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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

entfcbieden für die kurze Szene und das reliefartig ausgeftaltete 
Bühnenbild ein. Er verwirft den ganzen Kuliffenkram, fcbließt 
das Bühnenbild mit einem einzigen Profpekt, der ähnlich wie 
bei Schinkel von einer feften Architektur umrahmt ift und ver» 
zichtet damit auf die ganze heutige Bühnenmafchinerie. Fuchs 
hat insbefondere darauf aufmerkfam gemacht, welch neue Huf« 
gaben unteren bildenden Künftlern durch diefe werbende Idee 
geftellt werden, und wie febr all diefe Ideen in der Luft liegen, 
beweift die begeifterte Aufnahme, die feine Vorfchläge feiner« 
zeit bei dem internationalen Kunftkongreß in Venedig fanden. 
Die in jener Brofcbüre beigegebenen Skizzen zeigen auch, 
wie man bei der von Fuchs vorgefchlagenen Infzenierung den 
Bau der hohen Bühne vermeiden und dabei dem ärgften Feind 
einer guten Akuftik zu Leibe rücken könnte. Denn, täufchen 
wir uns nicht: die Klage über mangelhafte Akuftik find vor« 
nebmlicb auch in den immer höher werdenden Bühnenhäufern 
begründet, in denen das Eifen die Unfumme von Holzkonftruk« 
tionen der alten Käufer zum Schaden der Akuftik jetjt völlig 
verdrängt. □ 
Nach den Mißerfolgen, die Gottfried Semper - feiner Zeit 
weit, weit vorauseilend — mit all feinen Reformvorfchlägen vor 
den Maitagen des Jahres 1849 zu verzeichnen hatte, ruft er 
einmal am Schluß der Ausführungen über feine Neuerungs 
ideen aus: »Jedoch ift das nicht Sache des Architekten, der fleh 
noch immer der herrfchenden Bühnenpraxis zu fügen hat«. Für 
uns befteht beute der Sat) nicht mehr, denn beute gibt es genug 
Einfidhtige, die untere Forderungen teilen. Schreibt doch der 
vorhin febon zitierte vom Briege: »Bisher bat der Baumeifter 
den Dichter tyrannifiert und, fo fonderbar es klingen mag: einen 
Teil der Schuld an der gegenwärtigen Stagnation der drama- 
tifeben Produktion, am Epigonentum, trägt für den Tiefer 
blickenden in der Tat der Architekt«. □ 
Noch immer haben wir das empfängliche Publikum für das 
große klafflfehe Drama, denn es ift gewiß kein Zufall, daß wir 
Sbakefpeare als den Unfern von England herübergenommen, 
daß er jetjt geradezu der Modedramatiker geworden und völlig 
bei uns eingebürgert ift und daß Schillers Dramen heute mehr 
denn je ein dankbares Publikum finden. □ 
Welche Folgen ergeben fleh nun aus einer Reform des Bühnen 
bildes für den Zufchauerraum ? □ 
Nach unferem eingangs gegebenen Vergleich zwifchen antiker 
und moderner Bühne ift es klar, daß ein im Reformfinne ge« 
ftaltetes Bühnenbild den wefentlichften Einfluß auf den Zu 
fchauerraum ausüben muß. Es kann fleh nun, je kürzer das 
Bühnenbild ift, immer mehr dem Halbkreis und damit dem 
antiken Amphitheater nähern. Aber ift das ein Vorteil und hat 
denn wirklich unfer konventionelles Rang- und Logenbaus fo 
vielerlei Nachteile? □ 
Man könnte diefe Frage als eine müßige deuten und fie mit 
einigen lapidaren Sätjen beantworten, wie das kürzlich gefchab, 
wo gelegentlich einer Befprechung von Sicherbeitsvorkebrungen 
im Theater getagt wurde: »Es ift eine Notwendigkeit das Rang 
theater zu retten, da das Rangtheater unteren Intentionen am 
betten entfpricht. Das überdeckte Amphitheater als modernes 
Theaterauditorium ift ein architektonifcher Widerfprucb. Nur als 
offener Raum wie in der Antike, bat er feine Berechtigung, 
niemals aber als gefchloffener Raum. Der gefcbloffene Raum 
bedingt das Rangtbeater!« □ 
Dem Verfaffer diefer Zeilen ift ein kleiner Irrtum unterlaufen, 
wenn er meint, daß das antike Theater nur als »offener Raum« 
entwickelt worden fei, da wir ja nicht nur aus einer Infchrift 
am kleinen Theater in Pompeji beftimmt wiffen, daß diefes 
überdeckt, alfo in einen gefcbloffenen Raum eingebaut war, 
