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Thonet
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Thonet
Steckkarten für die Thonet-Modelle B 33 und B 34,
Entwurf Marcel Breuer; Stahlrohrmöbelkatalog 1930
Stock cards for the Thonet models B 33 and B 34,
design Marcel Breuer; Tubulär Steel catalog 1930
Zufall, daß sich der Thonet Mundus-Konzern auch als erster für die neu
zeitlichen Stahlrohrmöbel eingesetzt hat und diesen Industriezweig in
sein Programm aufnahm, zu einer Zeit, wo das breite Publikum diese ,Sa
natoriums-Möbel', wie man sie damals nannte, als reine Architektenlaune
ansah. [...] Dadurch daß die Industrialisierung der Stahlrohrmöbel-Er-
zeugung immer größeren Umfang nahm, wobei der Thonet Mundus-Kon
zern als wichtigster Pionier für diese neue Richtung auftrat, ist die Po
pularisierung dieser, dem neuzeitlichen Geschmack entsprechenden Mö
bel in kürzester Zeit möglich gewesen.“ 27
Bis es um 1930 von der Thonet AG Frankenberg überholt wurde, war
das größte Unternehmen auf dem Stahl(rohr)möbelsektor allerdings
L. & C. Arnold in Schorndorf bei Stuttgart: Die Firma hatte sich bereits
seit 1871 auf Garten- und Krankenhaus-Möbel aus Metall spezialisiert
und später auch entsprechende Produkte aus Stahlrohr in ihr Programm
aufgenommen. Ein kleinerer Hersteller waren die Berliner Metallwerke
von Josef Müller, die als erste Stahlrohrmöbel von Ludwig Mies van der
Rohe erzeugten, bevor auch dessen Modelle von der Thonet AG in
Frankenberg hergestellt wurden. Zahlreiche weitere Fabriken und Werke
entstanden seinerzeit auch in der Schweiz, in Frankreich, Schweden,
Belgien, in den Niederlanden sowie in der Tschechoslowakei, wo sich
aufgrund der Lizenzverträge mit Thonet Mundus die 1915 gegründete
Firma Mücke Melder in Freistadt (heute ein Stadtteil von Karvinä) zum
größten Stahlrohrmöbelproduzenten entwickeln konnte. Außer einigen
eigenen Entwürfen stellten sie fast ausschließlich Modelle von Mart Stam
und Marcel Breuer in Lizenz her. 28
Neben Stam, Breuer und Mies van der Rohe gab es natürlich noch weitere
Entwerfer von Stahlrohrmöbeln; in Deutschland waren dies etwa Anton
Lorenz, Kalman Lengyel, Heinz Rasch und Wassily Luckhardt, nach
1930 auch Erich Dieckmann und als einer der wenigen Österreicher
Ernst Plischke. In Frankreich war es vornehmlich das Trio Le Corbusier,
Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand; unter der Leitung des bereits
erwähnten Bruno Weill entstanden für Thonet Freres aber auch Modelle
von Emile Guyot, Rene Herbst und Andre Lurgat. Auch die irische Archi
tektin Eileen Gray - neben Perriand eine der wenigen Frauen und auch
sie von dem missgünstigen Architekten Le Corbusier oft absichtlich in
den Schatten gestellt 29 - entwarf eine Reihe interessanter Stahlrohrmöbel.
Zu den bekanntesten Entwerfern, die im Umfeld des Tschechoslowaki
schen Werkbunds - Svaz Öeskoslovenskeho dila - arbeiteten, zählen
Ladislav Zäk und Hana Kucerovä-Zäveskä, die ihre Entwürfe mit der Firma
Hynek Gottwald realisieren konnten. 30
In den 1930er Jahren gerieten die Stahlrohrmöbel aus dem Umfeld der
architektonischen Avantgarde immer mehr zu einer Modeerscheinung:
Gepolsterte und halsbrecherisch-gewundene Konstruktionen traten zu
nehmend an die Stelle einfacherer Modelle und verteuerten die Kosten
der ohnehin nicht ganz billigen Möbel. Dass es sich bei den Stahlmöbeln
zumeist um Luxusgüter handelte, belegt ihre Verwendung in einer der
am aufwendigsten ausgestatteten Villen der damaligen Zeit, der Villa
Tugendhat in Brünn-Schwarzfeld, die von ihrem Architekten Mies van der
Rohe mit eigens entworfenen Möbeln eingerichtet wurde. 31
27 (ohne Autor), „Stahlrohrmöbel. Thonet-Möbel seit 100 Jahren modern“, in: Profil, 1. Jg., H. 5,
Mai 1933, 177.
28 Weitere wichtige Firmen in der Tschechoslowakei waren Hynek Gottwald in Brandys nad Orlici
(Brandeis a.d. Adler), UP-Zävody Brünn in einem speziellen Betrieb in Göding, Robert Slezäk in
Bystrice pod Hostynem (Bistritz am Hostein) oder Jan Vichr in Lysä nad Labern (Lissa a.d. Elbe).
29 Vgl. Caroline Constant, Eileen Gray, London/New York 2000, insbes. 116-1 25.
30 Das wohl bekannteste Werk von Hana Kucerovä-Zäveskä ist die Ausstattung des Cafes auf den
Terrassen in der Nähe der Filmstudios in Prag-Barrandov.
31 Die Stahlmöbel der Villa Tugendhat wurden von der Firma Bamberg Metallwerkstätten in Berlin-
Neukölln hergestellt. Der Stahlrohr-Stuhl und -Fauteuil MR 10 und MR 20 wurden später von der
Gebrüder Thonet AG in Frankenberg unter den Nummern MR 533 und MR 534 mit verschiedenen
Sitz- und Lehn-Varianten serienmäßig erzeugt. Die aus Flachstahlbändern hergestellten Fauteuils
MR 90 und MR 50 (der sogenannte „Brno-Fauteuil“) wurden dagegen nicht in das Programm von
Thonet aufgenommen.
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