Sebastian Hackenschmidt
Der Thonet-Sessel:
Vom Gebrauchs
möbel zum
Designklassiker
„Vielleicht werden Sie sich noch des Bilds erinnern, als
ich einen gewöhnlichen Thonetsessel in die Hand nahm,
hochhielt und die Anwesenden aufforderte, von natürlichen
Quellen unserer Form nicht abzulassen! Ich hatte damit nur
erreicht, daß ich von den Secessionisten ohne Ausnahme
durch diese Verehrung des Thonetsessels als Nichtkünstler
gebrandmarkt wurde.“ - Adolf Loos 1
Der „Heilige Stuhl“
Am 11. Mai 1963 wurde in der Düsseldorfer Innenstadt eine Ausstellung
eröffnet, die sich mit den Bildern der Massenmedien und der Popkultur
auseinandersetzen und den Begriff des „kapitalistischen Realismus“ prä
gen sollte. 2 Die Künstler Manfred Kuttner, Konrad Lueg, Sigmar Polke
und Gerhard Richter hatten in der Kaiserstraße 31A eine leer stehende
Metzgerei angemietet und dort Texte, Bilder und Objekte installiert, von
denen heute viele nur noch anhand der Fotografien zu identifizieren sind,
die bei der Ausstellungseröffnung - wohl überwiegend von Manfred Kutt
ner - gemacht wurden. Eine dieser Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt den
Blick aus dem Inneren des Lokals in das Schaufenster, vor dem Sigmar
Polke beim Betrachten der Exponate zu sehen ist. Im Vordergrund ist
dabei als eines der Kunstwerke ein einfacher Thonet-Stuhl zu erkennen,
der zum Zeitpunkt der Ausstellung bereits über ein halbes Jahrhundert
alt war - es handelt sich um das Modell Nr. 360, das im Thonet-Katalog
von 1912 erstmals abgebildet war.
Was die Schwarz-Weiß-Aufnahme dieser „ersten Ausstellung ,Deutscher
Pop-Art'“ 3 nicht erkennen lässt, ist, dass der Stuhl mit fluoreszierender
Leuchtfarbe in Magentarot bemalt war: Manfred Kuttner hatte das alte
Möbelstück auf diese Weise aufgepeppt und ironisch zum „Heiligen
Stuhl“ erklärt. Den Vorwurf der Blasphemie hatte der Künstler im erzka
tholischen Rheinland sicherlich einkalkuliert: „ein banaler Gegenstand
als Verkörperung der sancta sedes“. 4 Die Heiligsprechung des Möbel
stücks durch künstlerische Aneignung verweist indes auch auf seine „All
gegenwärtigkeit“: Kuttner präsentierte den Thonet-Stuhl nicht als über
kommene Antiquität, sondern - im Verbund mit einem als „Massenmedien“
titulierten Illustriertenbündel von Polke und einem Waschpulverpaket von
Lueg - als einen für die zeitgenössische Wohnlandschaft noch sehr ty
pischen Gegenstand und damit als lebendigen Bestandteil der Populär-
und Alltagskultur, aus der sich der „kapitalistische Realismus“ der Künstler
speiste. 5
1 Adolf Loos in einem Briefentwurf an Felix Salten (wohl 1930), zit. nach: Burkhardt Rukschcio /
Roland Schachei, Adolf Loos. Leben und Werk, Salzburg / Wien 1982, 53.
2 Vgl. Ausst.-Kat. Köln 2013: Leben mit Pop. Eine Reproduktion des kapitalistischen Realismus.
3 Vgl. die Presseerklärung zur Ausstellung in der Kaiserstraße (Typoskript, ca. Mai 1963), abgebildet
in: Sediment 7: Ganz am Anfang / How it all began Richter, Polke, Lueg & Kuttner Leben mit Pop,
Köln 2004, 72.
4 Christine Mehring, „Kapitalistisch-Realistische Informationskunst“, in: Ausst.-Kat. Köln 2013/2:
Manfred Kuttner, Werkschau, 16-32: 16.
5 Dass über Möbel als Konsumobjekte im Zusammenhang mit dem kapitalistischen Realismus
nachgedacht wurde, belegt auch die erwähnte, von Konrad Lueg und Gerhard Richter in einem
Düsseldorfer Möbelhaus veranstaltete Ausstellung „Leben mit Pop“ vom Oktober 1963.
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