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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

Platjbarmonie nicht nur räumlich, fondern auch aus innerer Not 
wendigkeit bedeutfam wirkt. Ein modernes Kulturbild foll der 
inneren und äußeren Verfaffung nach in dem Kunftgebilde der 
neuen Platjgeftaltung verdichtet werden. □ 
Das Projekt des Profeffor Reinhardt gefiel dem König; der 
Plan des Profeffor Fifcher gefiel der Bürgerfchaft. □ 
Wird das Prinzip der neuen Zeit liegen? □ 
Zum Wettbewerb an den Theaterbauten find außer den Stutt 
garter Architekten die folgenden eingeladen worden: MARTIN 
DÜLFER, BRUNO SCHMITZ, HEINRICH SEELING, MAX LITT- 
» MANN und Regierungsbaumeifter MORITZ in Köln. □ 
II. ALTSTADT UND ASSANIERUNG 
Ein paar Schritte hinter dem Königspalafte, etliche Gaffen hin 
durch, führen in eine andere Kulturwelt. Hier in der mittel 
alterlichen Kleinbürgerftadt liegen die Verhältniffe völlig anders. 
Hier ift der vollkommene Gegenfat) der Großzügigkeit, die auf 
dem Königsplat) entweder höfifch oder durch den Großverkehr 
oder durch das elegante Meeting beftimmt ift und in einer 
Aufwicklung von Fenftern und Filaden, Monumentalbauten, 
breiten Avennuen, Terraffen und Fahrdämmen ufw. befteht. Für 
das Sammelbedürfnis genügt der Marktplatz der als das Herz 
des alten Stadtorganismus den Verkehr aufnimmt und durch 
t das engmafchige, dichtgeflochtene Aderfyftem von Straßen und 
Gäßlein abgibt. In diefem engen Straßennetze herrfcht ein er 
götzliches Häufergedränge. Alles fchnappt hier nach Luft und 
Licht und nach ein wenig Raum. Hier fpringt ein Erker vor, 
dort weicht eine Ecke zurück, die Straße biegt fich um, ein 
Giebel hängt fich breit und quer herein, die Erdgefchoffe rücken 
nach innen, den fchmalen Bürgerfteig freizugeben, die Oberge- 
fcboffe ragen vor und hängen in der Luft wie Schwalbennefter» 
und ein amüfantes malerifdhes Allerlei entfteht, ein Winkelwerk, 
das bei jedem Schritt und Tritt überrafchende kurzgefchloffene 
Perfpektiven eröffnet, maffig durcheindergefchobene Formen, 
die wuchtig, groß und gedrungen erfcheinen. In diefer räum 
lichen Befchränkung wirkt auch das Kleine monumental. Jedes 
Haus, jede Straßenwendung zeigt ein neues Gefleht, trotzdem 
im Grunde nur eine Bautype da ift. Hier ift alles lebendig und 
^ fprechend. Durch ein paar diefer Gaffen fehiebt fich das Ge 
wühl, drängen fich die Verkaufsläden und Schaufenfter und 
klettern übereinander bis unter den Giebel. Ein paar andere 
Gaffen dicht nebenan liegen ftill da und träumen hinter ihren 
Blumenfenftern oder find erfüllt von der Mufik des kleinen Ge 
werbes, das hier zu Haufe ift. Ift eine diefer Gaffen in Reinheit 
und Ordnung gehalten, einige Schaff Kalk zur Haustünche an 
gewendet, dann foll man feben, wie wohnlich es in diefem alten 
Stadtgewirr ift. Das gefchickte Bauen, das im Ringen nach Luft, 
Licht und Raum im dächten Gedränge immer neue Einfälle 
zeitigte, brachte es zuwege, daß trotj der Enge die Straßen noch 
immer das Nötige abkriegten und merkwürdig erfüllt find von 
Licht oder zumindeft von Sonnenreflexen, die von den ge 
wendeten Straßenwandungen in die Scblagfcbatten bineinfpringen. 
> Schließlich ift dann in ganz engen Gäßlein, wo der nach der 
Straße liegende Hofraum nicht ausreicht, die Gaffe felbft die er 
weiterte Wohnung. Das Leben der Krämer, der Kleingewerbe 
treibenden und der Jugend fpielt fich zum größten Teil auf der 
Straße ab. Ja felbft die Wobnfenfter fehen mitten in die Öffent 
lichkeit hinein und irgend ein Auslug fehiebt fich in die Straße. 
Da und dort fleht über der fchmalen Enge zwifchen dem roten 
Dachgefchiebe der Hausdächer in impofanter Größe der Rathaus 
turm und fieht ins kleine Alltagsleben wie ein freundlicher Wächter 
hinein. Organifches Bauen bringt diefe Vielgeftaltigkeit des 
Lebens zum Ausdruck und tut das Künftlerifche nur aus fein be 
obachteter Notwendigkeit, und das Notwendige darum künftlerifch. 
