Platjbarmonie nicht nur räumlich, fondern auch aus innerer Not
wendigkeit bedeutfam wirkt. Ein modernes Kulturbild foll der
inneren und äußeren Verfaffung nach in dem Kunftgebilde der
neuen Platjgeftaltung verdichtet werden. □
Das Projekt des Profeffor Reinhardt gefiel dem König; der
Plan des Profeffor Fifcher gefiel der Bürgerfchaft. □
Wird das Prinzip der neuen Zeit liegen? □
Zum Wettbewerb an den Theaterbauten find außer den Stutt
garter Architekten die folgenden eingeladen worden: MARTIN
DÜLFER, BRUNO SCHMITZ, HEINRICH SEELING, MAX LITT-
» MANN und Regierungsbaumeifter MORITZ in Köln. □
II. ALTSTADT UND ASSANIERUNG
Ein paar Schritte hinter dem Königspalafte, etliche Gaffen hin
durch, führen in eine andere Kulturwelt. Hier in der mittel
alterlichen Kleinbürgerftadt liegen die Verhältniffe völlig anders.
Hier ift der vollkommene Gegenfat) der Großzügigkeit, die auf
dem Königsplat) entweder höfifch oder durch den Großverkehr
oder durch das elegante Meeting beftimmt ift und in einer
Aufwicklung von Fenftern und Filaden, Monumentalbauten,
breiten Avennuen, Terraffen und Fahrdämmen ufw. befteht. Für
das Sammelbedürfnis genügt der Marktplatz der als das Herz
des alten Stadtorganismus den Verkehr aufnimmt und durch
t das engmafchige, dichtgeflochtene Aderfyftem von Straßen und
Gäßlein abgibt. In diefem engen Straßennetze herrfcht ein er
götzliches Häufergedränge. Alles fchnappt hier nach Luft und
Licht und nach ein wenig Raum. Hier fpringt ein Erker vor,
dort weicht eine Ecke zurück, die Straße biegt fich um, ein
Giebel hängt fich breit und quer herein, die Erdgefchoffe rücken
nach innen, den fchmalen Bürgerfteig freizugeben, die Oberge-
fcboffe ragen vor und hängen in der Luft wie Schwalbennefter»
und ein amüfantes malerifdhes Allerlei entfteht, ein Winkelwerk,
das bei jedem Schritt und Tritt überrafchende kurzgefchloffene
Perfpektiven eröffnet, maffig durcheindergefchobene Formen,
die wuchtig, groß und gedrungen erfcheinen. In diefer räum
lichen Befchränkung wirkt auch das Kleine monumental. Jedes
Haus, jede Straßenwendung zeigt ein neues Gefleht, trotzdem
im Grunde nur eine Bautype da ift. Hier ift alles lebendig und
^ fprechend. Durch ein paar diefer Gaffen fehiebt fich das Ge
wühl, drängen fich die Verkaufsläden und Schaufenfter und
klettern übereinander bis unter den Giebel. Ein paar andere
Gaffen dicht nebenan liegen ftill da und träumen hinter ihren
Blumenfenftern oder find erfüllt von der Mufik des kleinen Ge
werbes, das hier zu Haufe ift. Ift eine diefer Gaffen in Reinheit
und Ordnung gehalten, einige Schaff Kalk zur Haustünche an
gewendet, dann foll man feben, wie wohnlich es in diefem alten
Stadtgewirr ift. Das gefchickte Bauen, das im Ringen nach Luft,
Licht und Raum im dächten Gedränge immer neue Einfälle
zeitigte, brachte es zuwege, daß trotj der Enge die Straßen noch
immer das Nötige abkriegten und merkwürdig erfüllt find von
Licht oder zumindeft von Sonnenreflexen, die von den ge
wendeten Straßenwandungen in die Scblagfcbatten bineinfpringen.
> Schließlich ift dann in ganz engen Gäßlein, wo der nach der
Straße liegende Hofraum nicht ausreicht, die Gaffe felbft die er
weiterte Wohnung. Das Leben der Krämer, der Kleingewerbe
treibenden und der Jugend fpielt fich zum größten Teil auf der
Straße ab. Ja felbft die Wobnfenfter fehen mitten in die Öffent
lichkeit hinein und irgend ein Auslug fehiebt fich in die Straße.
Da und dort fleht über der fchmalen Enge zwifchen dem roten
Dachgefchiebe der Hausdächer in impofanter Größe der Rathaus
turm und fieht ins kleine Alltagsleben wie ein freundlicher Wächter
hinein. Organifches Bauen bringt diefe Vielgeftaltigkeit des
Lebens zum Ausdruck und tut das Künftlerifche nur aus fein be
obachteter Notwendigkeit, und das Notwendige darum künftlerifch.
