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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

komifcb wirken, wenn vor dem Hintergründe Darfteller ftehen, 
die fich um alles in der Welt nicht in der vom Maler ange» 
nommenen perfpektivifchen Verjüngung verkleinern, wie bei 
alledem eine Vortäufcbung der Wirklichkeit erzeugt werden foll. 
Hnfelm Feuerbach hat dem Empfinden über diefe Mißverbält» 
niffe beredten Ausdruck gegeben, wenn er tagte: »Ich hafte das 
moderne Theater, weil ich fcharfe Augen habe und über Papp 
deckel und Schminke nicht hinwegkommen kann. Ich hafte den 
Dekorationsunfug vom Grund der Seele. Er verdirbt das 
Publikum, verdirbt den lebten Reft gefunden Gefühls und erzeugt 
den Barbarismus des Gefchmackes.« □ 
Die romanifche Bühnenform ift ftilwidrig und deshalb bandelt 
es fich für uns darum, eine neue Form zu finden, für die uns 
fcbon Goethe, Schiller und andere Große Fingerzeige gegeben. 
Goethe fchreibt an Schiller am 8. April 1797: »So erfchienen 
mir diefer Tage einige Szenen im »Ariftopbanes« völlig wie 
antike Basreliefen und find gewiß auch in diefem Sinn vor» 
geftellt worden!« □ 
Das ift das reliefartige Bühnenbild, wie es beute noch bei 
den Japanern erhalten und auf das die ungeheure Wirkung der 
Truppe der Sada Yacco zurückzufübren ift, bei der alle Be 
wegungen direkt an ägyptifche und perfifche Reliefs erinnerten. 
Das ift die große künftlerifcbe Tradition des japanifchen Bühnen 
bildes, von der Prinz Rupprecht in feinen »Reiferinnerungen 
aus Oftafien« bei einer Schilderung des »Kirfchblütentanzes« fagt: 
»Die Dekorationen des Hintergrundes übertreffen an Schönheit 
und Gefcbmack die meiften unterer europäifchen Theater.« 
Schiller bemerkt in der Vorrede zur »Braut von Meffina«, daß 
die wahre Kunft im Menfcben eine Kraft ausbilde, die »finn- 
licbe Welt, die fonft nur als roher Stoff auf uns laftet, in eine 
objektive Form zu rücken«. Und Schinkel, der zu verfchiedenen 
Malen Goethes Gaft gewefen und deffen Briefwecbfel mit dem 
Großen von Weimar über den Bau des Berliner Scbaufpiel- 
baufes uns heute noch im Goethe-Scbiller-Arcbiv erhalten ift, 
erklärt uns in den Erläuterungen eines Entwurfes zur Ver 
änderung der Szene im Königl. Nationaltbeater zu Berlin, wie 
beim Theater der Alten »abfichtlich vermieden werden mußte, 
eine gemeine phyfifche Täufcbung der Szene zu bewirken, auf 
die bei dem modernen Theater nicht allein fo fälfcblicb hinge- 
arbeitet wird, fondern wo die Aufgabe fo fcblecbt als möglich 
gelöft wurde und aus guten Gründen nie gelöft werden wird. 
