zu fteigern und zu vervielfachen. Die Ausheilung war begonnen
als eine Improvifation und mit allem Bauwerk binnen lieben
Wochen vollendet, als eine gereifte meifterliche Machtprobe, die
hoffentlich auch den einheimifchen Fremden und Kunftblinden
den Star ftechen wird. Hoffentlich wird das neue Hrbeitsminifterium
erkennen, welchen unwägbaren volkswirtfchaftlichen Wert
Öfterreich gerade in diefem künftlerifcben Kraftzentrum befitjt.
Kein Lebensgebiet und kein Gewerbegebiet, darin der Künftler
geftaltend eingreifen kann, ift in diefer »Kunftfchau« unbebaut
geblieben und keines, dem nicht entfcheidende Anregungen gegeben
find. In Öfterreich möchte ich nicht Herrgott fein, es gibt
dort was Luftigeres, aber einen Tag lang möchte ich Arbeits*
minifter fein, ich wüßte, was ich zu tun hätte, und ich weiß auch,
daß fie mir dann in hundert Jahren ein Denkmal dafür fetjen
werden. Ich hätte verfchiedene Programme und bin bereit, fie
abzugeben, mit der einzigen Bedingung, daß fie durchgeführt
werden. Um die »Kunftfchau« fortzufetjen: Die Löfung von
Problemen war die Abficht. Die kleine und die große Welt, der
Ring ift faft gefchoffen. Die Kunft des Kindes, das Plakat, die
Kirche, Theater, Friedhof, Gartenhöfe und fchöne Gärten, Graphik,
Brunnen, allgemeine Architektur und Kunftgewerbe, Plaftik und
Malerei, Kaffeehausterraffe und Tbeatervorftellungen, Tracht
und Schmuck, Wohnungskunft, ein ganzes volleingerichtetes
Landhaus, mehr kann man nicht verlangen. Das Entfcheidende
ift nicht das Was, fondern das Wie. Denn ähnliche Programme
waren ja fchon überall da und find in den letzten zehn Jahren
mehr oder weniger gefchickt wiederholt durchgeführt worden.
Aber diefes Sprudeln von Ideen, diefer Reichtum von geiftvollen
Materialanwendungen, von intereffanten Techniken, und zugleich
die ftraffe Disziplin, das ift das Ungewöhnliche. Sezeffion ift feit
Jahren tot, aber die Kunft in Wien lebt und bat ein kräftiges
Gedeihen, das ift in diefer »Kunftfchau« fcblagend bewiefen. Aber
der freundliche Genius loci lebt in dem Neuen; er ift hier ftärker
als die Menfcben und er hat jede neue Geberde heimatlich be*
ftimmt. Sein berüdcendes Lächeln ftand über dem Gartenhof,
der von den Frauen und Mädchen am Eröffnungstage mit anmutiger
Feftlichkeit erfüllt war, umfcbloßen von dem Weiß und
den klaren Farben der Galerien und der Säle. Die Impreffion
war feltfam ergreifend, eine Stimmung war eine geiftige Atmofphäre,
wie fie in jenem Wiener Kreis fein mochte, der mit
SCHWIND, SCHUBERT und den anderen heimifdien Größen
ihrer Zeit eine liebliche Legende bildet. Noch bat der Genius
dasfelbe unverwüftlicbe Lächeln. Und es war eine frohe Gewißkeit,
daß diefe Zeit nicht mit leeren und borgenden Händen nach«
taftet, fondern mit eigenen Werken ebenbürtig der felig lächelnden
Kunftfchwefter der Vergangenheit entgegentritt. Und es war ein
beglückendes Gefühl, in diefem Kreis zu fteben und den Zufammenbang
zu fpüren, der uns im großen und kleinen verbindet, Ein
feltener, langentbebrter, tiefer Augenblick des Glückes. □
JOSEPH AUG. LUX
DHLMHTIEN, DHS LAND DER VERGANGENHEIT
UND DER ZUKUNFT
I. DIE KULTUR
in Vergeffen war über Dalmatien, jahrhundertelang; nun
will das intereffante Land der Vergangenheit zur Gegenwart
erwachen und vielleicht ein Land der Zukunft werden.
Das Land der künftigen Reifen. Vielleicht auch der künftigen
wirtfcbaftlichen Entfaltung. Denn die Natur des Landes ift reicher,
als es auf den erften Blick erfcheint. Der ungeheure Mauerwall
im Norden Dalmatiens, das unwirtliche Velebitgebirge ift reich
an Kupfer, Mangan, Eifen und Kohlen und harrt der Erfchließung.