In der Stadt liegen aber in einigen Teilen die Verhältniffe
von altersber doch fo, daß der neue zeitgemäße bygienifche Sinn
eine Affanierung notwendig machte. Damit ift wie gewöhnlich
das Scbickfal der charakteriftifchen kleinbürgerlichen Dafeins-
formen befiegelt. Es ift aber allgemein bekannt, daß in Stutt
gart Theodor Fifcher feine febütjende Hand über diefe Umge-
ftaltungen hält. Und daß der Künftler die Eigenart diefer alten,
füddeutfeben Stadtgebilde in ihrer geiftigen Wurzel erfaßt hat.
So war es möglich, daß dort das liebenswerte Bild in einer
neuen Form erftand, die keine Wiederholung, keine äußerliche
Stilnachahmung des Vergangenen darftellt und trotzdem die
lokale Cbarakteriftik verkörpert. Die neue Form enthält die
wertvollen Grundzüge der alten, und ift doch die kulturell höhere
Ordnung, die der Neuzeit entfpricht. Auf diefe Art find im
Herzen der alten Stadt neue Straßenzüge entftanden, die die
alte feine Stimmung erneuern, wie aus einer der folgenden Ab
bildungen hervorgebt und zugleich den néuen Anforderungen
in bezug auf Raum, Luft, Licht, Hygiene, Komfort und Ver-
zinfung in höherem Maße Rechnung tragen, als es an diefer
Stelle in den einftigen alten Straßen der Fall war. Nicht nur
durch die Baugruppierung und durch die forgfältig den natür
lichen Verbältniffen und der gebotenen Überlieferung abge
wonnenen Straßenfluchten, fondern auch durch die feine kolo-
riftifche Behandlung des Putzbaues find die neuen Straßenzüge
von jenem künftlerifcben Bedacht erfüllt, der fcblecbtbin als
malerifch bezeichnet wird, obzwar von Haus aus architektonifche,
nicht malerifche Erwägungen zugrunde liegen. Aber die Mannig
faltigkeit in der organifcb beftämmten Einheit ift fachlich ge
bunden. Der »malerifche« Eindruck ift ein unwillkürliches Er
gebnis. Überdies befit}t der Künftler zur Belebung der Wand
fläche in der fogenannten Kratzputztechnik ein beneidenswertes
malerifcbes Mittel, das an diefen Bauten mit feiner Wirkung an
gewendet ift. Wo Schonung angebradfl ift, wird fie gerade von
diefem Künftler mit bebutfamen Händen geübt. Wir fehen dies
ganz deutlich an dem Illuftrationsbeifpiel, wo der alte Fachwerk
bau, der der Straßenerweiterung hätte zum Opfer fallen müffen,
dadurch erhalten blieb, daß eine Unterführung des Paffanten
weges durch das Haus bergeftellt wurde. Nach einer gründ
lichen Reftaurierung des intereffanten Gebäudes fleht es nun
über die Straßenmitte hinein, auf eine Stützmauer, die als Ver-
kebrsgabelung dient, wie auf einen Stab geftü^t. Ganz ver-
menfcblicbt fieht es aus. Es ift eine Löfung, die in vielen Fällen
anderswo vor den vermehrten Verkebrsanforderungen alten
intereffanten Baudenkmälern den Beftand gefiebert hätte oder
fernerhin fiebern wird, wenn der gute Wille, der immer einen
Weg findet, gegeben ift. Der lokale Dialekt klingt in diefen
neuen Straßenbildern wieder durch, fehr angenehm im Gegen-
fatze zu der auch in Stuttgart wüften Spekulationsbauerei und
zu dem dort ganz unverftändlichen nordifchen Backfteinbau, der
in einer fchlechten Architekturperiode in diefer Stadt einge
bürgert wurde. In jener Epoche genügte es, einen Profeffor
aus Hannover nach Stuttgart zu berufen, und das Unglück war
gefebeben. Die Zukunft wird es zu verwifchen trachten, wenn
der neue Baugeift, wie fich hier offenbart, Schule macht, und
die Rückficht auf die lokale Eigenart mit künftlerifeber Freiheit
und Einficht in moderne Erforderniffe geübt wird. Dafür liefert
das Neufchaflren in Stuttgart und in Fifcbers Sammelfchule ein
finnvolles Beifpiel. Ob es fich um großzügige Aufmachung wie
auf dem Königsplatz, oder um die intime Stimmung der neuen
Wobnftraßen in der affanierten Altftadt, oder um einzelne, dem
Zeitbedürfnis gemäße öffentliche Bauten bandelt, wie die Schule
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