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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

gewitte Eleganz, die eigentlid) mit dem Begriff der organifcben 
Brauchbarkeit fcbon gegeben ift. Unter diefer Eleganz ift eben» 
falls nicht irgendein von außen bereingetragenes Element zu 
verfteben, keine Verzierung oder fonft eine unfachliche Zutat, 
wie ficb denn auch mit dem modernen Begriff der Eleganz am 
richtigften die Vorftellung der Einfachheit verbindet. □ 
Es foll gar nicht behauptet werden, daß die Konvention des 
guten Gefcbmackes mehr bedeutet als eine bloß formale Zucht. 
Sie bat mit Seelen- oder Geiftesgröße, mit Kunftfinn oder Schön» 
beitsempfinden abfolut nichts zu fcbaffen. Es muß befonders 
auch bervorgeboben werden, daß man mit allen Forderungen 
des guten Gefcbmackes, mit den Begriffen der böcbften Eleganz 
und des erdenklichften Komforts und mit der ganzen darauf 
beruhenden formalen Kultur nicht um einen Schritt näher zur 
Kunft gelangt. Die Konvention, die der Ausdruck eines Gefamt» 
willens ift und nur durch die Sanktion der Menge beftebt, ift 
nicht hinreichend, um Kunft bervorzubringen oder fie auch nur 
zu würdigen. Die moderne Kunftinduftrie, die nur die größere 
Form des heutigen, ebenfalls induftrialifierten Kunftgewerbes 
darftellt, bat diefelbe Aufgabe wie die eben befprochene Profan 
architektur, die Merkmale des Komforts und der Eleganz an 
den Gebrauchsdingen des Alltags zu befeftigen. Sie bat den 
Markt zu verforgen und die Dinge fo praktifch, fo angenehm 
und fo vorzüglich zu machen, als es der allgemein verbindliche 
gute Gefchmack von heute verlangen kann. Sie bat alfo nur 
für die Erfüllung des guten Gefcbmackes zu forgen, aber fie hat 
nicht die Aufgabe und auch nicht die Fähigkeit, Kunft zu machen. 
Es ift eine falfcbe Prätention, wenn Kunftinduftrie und Kunft» 
gewerbe auf der heutigen kapitaliftifchen Grundlage vorgeben, 
Kunft bervorbringen zu wollen. Sie bringen nur Verwirrung 
hervor. Sie bringen etwas hervor, was für den Alltag gar nicht 
zu brauchen ift. Niemand ift verpflichtet, künftlerifcb zu fein. 
Der Arzt, der Jurift, der Bankdirektor, die Arbeitsfrau und wer 
fonft auf dem Markt erfcheint, um feine Alltagsbedürfniffe zu 
decken, fie haben gar nicht Zeit und auch keine Möglichkeit, 
darüber zu reflektieren, ob der Papierkorb, der Seffel, das 
Schreibzeug, die Wafcbfcbüffel, die Briefmappe künftlerifcb ift 
oder nicht. Dagegen aber wiffen die Leute ohne weiteres, wie ein 
folcber Gegenftand fein muß, wenn er zweckmäßig und praktifch 
fein foll. Einer unbegreiflichen Lebenslüge zufolge wollen aber 
die Leute beute ein künftlerifcbes Hausgerät. Und was ihnen 
der Markt unter diefem Titel bieten kann, läuft naturgemäß 
auf eine fchauderbaft gefchmacklofe Mache hinaus, mit lächerlichen 
Verzierungen, die über den Mangel der Qualität binwegtäufchen 
follen. Was wir in Wahrheit in unferen Wohnungen und für 
unteren täglichen Lebensbedarf brauchen, find nicht künftlerifcbe 
Prätentionen, fondern Dinge, die auf unauffällige und felbft» 
verftändliche Art die Bedingungen des Komforts und der Eleganz 
erfüllen. Es haben fich für diefe Produktionen, deren kulturelle 
Aufgabe es ift, für den guten Gefchmack im Alltag zu forgen, 
gewiffe Geftaltungsgrundfätye berausgeftellt, die nichts weiter 
find, als eine deutfcbe Umfcbreibung der importierten Grundbe 
griffe von Komfort und Eleganz. Es ffnd drei Grundfä^e der 
amerikanifch-europäifchen Gefcbmackskultur: Zweckmäßigkeit, 
Sachlichkeit und Gediegenheit. Sie müffen in der modernen 
Produktion zur unumfcbränkten Herrfcbaft gebracht werden. 
