeten die Gebrüder Thonet in 
diesen Ländern nun eigene Fabriken. 
Vertrieb und Filialen 1860-1875 
Parallel zu den Fabrikneugründungen wurde in den 1860er Jahren ein 
perfekt organisiertes Filial- und Vertriebssystem aufgebaut, das den 
Absatz dauerhaft sicherte. Die mit der Eröffnung der Verkaufsniederlas 
sung im Palais Montenuovo bereits vollzogene Trennung von Produktion 
und Vertrieb wurde konsequent fortgesetzt. Man war bestrebt, den Weg 
des Produkts von der Entwicklung über die Herstellung bis hin zum Ver 
kauf in eigener Hand zu behalten. 
31 Bei diesen Winkeln handelt es sich offensichtlich nicht um eine „Erfindung“ der Gebrüder Thonet. 
In einem Patentantrag von Henry I. Seymour „Improvement in the Construction of Chairs“ von 1870 
finden sich zeichnerisch dargestellt bereits Winkel dieser Art. Die Thonet'schen Verbindungsarme 
wurden dagegen erst Mitte der 1870er Jahre eingeführt. Vgl. Barry R. Harwood, „Two Early Thonet 
Imitators in the United States“, in: Studies in the Decorative Arts, Vol. 2, No. 1 (Fall 1994), 95. 
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