neuen künftlerifcben Geflehten. Die Kunft, ihre Freiheit und
Unabhängigkeit von abgeneigten Symbolen zu behaupten, ver
gräbt ihr Haupt in den Schoß eines neuen Myftizismus, der die
ungleich mächtigere, überfinnliche Umwelt unteres armfeligen
Erfahrungsbezirkes ift. Die Mufik, die Malerei, die Plaftik und
die alles umfaffende Hrcbitektur find von neuen Schöpfergefüblen
erfüllt. Wir freuen uns über jede ungewöhnliche Offenbarung
und können es nicht mit den zeternden Pfaffen halten, die auch
außerhalb der Kirche exiftieren und zur Orthodoxie neigen. Die
geiftige Welterweiterung nimmt in der neuen Kunft Achtbare
Geftaltung an. Diefelbe Hingabe an das myftifche HU, diefelben
Exftafen und diefelben Empfindungsgewalten liegen den hohen
Werken der neuen Kunft zugrunde, die wir nur zum Unterfchied
von der kirchlichen Befchränkung profan nennen können. Während
die Kirche nichts in Händen behielt, wie das ftarre Syftem, find die
Gnadenquellen der Kunft, durch die fie einft über die Welt gefiegt
batte, in den Bereich anderer Lebensmächte übergegangen. □
Viele Wallfahrer find, die nach dem Berge der Kunft pilgern,
findere find, die den Becher der Kunft dem Volke darreichen
und das Gnadenbrot mit der Menge brechen wollen. □
Sie wollen der Kircbenmacht die Kulturmacht der Kunft ent*
gegenfetjen und mit den fogenannten Profanmitteln und dem
Profangeift eine neue Hrt von Kirche errichten und eine Seelen
macht befeftigen, die fich ebenfo gegen das reaktionäre Glau
bensdogma, wie gegen den nicht weniger gefährlichen weltlichen
Utilitarismus, gegen den grob materialiftifchen Egoismus wendet.
Profankirche ift das Wort und unter Theodor Fifcher ift einer
von den neuen Evangeliften. □
Wenn einer die neue Volkskirche bauen foll, fo wird er der
Berufene fein. □
Aber die Kunft ift nicht nur eine Heilige, fondern fie ift wie
alle Heiligen auch eine Ketjerin. □
Sie wird an dem Altäre der neuen Volkskirche verweilen und
dann weiterzieben, Wege, auf denen zunäcbft nur die ganz wenigen
mit Liebe folgen. Jene ganz wenigen, die fenfibel genug find,
die Offenbarung der Kunft zuerft zu vernehmen, lange bevor fie
heilig gefprochen ift, lange bevor die Menge aufgehört bat, fie
zu verläftern, lange bevor fie aus zweiter Hand dem inzwifchen
bekehrten Volke dargereicht werden kann. □
Profankirche und Volkskunft ift im gewiffen Sinne ein Re
ligionsfall. □
Es ift diefelbe Gefchichte: Der einzige und wahre Cbrift, näm
lich Cbriftus felbft, der zugleich der vollkommenfte Individualift
war, der nur feiner Erleuchtung folgte, gleicbfam als Künftler
und nicht im entfernteften an Maffenbekebrung, an Partei, an
Kirche oder Religionsgründnng dachte, er batte ausgerechnet
nur zwölf Jünger, die ihm, einem Ketjer, anbingen und fein Wort
zu verfteben vermeinten. Aber von diefen zwölf Jüngern war
einer ein Zweifler, der andere ein Verräter, der dritte Vorläufer
und fcbwäcblicber Rivale und die anderen Halbwiffer. □
Eigentlich ift jede grandiofe Erkenntnis, jede neue ungeahnte
künftlerifcbe Offenbarung, ja fogar die inftinktive Kraft des un
mittelbaren Kunftverftändniffes, das über dem Dogma und der
Heiligenverebrung ftebt, ein Einzelfall, ein perfönlicher Fall, der
nichts mit Sozialetbik und Religion zu tun bat. □
Anima naturaliter pagana! □
In den Pfullinger Hallen bat der Künftler wefentlicbe Züge
feines Idealtypus verwirklichen können, den er in einer kleinen
Schrift: »Was ich bauen möchte«, erfchienen im KUNSTWART
und in der HOHEN WARTE, gefcbildert bat. Wie er fich den
Raum dachte: Stark in der Stimmung, doch nicht willkürlich
perfönlich, da der Raum, der Träger des Lebens, nicht felbft