Eine fymbolifcbe Andeutung des Ortes, in welchem die Hand 
lung gedacht war, war vollkommen hinreichend, der produk 
tiven Phantafie des Zufcbauers eine Anregung zu geben, durch 
welche er imftande war, bei der hinreißenden Kunft der Dar« 
ftellung ganz ideal den angedeuteten Ort um diefe herum bei 
fich weiter auszubilden und ihm dann die wahre und ideale 
Illufion erwuchs, die ihm ein ganz modernes Theater mit allen 
Kuliffen und Soffitten nicht geben kann«. □ 
Und dann weiter: □ 
»Daß die Malerei in Rückficht der auf der Szene zufammen- 
gebauten Teile fo febr als möglich vereinfacht wurde, ift ebenfo 
notwendig, wenn der lächerliche Eindruck jener widerfinnigen, 
nie ftimmenden Zufammenfetpmg vermieden werden foll. Wenn 
wir daher unfere Szene in den mebrften Fällen mit einer 
einzigen großen Bildwand verzieren könnten, fo gingen wir 
fcbon unendlich weiter als die Alten, indem auf einer folcben 
felbft die vollkommenfte phyfifche Täufcbung einer Ortsver- 
fetjung tecbnifch erzwungen werden kann, beffer und leichter 
als auf einer Szene mit Kuliffen und Soffitten, die überall aus 
einanderfallen und bei der beften Anordnung nie aus einem 
einzigen Punkt einen Zufammenbang bilden können. Der größte 
Vorteil, der daraus entftebt, würde aber der fein, daß das Bild 
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der Szene in jeder 
Hinficbtkünftlerifcber 
behandelt werden 
könnte und dennoch 
der Handlung weni 
ger Abbruch täte, da 
es fich nicht prahlend 
vordrängt, fondern 
als fymbolifcber Hin 
tergrund immer in 
der für die Phantafie 
wohltätigen Ferne 
hält. Soll die Szene 
einen höheren Cha 
rakter gewinnen, fo 
muß unter Profzeni- 
um mehr das Wefen 
der feften Szene der 
Alten erhalten und 
ein kräftiger Ab- 
fcblußrabmen fein für 
das Bild der ganzen 
Theatererfcheinung.« 
Und endlich fagt 
Schinkel bei der Auf 
zählung der durch 
feine Vorfchläge erzielten Vorteile: »Die Hauptverfcbiedenheit 
diefer Einrichtung von der bisherigen und faft von allen Theatern 
ift die, daß weder Kuliffen noch Soffitten angewendet werden. 
Die hierdurch entftebenden Vorteile find folgende: □ 
a) Der Theatermaler erhält bei einer großen Erleichterung in 
der Arbeit eine weit größere Freiheit, da er größtenteils 
nur mit einem Bilde zu tun bat; im äußerften Falle aber 
bat er einige Durcbficbten zu behandeln, die immer als in 
fich zufammenbängende Bilder das Ganze leichter in Über* 
einftimmung bringen, als die Kuliffe mit der Soffitte. □ 
b) Diefe vereinfachte Szene, welche, wie jede perfpektivifcbe Dar- 
ftellung, nur aus einem Punkte allein ganz richtig gefeben 
werden kann, fällt wenigftens nie ganz auseinander wenn 
man diefen Punkt verläßt, wie dies der Fall ift mit der von > 
Kuliffen und Soffitten durcbfcbnittenen Szene, die aus allen 
anderen Punkten eine ganz unangenehme und zerftückelte 
Kompofitäon zeigt, welche immer ftörender wirkt, je weiter 
die Zufchauer von diefem einen Standpunkt geftellt werden. 
Außerdem aber wird die Szene bei weitem größer und die 
Hauptvorftellung nicht durch eine Menge von Einbauen, Ku 
liffen und Seljftücken verengt, welches bisher ein fo fehr ge 
übter Mißbrauch war, durch den man meinte, die Szene 
natürlicher zu machen, da doch dem Maler alle Mittel zur 
vollkommenen Erreichung diefes Zweckes in der Anordnung 
der Linien und Luftperfpektiven auf einer Wand gegeben find.« 
Soweit Schinkel. □ 
In ganz ähnlichem Sinne äußert fich Gottfried Semper aus 
führlich in einer im Jahre 1849 erfcbienenen Denkfcbrift über 
das fogenannte alte Theater in Dresden, in welcher er feinen 
erften, leider nie zur Ausführung gelangten Entwurf vom 
Jahre 1835 befpricht, bei deffen Bübnengeftaltung fcbon all die 
Ideen wirkten, die uns beute befcbäftigen. Er verkürzte die 
Bühne febr ftark und fagte darüber: □ 
»Erftens wird dadurch eine wahrhaft künftlerifcbe Wirkung 
der Bübnendekoration erleichtert, indem das Verfcbieben der 
unbehaglichen Kuliffen faft ganz überflüffig wird und ein einziger, 
febr breiter Hintergrund, deffen Begrenzungen durch die nicht 
ALFRED ROLLER, Grundriß für die Bühnen« 
ausftattung »Lobengrin«, Akt II, Burghof 
fei
	        
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