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Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

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Einrichtungen von innenräumen mit Bugholzmöbeln 
Furnishing of inferior with bentwood furniture: 
Cafe Weisser Hirsch in Leipzig; Postkarte von 1915 
Cafe Weisser Hirsch in Leipzig; postcard from 1915 
Hotel-Restaurant Britannia in Langenschwalbach (Untertaunus); 
postcard, ca. 1925 Hotel-Restaurant Britannia in Langenschwalbach 
(Untertaunus); postcard, ca. 1925 
Bereits für die Weltausstellung in Paris 1867 konstruierte er ein heute 
als „Demonstrationssessel“ bekanntes Modell, das auf höchst eindrucks 
volle Weise die Möglichkeiten des Biegens von Holz zeigte: Aus nur zwei, 
mehrere Meter langen Holzstäben entwarf er einen Sessel, der nun auf 
jeder Ausstellung, an denen die Thonets teilnehmen, präsentiert wurde. 
Die Modelle Nr. 51 und 91 sind mit großer Wahrscheinlichkeit unter 
seiner Regie entstanden, ebenso wie das von vielen als elegantester 
Bugholzentwurf bezeichnete Schlafsofa Nr. 7500. 
Modell Nr. 51 erinnert in seiner Konstruktion eher an ein Konstrukt aus 
Eisen als an einen Sessel aus Holz. Ebenso wie Sessel Nr. 14 besteht 
dieses Modell aus lediglich sechs Einzelteilen, die so miteinander „ver 
spannt“ sind, dass eine unglaubliche Stabilität erreicht wird. 37 Mit Modell 
Nr. 91 wurde eine andere Frage beantwortet: Wie weit kann man den 
Querschnitt von Bauteilen reduzieren, dass der Sessel immer noch aus 
reichend stabil ist? Die konstruktiv wesentlichen Teile dieses Modells 
haben einen ovalen Querschnitt, wobei deren Stärke in etwa der Hälfte 
der längeren Seite des Ovals entspricht. 
Neben diesen Entwürfen wurden auch immer wieder neue Modelle auf 
den Markt gebracht, die durchaus in der Tradition der Nr. 14 standen 
und sich wohltuend von den historisierenden Möbeln abhoben. Dazu ge 
hörte der 1876 erstmals produzierte Sessel Nr. 18, welcher ebenfalls 
aus nur sechs Einzelteilen besteht und in verschiedenen Variationen an- 
geboten wurde. Das ab 1883 nachweisbare und 1885 angebotene Mo 
dell Nr. 56 schließlich war der erste Sessel, dessen Hinterbeine und äu 
ßerer Rücklehnbogen nicht aus einem einzigen etwa 220 Zentimeter lan 
gen, durchlaufenden Buchenstab bestehen. Die Rücklehnholme sind 
oben mit einem Querstab verbunden, so dass sich die maximale Länge 
der benötigten Hölzer auf circa 90 Zentimeter verkürzt. Diese Konstruktion 
erhöhte die Wirtschaftlichkeit, da nun auch kürzere Stäbe verwendet 
werden konnten. In den folgenden Jahren wurde diese Bauart Vorbild 
für eine Vielzahl von Modellen, welche ab 1888 dann auch die thermo 
plastisch geformten „Sitz-“ und/oder „Rückenbrettel“ erhielten. 
Sperrholz 
Bei diesen „Sitz- und Rückenbrettel“ handelte es sich um Bauteile aus 
Sperrholz, mit deren Herstellung die Firma 1877 begann: „Von größter 
Bedeutung war die im Jahre 1877 in Fabrik Gr. Ugrocz begonnene Er 
zeugung von, anfangs verleimten, perforierten Furnier Holzsitzen [,..].“ 38 
Der Produktionsbeginn hängt wohl auch zusammen mit Franz Thonets 
Besuch der Weltausstellung in Philadelphia 1876. Die Firma Gardner, 
welche 1872 ein Patent für die Herstellung von Stuhlsitzen aus kreuzweise 
verleimten Furnieren erhalten hatte, zeigte hier ihre Modelle und es ist 
wahrscheinlich, dass Franz Thonet spätestens dort die Verwendung von 
Sperrholz für Stuhlsitze kennengelernt hat. 39 Die Gebrüder Thonet be 
dienten sich in den folgenden Jahren zunehmend dieses Materials, vor 
wiegend bei Sitzmöbeln. Zeigen der 1879er und der 1883er Katalog 
37 Das Problem der Verbindung der Vorderbeine mit dem Sitzrahmen wurde hier so gelöst - durchaus 
vergleichbar den Boppardern dass es keine konventionellen Vorderbeine mehr gibt. 
38 Exner 4 1922 (wie Anm. 25), 43. 
39 Häufig wird die Behauptung kolportiert, dass die Gebrüder Thonet gleichzeitig mit der amerikanischen 
Firma Gardner die Sperrholzsitze erfunden hätten, „Wir wollen noch erwähnen, dass die Fourniersitze 
beinahe gleichzeitig von Thonet und von Gardner in New-York erfunden wurden, wie der hoch 
interessante Patentstreit des Jahres 1880 beweist, in welchem das Patent Gardner’s annullirt werden 
musste, weil Thonet die Priorität der Ausübung nachweisen konnte.“ (Ernst Pliwa, Die industrielle 
Verwertung des Rothbuchenholzes: Eine Denkschrift, hg. von einer Commission, welche von dem 
Österreichisch-ungarischen Verein der Holzproducenten, Holzhändler und Holz-Industriellen und dem 
Technologischen Gewerbe-Museum eingesetzt wurde, Wien 1884, 29). Thonet prozessierte niemals 
gegen Gardner wegen eines Patents und die Annullierung desselben beruhte auf dem Rechtsstreit 
Gardners mit Herz und anderen, bei welchem alle Klagen Gardners wegen Patentrechtsverletzung 
letztendlich zurückgewiesen wurden. Vgl. Thillmann 2018 (wie Anm. 8), 85-91. 
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