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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

SCHÖNE GRRTENKUNST* 
D ER TRIUMPH DER SCHÖNEN GHRTENKUNST. Die 
Gartenkunft ift die augenfälligfte und glücklicbfte Negation 
der willkürlichen Natur. Der naturaliftifche Garten, der 
die willkürliche Natur im kleinen Rahmen nachahmen will, bleibt 
ftets eine klägliche Karrikatur. Die Kunft will auch im Garten 
einen Gegenfa^ zur Natur fchaffen. Sie verwendet die Pflanzen 
nach dem architektonifchen Prinzip, das den Husdruck der menfdv 
liehen Illufion feftigt. Sie gibt Bäumen und Büfcben die Geftalt 
von Kugeln, Kegeln und Würfeln als Hrchitekturbeftandteilen, 
bildet aus Pflanzenwuchs gründämmerige Wände und Niefchen, 
die fie mit dem Lächeln der Faune, der Kühnheit der Heroen 
und der Melodie der Brunnen erfüllt. Hus Blumen bringt fie 
Farbenftröme hervor, in bunten Gleichniffen das Blau der Ferne, 
das Gelb und Rot des Morgen* und flbendbimmels in weiten 
Beeten abzufpiegeln. Sie fet^t das geheimnisvolle Schweigen der 
Sphinxe als Hüterinnen an die oberften Stufen. In fteinumfaßten 
Wafferfpiegeln zieht fie die hufchenden, fonnendurchglänzten 
Wolkenbilder in den Gartengrund und zwingt das flüffige Element 
in kunftvollen Strahlen gleichfam aus fcherzender Laune empor* 
zufchießen. Im Gegenfa^ zu diefer fpielenden Heiterkeit, gekrönt 
von der Gefelligkeit des Wohnhaufes, legt fie weiterhin an das 
untere Ende des Gartens als dunklen Saum den Ernft der Blut* 
buchen, wo das Raunen und Stöhnen des Waldes wohnt und 
fern am Horizont aus der abfchließenden Gartenmauer die Ein* 
famkeit eines Turmes die Wipfel überragt. 1=1 
Bis hierher reicht der herrliche Triumph der fchönen Garten* 
kunft, fchön in der Selbftherrlichkeit machtvollen, menfchlichen 
Ermeffens. ,, 
DBS GEHEIMNIS FILTER GÄRTEN. In den Händen des 
Gartenkünftlers ift die Natur der Rohftoff, aus dem er feine 
dichterifchen Ideen formt. Der Garten ift für ihn der Husdruck 
eines inneren Erlebniffes. Die frommen Myftiker am Husgang 
des Mittelalters haben ihn als Schrein behandelt, um das Ge 
heimnis ihrer Gläubigkeit darin einzufcbließen. Der Rofenhag 
um Francias Madonna ift ein liebliches Gehäufe. Die Madonna 
mit den Erdbeeren bat der rbeinifebe Meifter mit einem blühen* 
den Gehege wie mit einem Flltargitter umgeben; und Mantegna 
baut aus Blumen und Früchten eine herrliche Kuppel, die eben* 
fogut eine Wunderlaube, als ein Hochaltar ift, über die Änbetung. 
Später löft ficb der fromme Gedanke von den Gärten ab und 
ein neues Ideal zieht in das verlaffene Heiligtum ein, das nun 
feine Grenzen in ungeahntem Maße erweitert. Die Demut des 
Mittelalters weicht dem Herrfcberftolz der Renaiffance, das fromme 
Gärtlein verwandelt fich in einen prunkhaften Götterham. Neptun 
mit dem Dreizack zaubert Waffer aus dem Geftein, fangt es in 
kunftvoll geleiteten Kaskaden und marmornen Baffms auf, die 
ein ganzes Gefcblecbt von Tritonen, Wafferroffen, Delphinen und 
Nymphen bevölkert. Jupiter berrfcht im Hain. Die ferne Gefell* 
febaft fpiegelt fich in der Ällegorie des Olymps. Die Barock* 
künftler als virtuofe Dekorateure bevölkerten ^ Gartenbezirk 
mit den Standbildern mytbologifcber Helden und Mufen. Hb 
der Donnerer trägt die Hllongeperücke und entpuppt fich 
fcbließlich als Molière Hmpbitrion, der Gar fr n , als Q '? ot< f^ Ti< , 
entfaltet ficb immer deutlicher als unvergleichliche Schaubühne, 
auf der die hohen Herrfcbaften nach den kunftvollen Regel 
der höflichen Etikette als handelnde Perfonen auftreten und m 
Haltung, Geberden und Koftümen die künftlerifche EinheU zu 
vollenden fueben. Die Gartenetikette, zuerft von Italien und 
* Lefeprobe aus LUX’ »Schöne Gartenkunft«, Paul Neffs Verlag, Max 
Schreiber, Eßlingen. 
