BHUKUNST UND BHUGESETZGEBUNG
VON BflURHT PROF. DIESTEL
I. GESCHICHTLICHER RÜCKBLICK
(FORTSETZUNG)
ür untere Betrachtung ift noch das fächtifche Baugefet) vom
Jahre 1863 von Interetfe, infofern in ihm das Wörtchen »Stil«
fchüchtern fein Haupt zum er ftenmal erhebt und Konzeffionen
beanfprucht. Hnfpruchsvoller noch macht es fich beute in feiner
mißbräuchlichen Anwendung für »Bauweife« in der Ortsbau-
gefetjgebung geltend. Bauftil wird z. B. Nebengebäuden aufge-
nötigt, er kann ferner die fogenannte Giebelftellung begründen
und weckt damit die Erinnerung an das mittelalterliche Haus,
ja, der Stil kann umfangreichen Dachausbau, Giebel und Türme
auch da unterftütjen, wo deren wirtfcbaftlicbe Husnütjung ver
boten ift. Er dient alfo Verfchönerungszwecken. So febr wir
dem Standpunkt des alten Hriftoteles beizupflichten geneigt
find, daß der Menfcb in den Städten nicht nur ficher, fondern
auch glücklich wohnen foll, und fo gern wir zugeben können,
daß eine woblgebildete Baukunft zu diefem Glücke beizutragen
vermag, fo febr müffen wir doch ein gewaltfames Heranzieben
des einzelnen zur Beglückung feiner Mitmenfcben, vollends mit
den elementaren Mitteln einer Kunftpolizei, in das Gebiet des
Unerlaubten verweifen. Ift es fcbon eine der vornebmften Auf
gaben der Baugefetjgebung, durch künftlerifcb gedachte Be
bauungspläne Grundlagen zu fchaffen und vor allem durch
Zurückhaltung des bauenden Proletariates Möglichkeiten für den
Aufbau fcböner Städte offen zu halten, fo kann es doch nicht
ihre Aufgabe fein, durch konkrete Vorfchriften fcböne Häufet
oder fcböne Straßenbilder unmittelbar bervorrufen zu wollen.
Übrigens dürfte ein Erfolg in diefer Richtung fich kaum von
dem unterfcheiden, den jener franzöfifche König mit feiner
freundlichen Verordnung, daß am Sonntag jeder Bauer fein
Huhn im Topfe haben folle, erzielt haben wird. □
II. DIE GEGENWART
Wir fahen vom 16. Jahrhundert an bis ins 18. hinein wach-
fende Beftrebungen der Baugefetjgebung, einen Einfluß auf die
Baukunft zu gewinnen, vorwiegend im Intereffe der Stadt
zierde. Späterhin gefellen fich zu ihnen vetfcbiedene neue
Momente, die wir nur als pbilantropifcbe, als Äußerungen von
Menfcbenliebe bezeichnen können und die dabei nicht ohne Ein
fluß auf das baukünftlerifcbe Geftalten geblieben find. Dazu ge
hören z. B. die offenbar im Intereffe der Straßenpaffanten er
gangenen Vorfchriften zur Befeitigung der Gartenmauern. Für
die Baukunft ift es doch wohl von Bedeutung, ob das perfpek-
tivifche Bild eines Haufes unmittelbar aus dem Boden beraus-
wachfend gefehen werden kann oder nicht. Je nachdem wird der
Baukünftler das Erdgefchoß fo oder anders geftalten, den Haus
eingang oder die Wobnräume fo oder anders legen. Es wird für
die Maffenentwicklung befonders im Dachaufbau von Wichtigkeit
fein, wieviel etwa von der kubifchen Maffe des Gebäudes durch
eine Gartenmauer überfchritten werden kann. Das Bauwerk felbft
wird alfo, ohne daß eine dabinzielende Abficht zutage zu treten
braucht, von der betreffenden Bauvorfchrift mittelbar beeinflußt.
Das Verlangen nach »gefcbmackvoller eiferner Staketerie auf Stein-
fockel«, das die meiften Bauordnungen ausfprechen, kann die un
erläßlichen Beziehungen zwifchen Haus und Straßeneinfriedigung
leicht zerreißen und das Straßenbild feiner Raumwirkung berauben.