fondern da auch von anderen maßgebenden Forfchern erwiefen 
ift, daß andere antike Theater überdeckt waren. □ 
Vergeffen wir doch nicht die Herkunft unterer Logenbäufer, 
die doch nichts anderes find als Kopien der Komödienbäufer 
barocker Höfe, fie dienten der Unterhaltung der Höfe und feiner 
boebftebenden Gefellfchaft, und das Spiel unter den Zufchauern 
batte für diefe oftmals einen viel höheren Wert als jenes auf 
der Bühne felbft. Es ift unbeftritten, daß dem Logenhaus mit 
feinen übereinandergetürmten Galerien eine Reibe in feinem 
innerften Wefen begründeter Mängel anbaften, die teils auf op= 
tifebem, teils auf akuftifchem Gebiete die Wirkung der Vor- 
ftellungen febr ftark beeinträchtigen. In dem Beftreben, bei 
gegebener Gefamtböbe möglicbft viel Galerien unterzubringen, 
wird die Steigung des Parketts fo gering gehalten, daß das Ge- 
fichtsfeld der Befucher von den Körpern der Vorderleute zum 
Teil gedeckt wird. Auf den feitlichen Teilen der Galerien hat 
der Zufdbauer entweder gar keine Möglichkeiten, die ganze 
Bühne zu überfeben, oder es gelingt ihm dies für einen Teil 
nur durch fortgefetjte Kopfverdrebungen. Von den oberften 
Galerien aus erfcheint das Bühnenbild überhaupt befebränkt 
und verzerrt. Für alle auf den oberen Rängen Sitjenden nehmen 
fleh die Darfteller auf der Bühne oft genug wie Pygmäen aus 
und oft genug werden von ihnen für die auf den feitlichen 
Galerien Sitjenden nur die Schädeldecken und ihre Schultern 
Achtbar. n 
Der von überallher mögliche Einblick in den Organismus des 
Orchefters reizt das Auge und lenkt es von dem Bübnenbilde 
ab und nimmt zugleich der Klangwirkung den Reiz des Unkörper 
lichen, während im Theater Auge und Ohr gleichzeitig tätig fein 
follen. Und dann der Widerfprucb, der in den Profzeniumslogen 
liegt, die bei den teuerften Preifen die natürliche Geficbtslinie 
der Befucher direkt von der Szene wegleiten! □ 
Alle diefe Mängel wurden wenig beachtet, folange das Theater 
nur von einer geladenen, reichgeputjten Gefellfchaft zu gegen- 
feitiger Unterhaltung befucht wurde. Sie mußten in den vor 
handenen und in den der Überlieferung folgenden neuen Theatern 
mit in den Kauf genommen werden, trotjdem allmählich eine 
ganz andere Auffaffung über das Theater Platj gegriffen hatte. 
Man braucht fleh noch nicht auf den Standpunkt Gabriele 
d’Annunzios zu ftellen, der vom Drama fagt, daß es nichts anderes 
fein könnte als ein »Gottesdienft« oder eine »Botfchaft«, die Über 
zeugung ift aber jetjt febon allgemein, daß wir im Drama ein 
nicht genug zu febätjendes äftbetifches Mittel zur Erhebung für 
unfer Volk haben, daß in möglicbft vollkommener Form dar 
geboten werden muß. In dem Logenhaus ift aber das Ver 
hältnis der Befucher zueinander die Hauptfacbe, und das Ver 
hältnis der Zufchauer zu der Bühne, von der die erbebende 
Wirkung ausgebt, durch die erwähnten Mängel fo geftört, daß 
unmöglich durch die Mufik, durch das gelungene und gefprochene 
Wort jene ernfte, weihevolle Stimmung erzielt werden kann, 
welche die feinften Empfindungen der menfchlicben Seele aus- 
zulöfen vermag. D 
Ich habe febon in einem — meiner 1907 erfchienenen Denk- 
fchrift über das Charlottenburger Scbiltertbeater beigegebenen — 
Effay über die »Entftehungsgefchichte des deutfehen Amphi 
theaters« nachgewiefen, wie Schinkel und Semper fleh über das 
Rangtbeater äußerten, wie fie energifch für die Idee des Amphi 
theaters eintraten, und wie Schinkel in feinen erften Skizzen 
über den Neubau des Nationaltbeaters in Berlin febon im 
Jahre 1817 uns eine folche Fülle reformatorifeber, alle Tradi 
tionen genial überfpringender Gedanken gab, daß man mit Recht 
behaupten kann: dort liegt der Urfprung des deutfehen Amphi 
theaters. □ 
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