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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

zu  fteigern  und  zu  vervielfachen.  Die  Ausheilung  war  begonnen
als  eine  Improvifation  und  mit  allem  Bauwerk  binnen  lieben
Wochen  vollendet,  als  eine  gereifte  meifterliche  Machtprobe,  die
hoffentlich  auch  den  einheimifchen  Fremden  und  Kunftblinden
den  Star  ftechen  wird.  Hoffentlich  wird  das  neue  Hrbeitsminifterium
  erkennen,  welchen  unwägbaren  volkswirtfchaftlichen  Wert
Öfterreich  gerade  in  diefem  künftlerifcben  Kraftzentrum  befitjt.
Kein  Lebensgebiet  und  kein  Gewerbegebiet,  darin  der  Künftler
geftaltend  eingreifen  kann,  ift  in  diefer  »Kunftfchau«  unbebaut
geblieben  und  keines,  dem  nicht  entfcheidende  Anregungen  gegeben
  find.  In  Öfterreich  möchte  ich  nicht  Herrgott  fein,  es  gibt
dort  was  Luftigeres,  aber  einen  Tag  lang  möchte  ich  Arbeits*
minifter  fein,  ich  wüßte,  was  ich  zu  tun  hätte,  und  ich  weiß  auch,
daß  fie  mir  dann  in  hundert  Jahren  ein  Denkmal  dafür  fetjen
werden.  Ich  hätte  verfchiedene  Programme  und  bin  bereit,  fie
abzugeben,  mit  der  einzigen  Bedingung,  daß  fie  durchgeführt
werden.  Um  die  »Kunftfchau«  fortzufetjen:  Die  Löfung  von
Problemen  war  die  Abficht.  Die  kleine  und  die  große  Welt,  der
Ring  ift  faft  gefchoffen.  Die  Kunft  des  Kindes,  das  Plakat,  die
Kirche,  Theater,  Friedhof,  Gartenhöfe  und  fchöne  Gärten,  Graphik,
Brunnen,  allgemeine  Architektur  und  Kunftgewerbe,  Plaftik  und
Malerei,  Kaffeehausterraffe  und  Tbeatervorftellungen,  Tracht
und  Schmuck,  Wohnungskunft,  ein  ganzes  volleingerichtetes
Landhaus,  mehr  kann  man  nicht  verlangen.  Das  Entfcheidende
ift  nicht  das  Was,  fondern  das  Wie.  Denn  ähnliche  Programme
waren  ja  fchon  überall  da  und  find  in  den  letzten  zehn  Jahren
mehr  oder  weniger  gefchickt  wiederholt  durchgeführt  worden.
Aber  diefes  Sprudeln  von  Ideen,  diefer  Reichtum  von  geiftvollen
Materialanwendungen,  von  intereffanten  Techniken,  und  zugleich
die  ftraffe  Disziplin,  das  ift  das  Ungewöhnliche.  Sezeffion  ift  feit
Jahren  tot,  aber  die  Kunft  in  Wien  lebt  und  bat  ein  kräftiges
Gedeihen,  das  ift  in  diefer  »Kunftfchau«  fcblagend  bewiefen.  Aber
der  freundliche  Genius  loci  lebt  in  dem  Neuen;  er  ift  hier  ftärker
als  die  Menfcben  und  er  hat  jede  neue  Geberde  heimatlich  be*
ftimmt.  Sein  berüdcendes  Lächeln  ftand  über  dem  Gartenhof,
der  von  den  Frauen  und  Mädchen  am  Eröffnungstage  mit  anmutiger ­
  Feftlichkeit  erfüllt  war,  umfcbloßen  von  dem  Weiß  und
den  klaren  Farben  der  Galerien  und  der  Säle.  Die  Impreffion
war  feltfam  ergreifend,  eine  Stimmung  war  eine  geiftige  Atmofphäre,
  wie  fie  in  jenem  Wiener  Kreis  fein  mochte,  der  mit
SCHWIND,  SCHUBERT  und  den  anderen  heimifdien  Größen
ihrer  Zeit  eine  liebliche  Legende  bildet.  Noch  bat  der  Genius
