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Gustav Siegel: Messestand von J. & J. Kohn auf der Weltausstellung
in Paris 1900; aus: Das Interieur 1/1900, 156 Gustav Siegel: J. & J.
Kohn fair booth at the World Fair in Paris 1900; in: Das Interieur
1/1900, 156
Bugholzmöbel nur von professionellen Entwerfern gelöst
werden konnte. Er kam bald in Kontakt mit Josef Hoffmann,
der seinerseits seinen Schüler Gustav Siegel mit der Aus
führung des Firmenstandes auf der Weltausstellung in Paris
1900 betraute - mit überraschend großem Erfolg. 4 Auch an
dere „Raumkünstler“ entdeckten nun die sich bietende Mög
lichkeit, den Bugholzmöbeln eine neue ästhetische Qualität
zu verleihen, wobei die schwierige praktische Umsetzung
den Technikern Vorbehalten blieb. Der damit verbundene
Aufwand und höhere Preis schien für die Firma Kohn indes
zweitrangig zu sein, denn schon seit längerem hatte sie von
einer Klientel geträumt, die sich teure Salonmöbeln leisten
konnte.
So kam es in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts -
gleichsam als Vermächtnis von Loos, der den Anstoß dazu
gegeben hatte - zu einem regelrechten Boom von Architek-
ten-Bugholzmöbeln, an dem kurz nach der Jahrhundertwende
auch Otto Wagner mit den Ausstattungen für das Depe
schenbüro „Die Zeit“ und die Postsparkasse beteiligt war.
Allerdings scheint es, als sei der Anteil des Wagner-Schülers
Marcel Kämmerer dabei gewichtiger gewesen als allgemein
angenommen, denn wir finden bei den Modellen beider Ar
chitekten - des Lehrers wie des Schülers - verwandte Motive, die nach
dem gleichen technischen Prinzip hergestellt wurden. Die Bugholzmöbel
für Wagners Depeschenbüro von 1902 und die Postsparkasse von
1 QD3-nfi pntstandfin zwar unter der Federführuna des Meisters,
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aber offenbar ganz auf Marcel Kämmerer als ausführenden Entwerfer an
gewiesen. Vielleicht deshalb wurde beim Anbau der Postsparkasse 1910
auch kein neues Bugholzmodell entworfen - Wagners Spezialist Käm
merer hatte sich bereits selbstständig gemacht. 5
Als der wohl vielseitigste Entwerfer im Bereich der modernen Bugholz
möbel erwies sich der Architekt Josef Hoffmann. Eine große Zahl seiner
Bugholzmöbelentwürfe wurde 1908 auf der großen Kunstschau in Wien
präsentiert, die von Anfang Juni bis Mitte November im Jahr des Kaiser
jubiläums von „der so genannten Klimt-Gruppe“ veranstaltet worden
war - „einer losen Vereinigung von Künstlern, die unter der Führung von
Gustav Klimt wegen künstlerischer und finanzieller Zwistigkeiten mit
ihren Künstlerkollegen aus der Wiener Secession ausgetreten waren. 6 “
Eine der interssantesten Abteilungen dieses Ausstellungsereignisses
war das „Kleine Landhaus“, das von Hoffmann und der Firma Kohn ein
gerichtet worden war und eindrucksvoll deutlich machte, dass sich mit
modernen Bugholzmöbeln nicht nur einzelne Zimmer, sondern auch ganze
Häuser ausstatten ließen: „Das Haus war eine der Attraktionen auf der
Kunstschau. Es bestand aus Loggia, Halle und fünf Zimmern und war
um den erstaunlich niedrigen Preis von 7.000 Kronen erhältlich.“ 7
Bei der überwiegenden Mehrheit der von Hoffmann auf der Kunstschau
vorgestellten Möbel handelte es sich um Neuheiten: in erster Linie der
sogenannte „Siebenkugelstuhl“ Nr. 371 mit dazu gehörigem Fauteuil und
Kanapee, Nr. 371 F bzw. 371C. 8 Im Rauchzimmer standen der Stuhl
Nr. 396 und der Fauteuil Nr. 397F. Auch der Stuhl aus dem Schlafzimmer
war neu, ging aber nicht in Serie. Von der im Garten vorgestellten Garnitur,
die im Gartenmöbel-Katalog unter der Nr. 28, im USA-Katalog von 1911
4 Gustav Siegel war tatsächlich noch ein „Schüler“ - er war knapp 20 Jahre alt.
5 Vgl. Uhlir 2009 (wie Anm. 2), 142-157.
6 Markus Kristan, Kunstschau Wien 1908, Weitra 2016, 9.
7 Markus Kristan, ,„Sie herrscht, indem sie dient: Die Architektur der Kunstschau Wien 1908“, in:
Ausst.-Kat. Wien/München u.a. 2008: Gustav Klimt und die Kunstschau 1908, 64. Die zugehörige
Fußnote erläutert: „Laut Statistischen Zentralamt ist 2008 eine Krone 5,08 Euro wert.“ Ebd., 68.
8 Erstmals angeboten im Kohn-Katalog von 1909.