lebendig werden darf. Farbig und vielgeftaltig, fo daß der
Fremdling wohl eine Stunde mit der Betrachtung der feft mit
dem Saal verbundenen Kunftwerke befchäftigt wäre; aber nicht
fo farbig und vielgeftaltig, daß nicht felbftändige Kunftwerke des
Malers oder Bildhauers mit voller Wirkung darin vorüber
gebend ausgeftellt werden könnten. Ganz überfichtlich im Raum,
nur mit einem Podium für Mufiker und die Orgel, aber doch
nicht ohne den Reiz von wechfelnden ftarken Lichtern und
Dämmerungen, fo denke ich mir den Saal, der etwa taufend
Menfchen Plat} bieten könnte. Wenn nun dazu die nötigen Neben
zimmer für die Vorbereitungen eingerichtet würden, fo könnte
man fich eigentlich begnügen, denn je fchlichter das Programm
dem Architekten gegeben wird, defto näher ift er von vorn
herein dem Monumentalen. Aber fo fchlicht und durchfichtig
wie ehedem, werden wir unfer Leben ohne weiters nicht wieder-
geftalten können, und fo muß auch mein Programm fich eine
Erweiterung gefallen laffen, um dem Leben von beute nahe zu
kommen; ein zweiter kleinerer Saal wird im Gegenfat) zu dem
großen, der allein den Künften gewidmet ift, den Bedürfniffen
des Intellektes nachgehen, ein Vortragsfaal, felbftverftändlicb mit
Lichtbildeinrichtung. Weiter das Programm auszudebnen, wird
jeweils das örtliche Bedürfnis mit fich bringen oder entbehren
laffen. - Für die äußere Architektur würde ich keinen Pfennig
bergeben, der im Innern noch zur Vollendung verwendet
werden kann. D
IV. KOLONIE REUTLINGEN
Architektur im fchwäbifchen Dialekt. Heimatftimmung in Ver
bindung mit jenem gebotenen Maß von Komfort, der auch beute
im Arbeiterbaus verlangt wird. Mit dem fieberen Griff des
Städtebauers ftellt Fifcher das Dorf bin, an die Berglehne grup
piert, mit dem Gefleht zur Sonnenfeite, ftaffelförmig überein
ander, die kleinen Häufer in der Ebene, die hoben am Berge,
fo daß die Landfchaft in allen Fenftern liegt und alle Fenfter
und alle Giebel in der Landfchaft. Das Dorf, die Kolonie als
Kunftbild, man kann’s nicht feiner wünfeben. Schulbaus, Wirts
haus und Kaufhaus find die Hauptgebäude des kleinen Gemeinde
organismus, der im übrigen der Hauptfache nach Zweifamilien-
wobnungen ungleicher Größe enthält, mit je zwei und drei
Zimmern unter Beigabe einer Schlafkammer. Nach dem hoch-
gegiebelten Wirtshaus mit Garten und Kegelbahn am Dorfende
an der Landftraße ift das Kaufhaus der näcbfte größere Gebäude
komplex, der fich aus drei zufammengebauten Einzelbäufern zu-
fammenfetjt und eine bübfehe Gruppe bildet. Hübfcbe Straßen-
und Platjbildungen, in allen die organifche Idee der modernen
Städtebaukunft, die fich geiftig aus lokalen Wurzeln nährt, weißer
Puß und rotes Dach, Fachwerk und hoher Giebel, A’-kadenbildung
da und dort, und ein Gärtlein vorgeftedet, wie ein Blumenftrauß,
das gibt, wenn alles in fo feinen Verbältniffen zufammengehalten
ift wie hier, dem Lande ein fchmuckes Ausfeben. □
Des Künftlers Art und fein Werk zu charakterifieren, muß ich
tagen, die Reutlinger Schöpfungen find weder Original noch
Kopie: fie find zwar von der Tradition des Bauernbaufes dik
tiert, aber der Künftler bat ein Eigenes binzugetan und das
Hervorgebrachte ift fo gut, daß es vielleicht die Tradition der
Zukunft darftellt, in Fällen, wo die Aufgabe, die Umftände und
die Lage ähnlich gegeben find. □
Die Frage nach dem Organifatorifcben, dem Wirtfcbaftlicben
und Sozialen kommt hier gar nicht in Betracht, weil darüber
nur Allgemeines oder längft Bekanntes getagt werden kann,
was hundert andere immer wieder zu tagen nicht müde werden.
Sie gehört nicht auf diefes Blatt, wo wir es vor allem mit des
Künftlers Cbarakteriftik zu tun haben. □
109