MAK

Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

THONET 
lAema 
Stapelstuhlserie New Meeting, Entwurf Heimo 
Keindl, 1983; Thonet-Katalog 1983 Stacking chair 
series New Meeting, design Heimo Keindl, 1983; 
Thonet catalog 1983 
Doch man bemühte sich auch um neue Entwürfe. Im Jahre 1993/94 
wurde in den Räumlichkeiten des MAK - Museum für angewandte 
Kunst - in Wien ein Cafe-Restaurant eingebaut. Die Planung lag bei 
dem bekannten Architekten und Designer Hermann Czech. Er entwarf 
hierfür einen Stuhl und Armlehnstuhl in Bugholz, die beide heute noch 
produziert werden. 26 
Da man sich in der Wiener Thonet-Familie zwischenzeitlich über die wei 
tere finanzielle Führung des Unternehmens uneins war und kein Über 
einkommen zustande kam, konnte eine deutsche Investorengesellschaft 
die Mehrheit an Thonet Vienna erwerben. Die Familie schied aus dem 
operativen Geschäft aus. Nach einem nicht sehr kreativen und finanziell 
zweifelhaften Zwischenspiel wurde das Unternehmen schließlich 2001 
an den renommierten Polstermöbelhersteller Poltrona Frau verkauft. 
In den 1980er Jahren hatte man gut mit dieser international so anerkann 
ten italienischen Firma zusammengearbeitet, doch die Partner von damals 
waren nicht mehr im Unternehmen oder nicht mehr operativ tätig. Neue 
Modelle sollten in Italien entwickelt werden, doch keiner dieser Stühle 
erlangte Serienreife. Die italienischen Manager, die stets rasch wieder 
abberufen wurden, wussten, so muss man es leider sagen, mit Thonet 
nichts anzufangen. 
Im Jahre 2006 war das Projekt Gebrüder Thonet Vienna durch Poltrona 
Frau gescheitert. Das Werk Friedberg und die Schauräume in Österreich 
wurden geschlossen, der Firmensitz operativ nach Turin verlegt. Die Ge 
brüder Thonet Vienna waren erstmals in ihrer Geschichte ein Möbelun 
ternehmen ohne eigene Erzeugung. Es folgte ein sogenanntes Manager- 
Buyout. Franco Moschini, ehemals Präsident von Poltrona Frau, ist nun 
verantwortlich. Der jetzige Konfektionist nennt sich auf vielen Märkten 
wegen der fehlenden Markenrechte an dem Namen „Thonet“ GTV Wiener 
Design. Die aktuelle Kollektion besteht aus den klassischen Modellen 
der österreichischen Zeit und aus ambitionierten Entwürfen, mit denen 
man versucht, zeitgemäßes Bugholzdesign zu kreieren. 
Die Situation nach 1945 in der Tschechoslowakei 
und in Polen 
Während des Zweiten Weltkriegs übernahmen für die in Mähren und der 
Slowakei gelegenen Fabriken Vertrauensleute der Nationalsozialisten die 
Leitung dieser Betriebe. Nach dem Krieg erfolgte dann deren Beschlag 
nahme als „deutsches Eigentum“. Bei großen Unternehmen wurden die 
neuen Eigentumsverhältnisse vom Staat sofort neu organisiert, wobei 
keine Rücksicht auf gültige Verträge genommen wurde. Ebenso verfuhr 
man mit den Grundbesitzungen und Forstbetrieben. Ab 1948 erfolgte 
die „Nationalisierung“. Die sozialistische Zentralverwaltung in Prag führte 
viele Umstrukturierungen und Zusammenlegungen durch, wobei die Roh 
stoff erzeugenden Betriebe, wie etwa die Forstwirtschaft, von den pro 
duzierenden und dem Vertrieb getrennt wurden. 
Die Fabriken in Groß-Ugröcz und Wsetin hatten die Bugholzerzeugung 
schon in der Zwischenkriegszeit eingestellt, Koritschan und Hallenkau 
dann nach dem Zweiten Weltkrieg, obwohl es in diesen Werken so gut 
wie keine Kriegsschäden gab. Bistritz, die zweite Fabrik der Gebrüder 
Thonet, war immer schon der produktivste Standort der Bugholzmöbel 
erzeugung. Nach 1948 wurden das Werk Holleschau - früher J. & J. 
Kohn die Mitbewerber Bernkopf in Frankstadt a. R., Mähren (Frenstät 
pod Radhostem) und Fischei mit der Fabrik in Niemes (Mimon), Nord 
böhmen, dem Werk Bistritz zugeordnet. Seit Kriegsende werden nur 
mehr in Bistritz Bugholzmöbel erzeugt. Markenrechte zwingen das Un- 
25 Ausst.-Kat. Venedig/Klagenfurt 1991: 13 Austrian Positions, 49. 
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