Heute ftreift noch der Bär durch die Klüfte, häuft der bitterarme
Bergbewohner mit ein paar Schafen in Höhlen, in den elefanten»
grauen Felfenwänden. Morlacken. Das Wort bedeutet in der
Überfe^ung: fchwarze Rumänen. Römifcbes Blut, flavifcb gemifcht.
Es ift kein Ehrentitel in Dalmatien, eher eine verächtliche Pariasbezeichnung.
Dort wohnen Morlacken und Herren, fagt der
Gendarm, der in diefen Gegenden faft die Miffion eines Kulturapoftels
trägt. Er führt ein ftrenges Regiment und muß es auch
in einem Land, wo die Rache viel und ein Menfcbenleben wenig
bedeutet. Wo die Sitte raub und die Moral primitiv ift. Aber
das bindert nicht, daß der Eingeborene auf feine Art gutmütig
und gegen Fremde gewinnend, faft ergeben ift. Morlacken und
Herren! Und der arme Morlacke nennt nichts fein Eigen als
das farbenfcböne Koftüm, das er als fein eigenes am Leib trägt,
bis es zerfällt, Sommer und Winter dasfelbe, in der glühenden
Hitje und bei 30 Grad Kälte, wenn Bora ift. Wie es mit der
Gefundbeit ftebt? Ich habe in Norddalmatien nur fehr wenig
alte Leute gefeben. Trotjdem der Menfcbenfcblag, namentlich
was die Männer betrifft, groß und fcbön ausfieht, zäh und kraftvoll
ift. Aber Unmäßigkeit in den wenigen Augenblicken des
Überfluffes, die langen Perioden des Mangels und der Entblößung
von allem, was zum Schul) gegen die aufreibende Kälte und auszehrende
Hit)e gehört, wirken mörderifch. Viele verließen das
Land, gewiß nicht die fchlechteften Elemente, um in Amerika ein
ungewiffes Glück zu fucben. Die meiften find das Opfer gewiffenlofer
Auswandereragenten und Schiffsgefellfchaften geworden. Es
fehlt an Menfcbenkraft überall im Land und auf den Infein.
Curzola, Lefina, Liffa find faft entvölkert. Die alten Städte be«
fteben zum guten Teil aus Hausruinen, die leer find. Wer follte
fie aufbauen, wer follte fie bewohnen? Rührend find die Zeichen
des Verfalles mit den Spuren einftiger Größe. Dreimal foviel
Menfcben, als das Land beute zählt, könnte Dalmatien ernähren
und dann wabrfcbeinlicb, beffer als beute. Aber in der Kultur und
Erziehung gibt es einen taufendjäbrigen Rückftand zu überwinden.
Auch diefes mytbenbaft dürftige Leben in den felfigen Einöden am
Meer und im Gebirge hat fein menfcblicbes Maß an Freuden. Auch
aus dem barten, grauen Fels ringt fich, wenn die Zeit kommt, ein
grünendes und blühendes Kräutlein empor, doppelt ergreifend in
feiner kargen Schönheit. Von der Zeit der Liebe fingt die Legende
und vom Mädchenraub, der vereinzlt noch beute die übliche
Form des Freiens fein foll. Der Burfche nimmt das Mädchen
weg vom Tanz, nachdem er ein kleines Mahl gezahlt bat, und
behält es als Weib in feiner Hütte, wenn er es nicht nach kurzer
Zeit verftößt, was verkommen foll. Der priefterliche Segen ift
eine Sache, die nacbfolgen mag. Man kann nichts Verbürgteres
fagen, als das, was die Sage wiffen will. Und warum nicht?
Die Formen find einfach in dem primitiven Kulturzuftand, der
in den einfamen Gebirgslagen ataviftifcb beftimmt und älter ift
als die Gefcbichte. Und waren es nicht Illyrier, die räuberifchen
Vorfahren der heutigen Dalmatiner, die in der Frühzeit des
entftebenden Venedigs zwölf Jungfrauen von dort raubten, die
alle zufällig Bräute waren? Die fromme Sage erzählt, daß die
Venezianer ihre Bräute unverfebrt zurückeroberten, die fromme
Sage. Die Enthebung der Marionette knüpft fich an diefe Begebenheit.
Denn zu Ehren der Jungfrau Maria wurden alljährlich
zwölf Puppen zur Erinnerung öffentlich berumgefübrt
und nach der heiligen Maria genannt, allerdings mit den italie»
nifchen Diminutivendungen, woraus Marion, Marionette entftand.
Raub war das Hauptgewerbe der Illyrier, warum follte nicht in
der Sitte ein fymbolifcber Reft geblieben fein? Der Frühling
ift kurz, der Rauch dabin, und das Weib wird das Laft« und
182