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Herstellung von Sperrholzplatten in der Fabrik Bistritz am Hostein, Foto
von Herman Bramer, „Lisa“, Werkstätte für Lichtbildtechnik, Wien, 1929
Production of plywood panels in the factory in Bystrice pod Hostynem;
photo by Herman Bramer, “Lisa,” Workshop for photography, Vienna, 1929
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Herstellung der Muster der Prägeplatten für Sperrholzsitze und -rücken;
Foto von Herman Bramer, „Lisa“ Werkstätte für Lichtbildtechnik, Wien, 1929
Production of samples of embossing plates for plywood seats and back-
rests; photo by Herman Bramer, “Lisa," Workshop for photography, Vienna,
1929
lediglich das Modell Nr. 18 mit Sperrholzsitz und Lehne, so finden wir
dieses Material in den folgenden Jahren bei immer zahlreicheren Modellen.
Die enorme Bedeutung, welche die Einführung der Furniersitze hatte,
wird in der Firmengeschichte deutlich. Dort heißt es zur weiteren Ent
wicklung: „Diese Furniersitze haben sich sehr rasch Eingang verschafft
und allmählich zu großem Teile die Rohrsitze verdrängt, so daß im Jahre
1914 schon ca. 60% der erzeugten Sessel mit Holzsitzen versehen wur
den.“ 40 Anlässlich einer Branchenkonferenz der Bugholzmöbelerzeuger
sah man sich schließlich gezwungen, „dass Verkäufe in der Cechoslovakei
in geflochtener Ware nicht getätigt werden dürfen, wegen beinahe voll
ständigem Mangel an Flechtrohr“. 41
Waren die ersten Sperrholzsitze und -rücken häufig perforiert, wobei man
sich vorwiegend symmetrisch-geometrischer Muster bediente, so gelang
es schließlich, durch entsprechende Verfahren den Möbeln jeden ge
wünschten Stil „aufzuprägen“: In derZeit des Historismus Motive, die
dem Möbel einen „gotischen“ oder „renaissanceartigen“ Anstrich gaben,
nach 1900 florale Motive aus dem Formenschatz des Jugendstils. Zu
Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch ein stärker geometrisches For
menrepertoire angeboten. Häufig findet sich nun für die Sperrholzsitze
das sogenannte „Streifenmuster“, entweder reliefartig oder als „Brand
dessin“. Es war nicht nur die Firma Gebrüder Thonet, welche sich des
neuen Materials bediente, auch alle anderen Bugholzmöbelproduzenten,
unter anderem der größte Konkurrent, die Firma J. & J. Kohn, die um 1900
die führende Rolle in diesem Sektor übernahm, erkannten nicht zuletzt
das ökonomische Potenzial, das die formale Erneuerung der Bugholzmöbel
im Rahmen des sogenannten Wiener Kunstfrühlings bedeutete. Bei die
sem Hersteller, nicht bei den Gebrüdern Thonet, ließen Wiener Architekten
wie Adolf Loos, Josef Hoffmann und Otto Wagner um die Jahrhundert
wende ihre Entwürfe ausführen; sie entdeckten neue Ausdrucksmöglich
keiten des gebogenen Holzes und besannen sich auf dessen ursprüng
liche Qualitäten. Bereits 1899 hatte Kohn den jungen Gustav Siegel als
Leiter des firmeneigenen Entwurfsbüros eingestellt. Bei der Weltausstel
lung in Paris 1900 wurden die neuen Möbel der Firma zum ersten Mal
in einem ebenfalls von Siegel entworfenen Raumdesign einem interna
tionalen Publikum präsentiert - während die Gebrüder Thonet auf der
gleichen Ausstellung versuchten, sich unter der Überschrift „Moderne
Fauteuils nach englischem Originale“ mit Windsor-Sesseln aus „den ver
schlungenen Bugholz-Gestrüppen des Historismus“ 42 zu befreien. 43
40 Exner 4 1922 (wie Anm. 25), 43.
41 Brief von Dr. Richard Thonet an Alfred Thonet vom 29.1.1920.Teilnehmer an dieser Besprechung
waren für die Gebrüder Thonet Dr. Richard Thonet nebst einigen Direktoren, Ernst Hirsch für Fischei
und Leopold Pilzer für Mundus; Archiv Heimo Keindl.
42 Sebastian Hackenschmidt, „Zwischen den Stühlen. Zu den Möbeln von Adolf Krischanitz“, in: Edelbert
Köb (Hg.), Adolf Krischanitz, das Inventar ist das Ergebnis der Inventur, Wien 2016, 51 -90: 68.
43 Die Vorreiterrolle von J. & J. Kohn, sowohl in technologischer als auch in gestalterischer Hinsicht,
wird in allen zeitgenössischen Publikationen betont. Vgl. (ohne Autor), „Bugholzmöbel als Stilmöbel
im Rahmen moderner Architektur und Interieurs“, in: Jahrbuch der Gesellschaft österreichischer
Architekten, Wien 1900, 69-72: 71.