dasfelbe  unverwüftlicbe  Lächeln.  Und  es  war  eine  frohe  Gewißkeit,
  daß  diefe  Zeit  nicht  mit  leeren  und  borgenden  Händen  nach«
taftet,  fondern  mit  eigenen  Werken  ebenbürtig  der  felig  lächelnden
Kunftfchwefter  der  Vergangenheit  entgegentritt.  Und  es  war  ein
beglückendes  Gefühl,  in  diefem  Kreis  zu  fteben  und  den  Zufammenbang
  zu  fpüren,  der  uns  im  großen  und  kleinen  verbindet,  Ein
feltener,  langentbebrter,  tiefer  Augenblick  des  Glückes.  □
JOSEPH  AUG.  LUX

DHLMHTIEN,  DHS  LAND  DER  VERGANGENHEIT
UND  DER  ZUKUNFT
I.  DIE  KULTUR
in  Vergeffen  war  über  Dalmatien,  jahrhundertelang;  nun
will  das  intereffante  Land  der  Vergangenheit  zur  Gegenwart ­
  erwachen  und  vielleicht  ein  Land  der  Zukunft  werden.
Das  Land  der  künftigen  Reifen.  Vielleicht  auch  der  künftigen
wirtfcbaftlichen  Entfaltung.  Denn  die  Natur  des  Landes  ift  reicher,
als  es  auf  den  erften  Blick  erfcheint.  Der  ungeheure  Mauerwall

im  Norden  Dalmatiens,  das  unwirtliche  Velebitgebirge  ift  reich
an  Kupfer,  Mangan,  Eifen  und  Kohlen  und  harrt  der  Erfchließung.
Heute  ftreift  noch  der  Bär  durch  die  Klüfte,  häuft  der  bitterarme
Bergbewohner  mit  ein  paar  Schafen  in  Höhlen,  in  den  elefanten»
grauen  Felfenwänden.  Morlacken.  Das  Wort  bedeutet  in  der
Überfe^ung:  fchwarze  Rumänen.  Römifcbes  Blut,  flavifcb  gemifcht.
Es  ift  kein  Ehrentitel  in  Dalmatien,  eher  eine  verächtliche  Pariasbezeichnung. ­
  Dort  wohnen  Morlacken  und  Herren,  fagt  der
Gendarm,  der  in  diefen  Gegenden  faft  die  Miffion  eines  Kulturapoftels
  trägt.  Er  führt  ein  ftrenges  Regiment  und  muß  es  auch
in  einem  Land,  wo  die  Rache  viel  und  ein  Menfcbenleben  wenig
bedeutet.  Wo  die  Sitte  raub  und  die  Moral  primitiv  ift.  Aber
das  bindert  nicht,  daß  der  Eingeborene  auf  feine  Art  gutmütig
und  gegen  Fremde  gewinnend,  faft  ergeben  ift.  Morlacken  und
Herren!  Und  der  arme  Morlacke  nennt  nichts  fein  Eigen  als
das  farbenfcböne  Koftüm,  das  er  als  fein  eigenes  am  Leib  trägt,
bis  es  zerfällt,  Sommer  und  Winter  dasfelbe,  in  der  glühenden
Hitje  und  bei  30  Grad  Kälte,  wenn  Bora  ift.  Wie  es  mit  der
Gefundbeit  ftebt?  Ich  habe  in  Norddalmatien  nur  fehr  wenig
alte  Leute  gefeben.  Trotjdem  der  Menfcbenfcblag,  namentlich
was  die  Männer  betrifft,  groß  und  fcbön  ausfieht,  zäh  und  kraftvoll ­
  ift.  Aber  Unmäßigkeit  in  den  wenigen  Augenblicken  des
Überfluffes,  die  langen  Perioden  des  Mangels  und  der  Entblößung
von  allem,  was  zum  Schul)  gegen  die  aufreibende  Kälte  und  auszehrende ­
  Hit)e  gehört,  wirken  mörderifch.  Viele  verließen  das
Land,  gewiß  nicht  die  fchlechteften  Elemente,  um  in  Amerika  ein
ungewiffes  Glück  zu  fucben.  Die  meiften  find  das  Opfer  gewiffenlofer
  Auswandereragenten  und  Schiffsgefellfchaften  geworden.  Es
fehlt  an  Menfcbenkraft  überall  im  Land  und  auf  den  Infein.
