Die Anfänge: Der Bopparder Seitenrahmenstuhl
Der sogenannte englische Stuhl, eine gängi
ge Form des Seitenrahmenstuhls und Vorbild
für Michael Thonets Bopparder, war in den
1 830er Jahren am Mittelrhein zahlreich ver
breitet. 1 Formal vergleichbare Modelle wurden
etwa auch in dem von dem Mainzer Schreiner
Wilhelm Kimbel ab 1835 herausgegebenen
Journal für Möbelschreiner und Tapezierer ab-
gebildet, einem der wichtigsten Vorlagenbü
cher der damaligen Zeit. Michael Thonet fer
tigte die Seitenteile seiner Stühle aus jeweils
zwei schichtverleimten Bauteilen, die im Be
reich der seitlichen Zarge miteinander verleimt
wurden; aufwendige Flolzverbindungen entfie
len. 2 Einem zeitgenössischen Ausstellungs
bericht zufolge bestanden die Vorteile dieser
Methode darin, „daß den Möbeln bei voll
kommener Dauerhaftigkeit und Eleganz eine
ausnehmende Leichtigkeit gegeben werden
kann“. 3 Bereits 1820 hatte der Architekt Karl
Friedrich Schinkel gusseiserne Gartenstühle
entworfen, deren identische Seitenteile jeweils
aus einem Stück gegossen werden konnten.
Ebenso wie bei Thonets Boppardern war auf
diese Weise eine Serienfertigung möglich ge
worden, wobei die Seitenteile mit längeren
Stäben auch als Bank und durch mit Armleh
nen gegossene Seitenteile auch als Fauteuil
zusammengebaut werden konnten. Mit dem
ab 1883 vollständig aus massiv gebogenem
Holz hergestellten Salonsessel Nr. 2 zitierten
die Gebrüder Thonet nochmals die Seiten
rahmenkonstruktion der frühen Bopparder
Modelle.
1 Vgl. Heidrun Zinnkann, Mainzer Möbelschreiner der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1985, 70ff.
2 Bei Samuel Gragg finden sich schon ab 1808 Stühle, bei denen
Rücklehnholm, seitliche Zarge und Vorderbein aus einer einzigen
gebogenen Leiste gefertigt sind. Vgl. Derek Ostergard (Hg.),
Bent Wood and metal furniture 1850-1946, New York 1987,
Catalogue, Figure 3B und 4A.
3 Hektor Rößler, „Bericht über die allgemeine deutsche Industrieaus
stellung in Mainz im Jahr 1842“, in: Verhandlungen des Gewerbe-
Vereins für das Großherzogthum Hessen, Darmstadt 1843, 36.
.
Bopparder Sessel Boppard Chair
Entwurf Design: Michael Thonet, Boppard, um ca. 1836
Ausführung Execution: Michael Thonet, Wien Vienna, Werkstatt Workshop
List, 1842-44; Buche, schichtverleimt, Mahagonifurnier, Weichholz, Geflecht
Beech, laminated, mahogany veneer, softwood, cane; MAK H 2967/1987
Wilhelm Kimbel, Kanapee und Seitenrahmenstuhl
(aus: Journal für Möbelschre/ner und Tapezierer,
1835/1, Blatt 16) Wilhelm Kimbel, Sofa and Side
Frame Chair (in: Journal für Möbelschreiner und
Tapezierer, 1835/1, sheet 16)
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