Zweckmäßigkeit als das Um und Auf der woblangemeffenen, präde- 
ftinierten Form, Sachlichkeit als die puritanifche Abkehr von jeder 
Zieratenfucht, Gediegenheit als Gebot der exakten, nicht fcbund» 
mäßigen Ausführung und der unverfälfchten Materialqualität. Das 
find die Grundfätje, die felbft der Künftler, der für die profanen 
Aufgaben und für die Induftrie Entwürfe liefert, für das aller- 
wichtigfte hält. Der Künftler felbft hält es im Hinblick auf das 
Maffenbedürfnis für feine ethifche und foziale Pflicht, kein indi 
viduelles Kunftwerk zu liefern, fondern durch die fachliche Be 
tonung der Aufgabe die Kultur zu fördern, und für die Ver 
breitung des guten Gefcbmackes zu forgen, in der Form, die 
heute eben verbindlich ift. Er felbft weiß es am beften und 
hütet fich davor, einen Schein von Kunft durch die Mafchine 
geben zu wollen, und wo es trotjdem gefchieht, gefchiebt es ge 
wöhnlich nur auf Koften der Anftändigkeit zu bloßen Reklame 
zwecken. Die Kunft beginnt ganz wo anders. Sie kann nicht 
durch die Mafchine oder durch Arbeitsbände, die mecbanifcb 
präzis wie Apparate, aber auch fo unintereffant wie diefe pro 
duzieren, in Maffe erzeugt und auf dem offenen Markt für die 
Menge feilgebalten werden. Es ift daher auch ein Irrtum, zu 
glauben, daß man durch die Erwerbung eines gediegenen, fach 
lich beftimmten Gegenftandes oder einer ganzen Wohnungsein 
richtung diefer Art in ein Verhältnis zur Kunft getreten fei. 
Man ift damit ebenfowenig in ein Verhältnis zur Kunft ge 
treten, wie wenn man fich einen anftändigen Rock anmeffen 
läßt oder eine gefcbmackvolle Krawatte auswäblt. Der Begriff 
des Kunftwerkes ift auch keineswegs mit Technik, Zweckmäßig 
keit, Sachlichkeit oder Gediegenheit zu erfcböpfen. Das find 
Dinge, die nur nebenher, nur zufällig oder auch nur äußerlich 
mit dem Begriff des Kunftwerkes zu tun haben. Ein Künftler 
kann in jedem Material, alfo auch im fchlechteften, ein Kunft 
werk bervorbringen, und die gewöhnliche Auffaffung von Ma« 
terialecbtbeit und Gediegenheit ift für ihn nicht verbindlich. 
Was die Technik betrifft, fo kann ihm jeder Handwerker darin 
über fein. Es ift ganz gleichgültig, wie feine Technik ift, gut 
oder fchlecht, alt oder neu; einzig wefentlich ift fein künftle- 
rifcber Intellekt, die Kraft und Neuheit feiner Vifion und die 
Stärke feines geftaltenden Temperaments. Aber das ift eine 
Sache, die mit der Gefchmacksfrage, mit der Konvention, mit der 
modernen Erzeugung nichts zu tun hat. Wir fcbwärmen zwar 
beute viel für Kircbturmäftbetiken, wie überhaupt für das liebe 
traute Alte, und wir fuchen diefe Dinge in vergeffenen Winkeln 
auf, aber wir fahren nicht mit der alten Poftkutfcbe, fondern 
wenn es gebt mit dem Automobil, und dabei haben wir uns 
bei dem eigentlichen Grundzug unteres Wefens erwifcht. □ 
Romantik und Amerikanismus, das ift unfere Zeitmarke. L. 
DHS PROBLEM DER ARBEITSFREUDE 
n der »Umfcbau« (berausgegeben von D R ' BECHOLD, Frankfurt) bringt 
Sanitätsrat D R ' LEOPOLD LflQUER in feinem intereffanten fluffatj 
über »die Nervofität und moderne Kultur« das Problem der »Arbeits 
freude« zur Sprache. »Wenn wir uns hier die Frage vorlegen, welche 
Bevötkerungskreife durch die Kultur nervöfer geworden find, fo ge 
denken wir zuerft eines pfychologifcben Berufsproblems, der »Arbeits 
freude«, das ein Nationalökonom, Herkner, und ein Nervenarzt, Hell- 
pacb, in die Debatte geworfen haben. Die Entgeiftigung der körper 
lichen Arbeit durch die Mafchine löft Untuftempfindungen im Arbeiter 
aus, die Beachtung verdienen. Herkner wünfcbt, daß die Wiffenfchaft 
ficb befleißige, die wirkliche Arbeitsmübe, die Lebensaufopferung, die 
die Herftellung eines Gutes bedinge, wenigftens fcbätjungsweife zu er 
mitteln. Der Geldlobn fei feiten ein entfprecbendes Maß für die Arbeit. 
Mißt man nämlich die Größe der Arbeitslaft, fo muß man die Höbe 
der Ermüdung des Körpers, die Abnützung desfelben durch Krank 
heiten (Gewerbekrankbeiten) bezw. Sterblichkeit in Rechnung fetten. 
Aber der moderne Induftriealismus bat dem Arbeiter nicht nur körper 
liche Gefahren gebracht: Schädigung durch Vergiftung, Staub, Unfall, 
fondern ihn auch feelifch beeinflußt, feine Luft an der Arbeit zumeift 
berabgefetjt. Sie wurde einfacher und bequemer, anderfeits eintöniger 
und langweiliger; der Fabrikarbeiter fcbafft oft nur Teile — Stücke 
eines ihn nicht mehr intereffierenden Ganzen. -« o 
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