In der Stadt liegen aber in einigen Teilen die Verhältniffe 
von altersber doch fo, daß der neue zeitgemäße bygienifche Sinn 
eine Affanierung notwendig machte. Damit ift wie gewöhnlich 
das Scbickfal der charakteriftifchen kleinbürgerlichen Dafeins- 
formen befiegelt. Es ift aber allgemein bekannt, daß in Stutt 
gart Theodor Fifcher feine febütjende Hand über diefe Umge- 
ftaltungen hält. Und daß der Künftler die Eigenart diefer alten, 
füddeutfeben Stadtgebilde in ihrer geiftigen Wurzel erfaßt hat. 
So war es möglich, daß dort das liebenswerte Bild in einer 
neuen Form erftand, die keine Wiederholung, keine äußerliche 
Stilnachahmung des Vergangenen darftellt und trotzdem die 
lokale Cbarakteriftik verkörpert. Die neue Form enthält die 
wertvollen Grundzüge der alten, und ift doch die kulturell höhere 
Ordnung, die der Neuzeit entfpricht. Auf diefe Art find im 
Herzen der alten Stadt neue Straßenzüge entftanden, die die 
alte feine Stimmung erneuern, wie aus einer der folgenden Ab 
bildungen hervorgebt und zugleich den néuen Anforderungen 
in bezug auf Raum, Luft, Licht, Hygiene, Komfort und Ver- 
zinfung in höherem Maße Rechnung tragen, als es an diefer 
Stelle in den einftigen alten Straßen der Fall war. Nicht nur 
durch die Baugruppierung und durch die forgfältig den natür 
lichen Verbältniffen und der gebotenen Überlieferung abge 
wonnenen Straßenfluchten, fondern auch durch die feine kolo- 
riftifche Behandlung des Putzbaues find die neuen Straßenzüge 
von jenem künftlerifcben Bedacht erfüllt, der fcblecbtbin als 
malerifch bezeichnet wird, obzwar von Haus aus architektonifche, 
nicht malerifche Erwägungen zugrunde liegen. Aber die Mannig 
faltigkeit in der organifcb beftämmten Einheit ift fachlich ge 
bunden. Der »malerifche« Eindruck ift ein unwillkürliches Er 
gebnis. Überdies befit}t der Künftler zur Belebung der Wand 
fläche in der fogenannten Kratzputztechnik ein beneidenswertes 
malerifcbes Mittel, das an diefen Bauten mit feiner Wirkung an 
gewendet ift. Wo Schonung angebradfl ift, wird fie gerade von 
diefem Künftler mit bebutfamen Händen geübt. Wir fehen dies 
ganz deutlich an dem Illuftrationsbeifpiel, wo der alte Fachwerk 
bau, der der Straßenerweiterung hätte zum Opfer fallen müffen, 
dadurch erhalten blieb, daß eine Unterführung des Paffanten 
weges durch das Haus bergeftellt wurde. Nach einer gründ 
lichen Reftaurierung des intereffanten Gebäudes fleht es nun 
über die Straßenmitte hinein, auf eine Stützmauer, die als Ver- 
kebrsgabelung dient, wie auf einen Stab geftü^t. Ganz ver- 
menfcblicbt fieht es aus. Es ift eine Löfung, die in vielen Fällen 
anderswo vor den vermehrten Verkebrsanforderungen alten 
intereffanten Baudenkmälern den Beftand gefiebert hätte oder 
fernerhin fiebern wird, wenn der gute Wille, der immer einen 
Weg findet, gegeben ift. Der lokale Dialekt klingt in diefen 
neuen Straßenbildern wieder durch, fehr angenehm im Gegen- 
fatze zu der auch in Stuttgart wüften Spekulationsbauerei und 
zu dem dort ganz unverftändlichen nordifchen Backfteinbau, der 
in einer fchlechten Architekturperiode in diefer Stadt einge 
bürgert wurde. In jener Epoche genügte es, einen Profeffor 
aus Hannover nach Stuttgart zu berufen, und das Unglück war 
gefebeben. Die Zukunft wird es zu verwifchen trachten, wenn 
der neue Baugeift, wie fich hier offenbart, Schule macht, und 
die Rückficht auf die lokale Eigenart mit künftlerifeber Freiheit 
und Einficht in moderne Erforderniffe geübt wird. Dafür liefert 
das Neufchaflren in Stuttgart und in Fifcbers Sammelfchule ein 
finnvolles Beifpiel. Ob es fich um großzügige Aufmachung wie 
auf dem Königsplatz, oder um die intime Stimmung der neuen 
Wobnftraßen in der affanierten Altftadt, oder um einzelne, dem 
Zeitbedürfnis gemäße öffentliche Bauten bandelt, wie die Schule 
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