Heimo Keindl
Die Thonet-
Unternehmen
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in Österreich
und Deutschland
nach 1945
Das Thonet-Werk in Frankenberg an der Eder, Hessen, war 1889 die
letzte Fabriksgründung der Gebrüder Thonet. Zur Vermeidung von Zöllen
für aus dem Ausland ins Deutsche Reich eingeführte Waren baute man
dort eine eigenständige Fabrik. In den letzten Tagen des Zweiten Welt
kriegs wurde das Werk am 8. April 1945 durch Bomben, die wohl dem
nahen Bahnhofsgelände galten, größtenteils zerstört. Am 1 2. April des
gleichen Jahres fiel auch die Konzernzentrale von Thonet Mundus am
Stephansplatz in Wien einem Brand zum Opfer.
Die größte Katastrophe hatte das weltumspannende Unternehmen Thonet
Mundus allerdings bereits einige Jahre zuvor getroffen. Mit dem Einmarsch
der Deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938 wurde Thonet
Mundus zerschlagen und der Mehrheitseigentümer des weit verzweigten
Trustverbandes, Leopold Pilzer, musste wegen seiner jüdischen Herkunft
über die Schweiz in die USA emigrieren. 1 Die Markenrechte weltweit be
hielt Pilzer. Er baute danach Thonet Industries Inc. erfolgreich in den USA
auf, wobei die Produktion für diesen großen Markt allerdings ganz neu
eingerichtet werden musste. Man kaufte drei bestehende Möbelfabriken:
Statesville (North Carolina) wurde für die Produktion von klassischen
Bugholzmöbeln umgerüstet, in York (Pennsylvania) begann man unter
der Leitung von Bruno Weill, dem Stiefsohn Leopold Pilzers, mit der Er
zeugung von Stühlen aus Schichtholz, Sheboygan (Wisconsin) war dafür
vorgesehen, weiterhin traditionelle amerikanische Möbel zu erzeugen. 2
Der Gründer des amerikanischen Thonet-Unternehmens, Leopold Pilzer,
verstarb 1959, sein Nachfolger Bruno Weill 1962. 3 1987 übernahm der
größte Hotelausstatter in Amerika, Shelby Williams, unter dem damaligen
Präsidenten Manfred Steinfeld die Firma.
Zwar gelang es der Familie Thonet im nationalsozialistischen Großdeut
schen Reich durch sofortige, komplizierte Umfirmierungen einer „Arisie
rung“ zu entkommen, doch machten die Ereignisse der Weltgeschichte
schließlich all diese Bemühungen zunichte. Die Dimension dessen, was
da auseinander gebrochen war, wird deutlich an folgenden Zahlen: In
den 1930er Jahren hatte der Thonet Mundus-Konzern 22 Produktions-
1 Die Firma ging in diesem Zusammenhang wieder vollständig in den Besitz der Familie Thonet über.
Zu den unterschiedlichen Darstellungen vergleiche: Jiri Uhlir, Thonet Mundus. A ti druzi, Mesto
Ujezd/Brna 2011, 108ff.
2 Vgl. Manfred Steinfeld, „Thonet Industries. Die Erschließung des nordamerikanischen Marktes“, in:
Ausst.-Kat. Koblenz 1996: Thonet, Biegen oder Brechen, 166-171: 167 ff., sowie Nina Stritzler,
„Thonet: Modern Furniture since 1922“, in: Ausst.-Kat. Chicago/Washington 1993: Against The
Grain. Bentwood Furniture trom the Collection of Fern and Manfred Steinfeld, 101-111.
3 Jan van Geest / Otakar Mäcel, Stühle aus Stahl, Metallmöbel 1925-1940, Köln 1980,132,
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