Curzola,  Lefina,  Liffa  find  faft  entvölkert.  Die  alten  Städte  be«
fteben  zum  guten  Teil  aus  Hausruinen,  die  leer  find.  Wer  follte
fie  aufbauen,  wer  follte  fie  bewohnen?  Rührend  find  die  Zeichen
des  Verfalles  mit  den  Spuren  einftiger  Größe.  Dreimal  foviel
Menfcben,  als  das  Land  beute  zählt,  könnte  Dalmatien  ernähren
und  dann  wabrfcbeinlicb,  beffer  als  beute.  Aber  in  der  Kultur  und
Erziehung  gibt  es  einen  taufendjäbrigen  Rückftand  zu  überwinden.
Auch  diefes  mytbenbaft  dürftige  Leben  in  den  felfigen  Einöden  am
Meer  und  im  Gebirge  hat  fein  menfcblicbes  Maß  an  Freuden.  Auch
aus  dem  barten,  grauen  Fels  ringt  fich,  wenn  die  Zeit  kommt,  ein
grünendes  und  blühendes  Kräutlein  empor,  doppelt  ergreifend  in
feiner  kargen  Schönheit.  Von  der  Zeit  der  Liebe  fingt  die  Legende
und  vom  Mädchenraub,  der  vereinzlt  noch  beute  die  übliche
Form  des  Freiens  fein  foll.  Der  Burfche  nimmt  das  Mädchen
weg  vom  Tanz,  nachdem  er  ein  kleines  Mahl  gezahlt  bat,  und
behält  es  als  Weib  in  feiner  Hütte,  wenn  er  es  nicht  nach  kurzer
Zeit  verftößt,  was  verkommen  foll.  Der  priefterliche  Segen  ift
eine  Sache,  die  nacbfolgen  mag.  Man  kann  nichts  Verbürgteres
fagen,  als  das,  was  die  Sage  wiffen  will.  Und  warum  nicht?
Die  Formen  find  einfach  in  dem  primitiven  Kulturzuftand,  der
in  den  einfamen  Gebirgslagen  ataviftifcb  beftimmt  und  älter  ift
als  die  Gefcbichte.  Und  waren  es  nicht  Illyrier,  die  räuberifchen
Vorfahren  der  heutigen  Dalmatiner,  die  in  der  Frühzeit  des
entftebenden  Venedigs  zwölf  Jungfrauen  von  dort  raubten,  die
alle  zufällig  Bräute  waren?  Die  fromme  Sage  erzählt,  daß  die
Venezianer  ihre  Bräute  unverfebrt  zurückeroberten,  die  fromme
Sage.  Die  Enthebung  der  Marionette  knüpft  fich  an  diefe  Begebenheit. ­
  Denn  zu  Ehren  der  Jungfrau  Maria  wurden  alljährlich ­
  zwölf  Puppen  zur  Erinnerung  öffentlich  berumgefübrt
und  nach  der  heiligen  Maria  genannt,  allerdings  mit  den  italie»
nifchen  Diminutivendungen,  woraus  Marion,  Marionette  entftand.
Raub  war  das  Hauptgewerbe  der  Illyrier,  warum  follte  nicht  in
der  Sitte  ein  fymbolifcber  Reft  geblieben  fein?  Der  Frühling
ift  kurz,  der  Rauch  dabin,  und  das  Weib  wird  das  Laft«  und

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