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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

neuen künftlerifcben Geflehten. Die Kunft, ihre Freiheit und 
Unabhängigkeit von abgeneigten Symbolen zu behaupten, ver 
gräbt ihr Haupt in den Schoß eines neuen Myftizismus, der die 
ungleich mächtigere, überfinnliche Umwelt unteres armfeligen 
Erfahrungsbezirkes ift. Die Mufik, die Malerei, die Plaftik und 
die alles umfaffende Hrcbitektur find von neuen Schöpfergefüblen 
erfüllt. Wir freuen uns über jede ungewöhnliche Offenbarung 
und können es nicht mit den zeternden Pfaffen halten, die auch 
außerhalb der Kirche exiftieren und zur Orthodoxie neigen. Die 
geiftige Welterweiterung nimmt in der neuen Kunft Achtbare 
Geftaltung an. Diefelbe Hingabe an das myftifche HU, diefelben 
Exftafen und diefelben Empfindungsgewalten liegen den hohen 
Werken der neuen Kunft zugrunde, die wir nur zum Unterfchied 
von der kirchlichen Befchränkung profan nennen können. Während 
die Kirche nichts in Händen behielt, wie das ftarre Syftem, find die 
Gnadenquellen der Kunft, durch die fie einft über die Welt gefiegt 
batte, in den Bereich anderer Lebensmächte übergegangen. □ 
Viele Wallfahrer find, die nach dem Berge der Kunft pilgern, 
findere find, die den Becher der Kunft dem Volke darreichen 
und das Gnadenbrot mit der Menge brechen wollen. □ 
Sie wollen der Kircbenmacht die Kulturmacht der Kunft ent* 
gegenfetjen und mit den fogenannten Profanmitteln und dem 
Profangeift eine neue Hrt von Kirche errichten und eine Seelen 
macht befeftigen, die fich ebenfo gegen das reaktionäre Glau 
bensdogma, wie gegen den nicht weniger gefährlichen weltlichen 
Utilitarismus, gegen den grob materialiftifchen Egoismus wendet. 
Profankirche ift das Wort und unter Theodor Fifcher ift einer 
von den neuen Evangeliften. □ 
Wenn einer die neue Volkskirche bauen foll, fo wird er der 
Berufene fein. □ 
Aber die Kunft ift nicht nur eine Heilige, fondern fie ift wie 
alle Heiligen auch eine Ketjerin. □ 
Sie wird an dem Altäre der neuen Volkskirche verweilen und 
dann weiterzieben, Wege, auf denen zunäcbft nur die ganz wenigen 
mit Liebe folgen. Jene ganz wenigen, die fenfibel genug find, 
die Offenbarung der Kunft zuerft zu vernehmen, lange bevor fie 
heilig gefprochen ift, lange bevor die Menge aufgehört bat, fie 
zu verläftern, lange bevor fie aus zweiter Hand dem inzwifchen 
bekehrten Volke dargereicht werden kann. □ 
Profankirche und Volkskunft ift im gewiffen Sinne ein Re 
ligionsfall. □ 
Es ift diefelbe Gefchichte: Der einzige und wahre Cbrift, näm 
lich Cbriftus felbft, der zugleich der vollkommenfte Individualift 
war, der nur feiner Erleuchtung folgte, gleicbfam als Künftler 
und nicht im entfernteften an Maffenbekebrung, an Partei, an 
Kirche oder Religionsgründnng dachte, er batte ausgerechnet 
nur zwölf Jünger, die ihm, einem Ketjer, anbingen und fein Wort 
zu verfteben vermeinten. Aber von diefen zwölf Jüngern war 
einer ein Zweifler, der andere ein Verräter, der dritte Vorläufer 
und fcbwäcblicber Rivale und die anderen Halbwiffer. □ 
Eigentlich ift jede grandiofe Erkenntnis, jede neue ungeahnte 
künftlerifcbe Offenbarung, ja fogar die inftinktive Kraft des un 
mittelbaren Kunftverftändniffes, das über dem Dogma und der 
Heiligenverebrung ftebt, ein Einzelfall, ein perfönlicher Fall, der 
nichts mit Sozialetbik und Religion zu tun bat. □ 
Anima naturaliter pagana! □ 
In den Pfullinger Hallen bat der Künftler wefentlicbe Züge 
feines Idealtypus verwirklichen können, den er in einer kleinen 
Schrift: »Was ich bauen möchte«, erfchienen im KUNSTWART 
und in der HOHEN WARTE, gefcbildert bat. Wie er fich den 
Raum dachte: Stark in der Stimmung, doch nicht willkürlich 
perfönlich, da der Raum, der Träger des Lebens, nicht felbft 
