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Otto Wagner: Sitzungssaal der Österreichischen Postsparkasse, Wien
1904-06; aus Das Interieur VIII/1907, 48 Otto Wagner: Boardroom of
the Austrian Postal Savings Bank, Vienna 1904-06; in Das Interieur
VIII/1907, 48
unter der Nr. US 4020 zu finden ist, wissen wir
sogar die Farben: Das Gerüst weiß, die Stäbe
grün, die Kugeln schwarz. Die Möbel aus dem
achteckigen Kinderzimmer im Turm des ausge
stellten Landhauses waren auch nach dem Ers
ten Weltkrieg noch in den Katalogen der Firma
Kohn zu finden; kommerziell waren sie wohl die
erfolgreichsten Bugholz-Möbel, die Floffmann
1908 vorstellte. 9 Lediglich drei ausgestellte
Modelle - der später als „Sitzmaschine“ be
kannt gewordene Fauteuil Nr. 670, der Fauteuil
Nr. 421 und die weiß gestrichene Verandava
riation des sogenannten „Fledermausstuhls“
Nr. 729 - waren bereits bekannt.
Die Präsenz der Hoffmann’schen Möbelent
würfe auf der Kunstschau 1908 machte mehr
als deutlich, dass die Firma Kohn gegenüber
dem damals weit konservativer eingestellten
Unternehmen Thonet - und gegenüber Ent
werfern wie Kämmerer und Prutscher - einen
deutlichen Vorsprung auf dem Gebiet des
künstlerisch gestalteten Bugholzmöbels be
saß. Wie es die Neue Freie Presse formulierte: „Es ist eine bekannte
Tatsache, daß die Aktiengesellschaft Jacob & Josef Kohn es war, welche
die Bugholzmöbeltechnik, die bis dahin nur in wenig schönen Massen
artikeln bekannt war, auf eine ungeahnte Höhe gebracht hat, ja daß man
auf diesem Gebiete von einem zweckentsprechenden künstlerischen Stil
mit Recht sprechen kann. Der Weg vom Sessel aus gebogenem Holze
zu den Kunstwerken moderner Möbelarchitektur in Bugholztechnik, wie
sie in der Kunstschau zu sehen waren, war ein ebenso weiter Schritt,
\A/io vnn Her Rtrnhnedenkten Bauernhütte zum neuenalischen Landsitz. 10
Die Situation in der Zwischenkriegszeit
Die allgemeine Kriegsbegeisterung und die anfangs in Österreich herr
schende Überzeugung von einem schnellen Sieg spiegelt sich auch in
den Aktivitäten der Firma Thonet zu Beginn des Ersten Weltkriegs wi
der. Der letzte Vorkriegskatalog von 1911 wurde 1915 noch durch ein
umfangreiches Supplement ergänzt. Alles schien „normal zu laufen, in
der Werkstatt wurden neue Modelle entwickelt und im Gebrüder Tho-
net’schen Zentral-Anzeiger publiziert. Lediglich das „feindliche“ Franzö
sisch verschwand ab der Nummer 41 aus der ursprünglich zweisprachi
gen Druckschrift. 11 Im September 1915 teilte der Zentral-Anzeiger die
Erzeugung eines verstellbaren Polsterrahmens speziell für Krankenhäuser
mit 12 - oder waren damit bereits die Kriegslazarette gemeint? Heft Num
mer 59 aus dem Jahr 1916 gibt dann eine allgemeine Preiserhöhung um
25% bekannt. 13 Die kriegsbedingten Zahlungsverzögerungen hatten die
Firma Thonet zunehmend in Schwierigkeiten gebracht. Ein schwerer
Schlag wurde dem Unternehmen durch die kommunistische Revolution
1 91 7 in Russland versetzt, die jegliche Hoffnung auf Rückgabe der
großen Lagerbestände zunichte machte. Eine Nachkriegsinventur ver-
9 Neben Bugholzmöbeln wurden hier auch von Kohn hergestellte Kastenmöbel gezeigt, die teilweise
aus Sperrholz hergestellt wurden: Schon früh hatte das Unternehmen erkannt, dass sich das
sogenannte thermoplastische Sperrholz nicht nur für die Füllungen von Sitzen und Lehnen eignete,
sondern auch für Kastenmöbel. 1890 war deshalb in Holleschau die letzte Fabrik der Firma Kohn in
Betrieb genommen worden, in der bis heute vor allem Furnierproduktion und Sperrholzherstellung
stattfindet.
10 (ohne Autor), „Die Bilanz der Kunstschau“, in: Neue Freie Presse, 15.11.1908, 14.
11 Vgl. Gebrüder Thonet’scher Zentral-Anzeiger (ZA) Nr. 41,1.6.1914.
12 Vgl. ZA Nr. 55, 30.9.1915.
13 Vgl. ZA Nr. 59, 31.3.1916.
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