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Außenbestuhlung mit Gartensessel Nr, 4, Restaurant mit Damenkapelle im
Prater, Wien; Foto vermutlich von Emil Mayer, um 1905-1910 Outdoor
seating with garden chair No. 4, restaurant with women's orchestra in
Prater, Vienna; photo presumably by Emil Mayer, 1905-1910
Erweiterung der Produktpalette 1875-1900
Nachdem man in den 1860er Jahren ein perfektes Vertriebs- und Filial-
system aufgebaut hatte und die Möbel durch eine Reihe konstruktiver
Maßnahmen stabil und gebrauchstüchtig waren, wurde ab Mitte der
1870er Jahre die Modellpalette kontinuierlich erweitert. Neben Möbeln,
die zeigten, wie virtuos man die Biegetechnik mittlerweile beherrschte,
verlangte der Zeitgeschmack neue Modelle für ein aufstrebendes und
zu Wohlstand gekommenes Bürgertum. Vor allem in Wien erwies sich
die „Ringstraßenarchitektur“ als tonangebend auch für die Innenraum
gestaltung. Nicht mehr die „mageren Stäbe“ 34 sollten es sein, sondern
historisierende Formen mit Kannelierungen, möglichst bronziert, um den
Möbeln ein reicheres Aussehen zu geben.
Auch die Gebrüder Thonet konnten sich diesen Entwicklungen nicht ent
ziehen. Man lieferte, was der Markt verlangte. Auch ihre Möbel folgten
dem Zeitgeschmack, imitierten Stile - neogotisch, neobarock -, waren
selbst aber nicht stilbildend. Der Einbruch solcher historisierender Formen
in die Produktion lässt sich Anfang der 1880er Jahre beobachten. In dem
Supplement des Katalogs von 1883 tauchen zum ersten Mal Sessel und
Fauteuils mit gedrechselten Vorderbeinen auf. Ab dem gleichen Jahr pro
duzierte man ein Modell „Gothische Form“, das stilistisch der Garnitur
der Weltausstellung von 1862, Modell Nr. 16, nachempfunden war. 35
In diese Zeit eher „zweifelhafter“ Neuschöpfungen fiel das Wirken August
Thonets, des drittältesten Sohnes von Michael, der von 1869 bis 1890
die Fabrik in Bistritz leitete. Bistritz wurde unter seiner Leitung zur pro
duktivsten Fabrik der Thonets und zum Ausgangspunkt technischer und
gestalterischer Neuerungen. 36 Seinem technisch-konstruktiven Verständnis
verdanken wir eine Reihe innovativer Möbel, experimentelle Einzelstücke,
die ihrer Zeit zu weit voraus waren, als dass sie ein kommerzieller Erfolg
hätten werden können. Wenn es auch keinen Beweis für die Urheber
schaft August Thonets an diesen Modellen gibt, so sind sie doch unter
seiner Leitung und Mitwirkung in Bistritz entstanden.
34 Jakob von Falke, Die Kunst im Hause, Wien 1873, 287.
35 Vgl. Eva B. Ottillinger (Hg.), Gebrüder Thonet, Möbel aus gebogenem Holz, Wien u.a. 2003, darin:
Thonet Verkaufskatalog 1885, 130.
36 Im Jahr 1876 entfallen bei einer Gesamtproduktion aller vier Fabriken von 585.255 Stück Möbeln
250.758 allein auf die Fabrik in Bistritz (Koritschan: 153.236, Groß-Ugröcz: 98.367, Wsetin:
82.894). Der Arbeiterstand im Dezember 1876 beträgt insgesamt 3.567 Personen, wovon 1.455 in
Bistritz beschäftigt sind. Sie erzeugen Waren mit einem Bruttowert von fl. 2.328,877, auf Bistritz
entfallen davon fl. 976.682. Dank an Heimo Keindl für die Überlassung entsprechender Archivalien.
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