Christoph Thun-Hohenstein
Generaldirektor, MAK
r
MICHAEL THONETsen.
GEB.BOPPAROa.RH. 2. JULI 1796, GEST. WIEN 3. MÄRZ 1871
NACH DEM ÖLBILDE VON PROF. VICTOR STAUFFER, IM MUSEUM DER STADT WIEN
Porträt Michael Thonet; Lichtdruck, Wien, um 1920
Portrait Michael Thonet; Heliography, Vienna, ca. 1920
Thonet-Möbel als
Lifestyle-Modell des
21. Jahrhunderts
Thonet ist nicht nur Design-Afficionados ein Begriff, sondern ist - zu
mindest in weiten Teilen Europas - ein Haushaltsname. Das 200-Jahr-
Jubiläum von Thonet ist daher ein würdiger Anlass, modernes Möbel
design in einer umfassenden Ausstellung mit begleitendem Katalog
Revue passieren zu lassen. Auch wenn es in erster Linie Bugholzsessel
sind, die in der breiten Öffentlichkeit mit Thonet assoziiert werden und
die auch im Mittelpunkt der Ausstellung und dieser Publikation stehen,
entwirft die hier unternommene Analyse der 200-jährigen Firmenge
schichte Thonets ein breites, vielschichtiges Panorama des modernen
Möbeldesigns bis in die Gegenwart. Es ist das Verdienst des Leiters
der MAK-Möbelsammlung Sebastian Hackenschmidt und seines Co-
Kurators Wolfgang Thillmann, mit diesem Ansatz spannende neue
Sichtweisen auf die Gestaltung und Rezeption von Bugholzmöbeln
sowie auf die Vielfalt und mannigfachen Querverbindungen im Möbel
design seit 1819 zu eröffnen. Das ist umso wichtiger, als der frische
Blick auf die Vergangenheit nicht selten überraschende Erkenntnisse für
die Zukunft freilegt.
Ich möchte hier einen meines Erachtens zentralen Punkt herausgreifen:
Im vorliegenden Katalog wird die Entwicklung von Thonet-Sesseln von
industriell produzierten Gebrauchsmöbeln zu museal gewürdigten
Designklassikern anschaulich nachgezeichnet. Die persönliche „Be
gegnung“ mit diesen Möbeln in der Ausstellung (oder anderswo) macht
die ästhetischen und funktionalen Qualitäten nachvollziehbar, denen sie
ihren bleibenden Rang als Designobjekte verdanken. Thonet-Möbel
haben zugleich für ein breiteres Kaufpublikum Modellcharakter: Wer sich
Bugholz-Möbel - sei es Vintage oder aus aktueller Produktion - an
schafft, investiert damit sowohl in langlebige Qualität als auch in den mit
ihnen verbundenen Designstatus und bringt überdies Demut vor den in
ihnen verarbeiteten Ressourcen zum Ausdruck. Diese Kombination von
Güte des Erzeugnisses und Gestaltungsprestige erzeugt Wertschät
zung und erhöht die Chancen auf schonenden Umgang. Erschwingliche
und dennoch qualitativ hochwertige Möbel (einschließlich neuer De
signs) von Herstellern vom Range Thonets ermöglichen vielen Men
schen, weithin geschätzte Designobjekte zu erwerben und sich ein
Leben lang an deren Qualität zu erfreuen. Lieber einmal etwas mehr aus
geben und das Erworbene pflegen, als laufend billige Wegwerfware zu
kaufen, die in Zeiten von Climate Care zum Tabu werden muss!
Es liegt sowohl an Firmen wie Thonet als auch an uns allen als mündigen
Konsumentinnen, diese Vision einer nachhaltigen Qualitätsgesellschaft
Wirklichkeit werden zu lassen. Museen wie das MAK müssen uner
müdliche Treiber dieser Transformation im Spannungsfeld zwischen
Tradition und Innovation sein!