lebendig werden darf. Farbig und vielgeftaltig, fo daß der 
Fremdling wohl eine Stunde mit der Betrachtung der feft mit 
dem Saal verbundenen Kunftwerke befchäftigt wäre; aber nicht 
fo farbig und vielgeftaltig, daß nicht felbftändige Kunftwerke des 
Malers oder Bildhauers mit voller Wirkung darin vorüber 
gebend ausgeftellt werden könnten. Ganz überfichtlich im Raum, 
nur mit einem Podium für Mufiker und die Orgel, aber doch 
nicht ohne den Reiz von wechfelnden ftarken Lichtern und 
Dämmerungen, fo denke ich mir den Saal, der etwa taufend 
Menfchen Plat} bieten könnte. Wenn nun dazu die nötigen Neben 
zimmer für die Vorbereitungen eingerichtet würden, fo könnte 
man fich eigentlich begnügen, denn je fchlichter das Programm 
dem Architekten gegeben wird, defto näher ift er von vorn 
herein dem Monumentalen. Aber fo fchlicht und durchfichtig 
wie ehedem, werden wir unfer Leben ohne weiters nicht wieder- 
geftalten können, und fo muß auch mein Programm fich eine 
Erweiterung gefallen laffen, um dem Leben von beute nahe zu 
kommen; ein zweiter kleinerer Saal wird im Gegenfat) zu dem 
großen, der allein den Künften gewidmet ift, den Bedürfniffen 
des Intellektes nachgehen, ein Vortragsfaal, felbftverftändlicb mit 
Lichtbildeinrichtung. Weiter das Programm auszudebnen, wird 
jeweils das örtliche Bedürfnis mit fich bringen oder entbehren 
laffen. - Für die äußere Architektur würde ich keinen Pfennig 
bergeben, der im Innern noch zur Vollendung verwendet 
werden kann. D 
IV. KOLONIE REUTLINGEN 
Architektur im fchwäbifchen Dialekt. Heimatftimmung in Ver 
bindung mit jenem gebotenen Maß von Komfort, der auch beute 
im Arbeiterbaus verlangt wird. Mit dem fieberen Griff des 
Städtebauers ftellt Fifcher das Dorf bin, an die Berglehne grup 
piert, mit dem Gefleht zur Sonnenfeite, ftaffelförmig überein 
ander, die kleinen Häufer in der Ebene, die hoben am Berge, 
fo daß die Landfchaft in allen Fenftern liegt und alle Fenfter 
und alle Giebel in der Landfchaft. Das Dorf, die Kolonie als 
Kunftbild, man kann’s nicht feiner wünfeben. Schulbaus, Wirts 
haus und Kaufhaus find die Hauptgebäude des kleinen Gemeinde 
organismus, der im übrigen der Hauptfache nach Zweifamilien- 
wobnungen ungleicher Größe enthält, mit je zwei und drei 
Zimmern unter Beigabe einer Schlafkammer. Nach dem hoch- 
gegiebelten Wirtshaus mit Garten und Kegelbahn am Dorfende 
an der Landftraße ift das Kaufhaus der näcbfte größere Gebäude 
komplex, der fich aus drei zufammengebauten Einzelbäufern zu- 
fammenfetjt und eine bübfehe Gruppe bildet. Hübfcbe Straßen- 
und Platjbildungen, in allen die organifche Idee der modernen 
Städtebaukunft, die fich geiftig aus lokalen Wurzeln nährt, weißer 
Puß und rotes Dach, Fachwerk und hoher Giebel, A’-kadenbildung 
da und dort, und ein Gärtlein vorgeftedet, wie ein Blumenftrauß, 
das gibt, wenn alles in fo feinen Verbältniffen zufammengehalten 
ift wie hier, dem Lande ein fchmuckes Ausfeben. □ 
Des Künftlers Art und fein Werk zu charakterifieren, muß ich 
tagen, die Reutlinger Schöpfungen find weder Original noch 
Kopie: fie find zwar von der Tradition des Bauernbaufes dik 
tiert, aber der Künftler bat ein Eigenes binzugetan und das 
Hervorgebrachte ift fo gut, daß es vielleicht die Tradition der 
Zukunft darftellt, in Fällen, wo die Aufgabe, die Umftände und 
die Lage ähnlich gegeben find. □ 
Die Frage nach dem Organifatorifcben, dem Wirtfcbaftlicben 
und Sozialen kommt hier gar nicht in Betracht, weil darüber 
nur Allgemeines oder längft Bekanntes getagt werden kann, 
was hundert andere immer wieder zu tagen nicht müde werden. 
Sie gehört nicht auf diefes Blatt, wo wir es vor allem mit des 
Künftlers Cbarakteriftik zu tun haben. □ 
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