Den Bauenden aber verleitet es zu Aufwendungen, die häufig
gar nicht in feiner Abficht liegen und die Bewohner der Häufer
in unerwünfchte Beziehung zur Straße und zu vorübergebenden
fremden Leuten bringen. Daher liebt man auch feiten den Vor
garten eines Haufes wirklich belebt und lediglich, weil niemand
Neigung bat, fich dem Straßenftaub und der Neugier der Paffanten
auszufetjen. Den Hausbewohnern geht alfo ein Teil der ihnen
auf gefetjgeberifcbem Wege zugedachten Annehmlichkeiten auf
demfelben Wege wieder verloren. Diefe Gärten find aber Zu
behör von Wohnungen und können bei geeigneter Behand
lung die Behaglichkeit des Wohnens außerordentlich erhöben.
Denn diefe Behaglichkeit ift keineswegs abhängig von der
Größe der Gärten, wie wir bei den unzähligen, liebevoll gehal
tenen norddeutfcben Hausgärtchen kleinfter Abmeffungen fehen
können und die ohne eine fefte Abfcbließung gegen den Straßen-
verkehr gar nicht denkbar wären. England, das klaffifche Land
des Eigenhaufes, kennt dergleichen pbilantropifcbe Gepflogen
heiten nicht. In den Garten eines englifchen Wobnhaufes kann
von der Straße her niemand hineinfehen. □
Die Rückfichtnahme auf den Straßenpaffanten zum Nachteile der
Grundftücksbewobner ift eigentlich befremdend. Von den vielen
Forderungen der Neuzeit in bezug auf öffentliches und privates
Leben ftebt die Wohnungsfrage beute oben an. Sie ftebt fo febr im
Mittelpunkte des Tagesintereffes, ift fo vielgeftaltig aufzuwerfen
und zu löfen, daß untere Erörterungen an ihr nicht vorübergeben
können. Die von den Gelehrten vertretene Annahme, daß der
Menfchdas Produkt feiner Umgebung fei, gewinnt immer mehr an
Wahrfcheinlicbkeit. Durch die Beobachtung über den Einfluß von
Wohnungen auf den Menfchen wird diefe Annahme fo fehr unter-
ftüt)t, daß wir dem alten Gemeinplatz: »Sage mir, mit wem du
umgehft, und ich fage dir, wer du bift«, beute mit mehr Recht
die Frage gegenüberftellen: »Zeige mir, wie du wobnft, und ich
will dir fagen, wer du bift.« Denn der Umgang ift beute viel
zu fehr eine durch den Beruf geregelte Zwangsangelegenbeit
geworden, als daß wir ihm durchgängig eine fymptomatifche Be
deutung beimeffen dürften. □
Die außerordentliche Überproduktion minderwertiger Woh
nungen zwingt aber wiederum den weitaus größten Teil der
jenigen, die durch Herkunft, Bildung und Beruf befähigt find,
den Wert einer Behaufung für die Geftaltung des Familienlebens,
für das Wohlbehagen und die berufliche Leiftungsfäbigkeit ihrer
Bewohner richtig zu fcbätzen, weit unter ihrem Stande zu wohnen.
Wie viele Häuslichkeiten kennen wir nicht, in denen der Kampf
höherer Intelligenz, glücklichen Formen- oder Farbenfinnes, über
haupt der Kampf guten Gefchmacks vergeblich gekämpft wird
gegen diefe Ungeheuer von Mietswohnungen mit ihren zabllofen
einfachen oder gekuppelten Fenftern, ihren dunklen Korridoren,
mit ihren gefchwä^igen Stuckkeblen und Rofetten und ihrem
gänzlichen Mangel an Sonne für Schlaf- und Wohnzimmer, an
Luft und Licht und Raum für Badezimmer und Dienftbotengelaß.
Wir irren jedoch, wenn wir die Verantwortung für die Mängel
ftädtäfcber Bau- und Wohnungsverbältniffe lediglich der niedrigen
Durchfchnittsbegabung der Bauenden zufchieben. Es wird auch
der befähigfte Baukünftler nicht in der Lage fein, die Fehler
eines ohne Verftändnis für die Aufgaben des ftädtifcben Wob-
nungswefens aufgeftellten Bebauungsplanes mit feiner Arbeit zu
verwifcben. Ein folcber Bebauungsplan ift die grapbifcbe Dar-
ftellung einer ganzen Anzahl wichtiger gefetjgeberifcber Momente.
Er ftellt gewiffermaßen die Kindheit eines Ortsteiles dar. Alle
Fehler und Vorzüge feiner fpäteren Beziehungen zur Wohnungs
frage fcblummern bereits in ihm. Lange vermag auch der fchlech-
tefte Plan mit feinen roten Linien, die wie gute Zenfuren eines
Mufterfchülers anmuten, über feine wahre Natur hinwegzu-
täufchen. Aber fcbließlicb ftellt fich das Werk des Bebauungsplan-
verfaffers als ein eitles Planbild heraus, das einer zeichnerifchen
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