fpäter von Frankreich ausgehend, ift für ganz Europa Vorbild» 
lieb geworden. Die englifche Romantik, die den Kontinent mit 
dem falfch verftandenen Vorbild des Landfchaftsgartens befebenkte, 
hatte kein neues Kunftgefet} für den Garten entwickelt. Der land- 
fchaftlicbe Garten bat vielmehr die künftlerifche Entwicklung 
aufgehalten. Er hat fich als der mißlungene Verfucb erwiefen, 
durch Nachahmungen der landfchaftlichen Willkürlicbkeiten die 
Weihe der Naturftimmungen in kleinen und kleinften Gärten 
künftlich zu erzeugen. Die Stimme Rouffeaus lebte nun in den 
götterverlaffenen Hainen. Er predigte Natürlichkeit, und was 
in den meiften Fällen erreicht ward, war Künftlichkeit. Jeder 
kleine Villengarten, die winzigften ftädtifeben Parkanlagen wollen 
ein bydeparkäbnlicbes Gebilde vortäufeben, mit febeinbar natür« 
lieben Teichen, bre^elförmig gewundenen Wegen, kleinen Gras» 
flecken als Wiefe, flockigen Büfchen als Wald, künftlichen Ruinen, 
felfigen Grotten, bafarmäßigen Gartenplaftiken, als Pilzen, Zwer* 
gen, Hirfchen aus gebranntem Ton; nicht der Gartenkünftler 
ift am Werk, fondern der ,Kunft‘*Gärtner; der Geift ift entwichen 
und die ideenarme Banalität herrfcht. Noch flehen in alter Pracht 
und Heiterkeit die barocken Gärten, eine leere Bühne, das 
Requifit einer vergangenen bochgeftimmten Zeit, eine Hrt Frei» 
mufeum, ein Stück verwitterter Feftlicbkeit mitten im nüchternen 
Alltag. Hber feit Böcklin gebt die Hbnung neuer myftifcher 
Schönheit durch die Welt, die eine kommende Entwicklung für 
die Gartenkunft erfcbließt. Was der Naturromantik vertagt 
blieb, wird bei Böcklin Ereignis. Die myftifcbe Naturfeier ge* 
Aaltet er als künftlerifcbes Erlebnis. Er kennt die Elegie ver* 
funkener Gärten; er verehrt feböne alte Bäume wie ein Heilig* 
tum; fie erfebeinen anbetungswürdig, wenn auch das Standbild 
des Herakles fehlen würde; Quellen, Brunnen, Teiche find in 
feinen Bildern forgfältig gemauert und baukünftlerifch behandelt; 
zur Weibeftimmung verdichtet fich das Naturelement im heiligen 
Hain; feftlicb führt der Gang zum Bacchustempel über kunft* 
volle Mofaiken, die Gartenlaube zeigt die einfaebften ftiliftifeben 
Elemente, aus denen die Wunder künftiger Gärten bervorgeben 
werden. Sie werden ein neues Geheimnis einfcbließen. Sie 
werden das Seelenleben des modernen Menfchen mit Mitteln 
verhieben, deren Wirkungen noch unverfucht find. Sie werden 
nicht nur als Weibebezirke erlefener plaftifcber Kunftwerke 
gelten, fondern auch die letjte künftlerifcbe Entdeckung des 
19. Jahrhunderts, den Impreffionismus ihren Zwecken untertan 
mähen und das ungeahnte Paradies der farbigen Wirkung 
erobern. 
DIE HRCHITEKTUR DES GHRTENS. Shöne Gärten find 
niht nur fhön durh die Vegetation, Blumen, Gräfer, Bäume, 
fie find künftlerifh fhön durh die Hnlage. Sie find von den 
fetten Linien der Hrhitektur niht abzulöfen, wenn fie niht die 
Bedeutung des Gartens verlieren follen. Der Baum ift zwar 
fhön als Baum, die Wiefe ift fhön als Wiefe, aber Baume und 
Wiefen in der Zufälligkeit des Dafeins find noh lange niht 
Gärten. Was die Natur mit forglofer Freigebigkeit bervorbrmgt, 
gewinnt erft Bedeutung durh die künftlerifhe Geftaltung, die 
anderen Hbfihten folgt und das menfhlihe Geheimnis der 
Shönbeit offenbaren will. Die Gärten find eine Huldigung an 
die Natur, wenn fie auh anderen Geftaltungsgrundfätjen folgen 
als diefe. Die Huldigung wird Hrhitektur. Die Gärten der 
Hntike, die mittelalterlichen Waffer» und Mauergärten, im engen 
Bereih der Befeftigungen erblüht, die ftrengen Kloftergarten 
in weißen Hrkadenböfen find ebenfowenig von der arhitekto* 
nifhen Grundlage, die ihnen die Form gibt, zu trennen, wie 
die Gärten der Renaiffance und des Barocks, die diefes formale 
Prinzip mit ftärkftem Bewußtfein entwickeln. Der Geift des 
Gartens bat kein anderes Mittel fihtbar zu werden, als das 
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