entfcbieden für die kurze Szene und das reliefartig ausgeftaltete
Bühnenbild ein. Er verwirft den ganzen Kuliffenkram, fcbließt
das Bühnenbild mit einem einzigen Profpekt, der ähnlich wie
bei Schinkel von einer feften Architektur umrahmt ift und ver»
zichtet damit auf die ganze heutige Bühnenmafchinerie. Fuchs
hat insbefondere darauf aufmerkfam gemacht, welch neue Huf«
gaben unteren bildenden Künftlern durch diefe werbende Idee
geftellt werden, und wie febr all diefe Ideen in der Luft liegen,
beweift die begeifterte Aufnahme, die feine Vorfchläge feiner«
zeit bei dem internationalen Kunftkongreß in Venedig fanden.
Die in jener Brofcbüre beigegebenen Skizzen zeigen auch,
wie man bei der von Fuchs vorgefchlagenen Infzenierung den
Bau der hohen Bühne vermeiden und dabei dem ärgften Feind
einer guten Akuftik zu Leibe rücken könnte. Denn, täufchen
wir uns nicht: die Klage über mangelhafte Akuftik find vor«
nebmlicb auch in den immer höher werdenden Bühnenhäufern
begründet, in denen das Eifen die Unfumme von Holzkonftruk«
tionen der alten Käufer zum Schaden der Akuftik jetjt völlig
verdrängt. □
Nach den Mißerfolgen, die Gottfried Semper - feiner Zeit
weit, weit vorauseilend — mit all feinen Reformvorfchlägen vor
den Maitagen des Jahres 1849 zu verzeichnen hatte, ruft er
einmal am Schluß der Ausführungen über feine Neuerungs
ideen aus: »Jedoch ift das nicht Sache des Architekten, der fleh
noch immer der herrfchenden Bühnenpraxis zu fügen hat«. Für
uns befteht beute der Sat) nicht mehr, denn beute gibt es genug
Einfidhtige, die untere Forderungen teilen. Schreibt doch der
vorhin febon zitierte vom Briege: »Bisher bat der Baumeifter
den Dichter tyrannifiert und, fo fonderbar es klingen mag: einen
Teil der Schuld an der gegenwärtigen Stagnation der drama-
tifeben Produktion, am Epigonentum, trägt für den Tiefer
blickenden in der Tat der Architekt«. □
Noch immer haben wir das empfängliche Publikum für das
große klafflfehe Drama, denn es ift gewiß kein Zufall, daß wir
Sbakefpeare als den Unfern von England herübergenommen,
daß er jetjt geradezu der Modedramatiker geworden und völlig
bei uns eingebürgert ift und daß Schillers Dramen heute mehr
denn je ein dankbares Publikum finden. □
Welche Folgen ergeben fleh nun aus einer Reform des Bühnen
bildes für den Zufchauerraum ? □
Nach unferem eingangs gegebenen Vergleich zwifchen antiker
und moderner Bühne ift es klar, daß ein im Reformfinne ge«
ftaltetes Bühnenbild den wefentlichften Einfluß auf den Zu
fchauerraum ausüben muß. Es kann fleh nun, je kürzer das
Bühnenbild ift, immer mehr dem Halbkreis und damit dem
antiken Amphitheater nähern. Aber ift das ein Vorteil und hat
denn wirklich unfer konventionelles Rang- und Logenbaus fo
vielerlei Nachteile? □
Man könnte diefe Frage als eine müßige deuten und fie mit
einigen lapidaren Sätjen beantworten, wie das kürzlich gefchab,
wo gelegentlich einer Befprechung von Sicherbeitsvorkebrungen
im Theater getagt wurde: »Es ift eine Notwendigkeit das Rang
theater zu retten, da das Rangtheater unteren Intentionen am
betten entfpricht. Das überdeckte Amphitheater als modernes
Theaterauditorium ift ein architektonifcher Widerfprucb. Nur als
offener Raum wie in der Antike, bat er feine Berechtigung,
niemals aber als gefchloffener Raum. Der gefcbloffene Raum
bedingt das Rangtbeater!« □
Dem Verfaffer diefer Zeilen ift ein kleiner Irrtum unterlaufen,
wenn er meint, daß das antike Theater nur als »offener Raum«
entwickelt worden fei, da wir ja nicht nur aus einer Infchrift
am kleinen Theater in Pompeji beftimmt wiffen, daß diefes
überdeckt, alfo in einen gefcbloffenen Raum eingebaut war,
fondern da auch von anderen maßgebenden Forfchern erwiefen
ift, daß andere antike Theater überdeckt waren. □
Vergeffen wir doch nicht die Herkunft unterer Logenbäufer,
die doch nichts anderes find als Kopien der Komödienbäufer
barocker Höfe, fie dienten der Unterhaltung der Höfe und feiner
boebftebenden Gefellfchaft, und das Spiel unter den Zufchauern
batte für diefe oftmals einen viel höheren Wert als jenes auf
der Bühne felbft. Es ift unbeftritten, daß dem Logenhaus mit
feinen übereinandergetürmten Galerien eine Reibe in feinem
innerften Wefen begründeter Mängel anbaften, die teils auf op=
tifebem, teils auf akuftifchem Gebiete die Wirkung der Vor-
ftellungen febr ftark beeinträchtigen. In dem Beftreben, bei
gegebener Gefamtböbe möglicbft viel Galerien unterzubringen,
wird die Steigung des Parketts fo gering gehalten, daß das Ge-
fichtsfeld der Befucher von den Körpern der Vorderleute zum
Teil gedeckt wird. Auf den feitlichen Teilen der Galerien hat
der Zufdbauer entweder gar keine Möglichkeiten, die ganze
Bühne zu überfeben, oder es gelingt ihm dies für einen Teil
nur durch fortgefetjte Kopfverdrebungen. Von den oberften
Galerien aus erfcheint das Bühnenbild überhaupt befebränkt
und verzerrt. Für alle auf den oberen Rängen Sitjenden nehmen
fleh die Darfteller auf der Bühne oft genug wie Pygmäen aus
und oft genug werden von ihnen für die auf den feitlichen
Galerien Sitjenden nur die Schädeldecken und ihre Schultern
Achtbar. n
Der von überallher mögliche Einblick in den Organismus des
Orchefters reizt das Auge und lenkt es von dem Bübnenbilde
ab und nimmt zugleich der Klangwirkung den Reiz des Unkörper
lichen, während im Theater Auge und Ohr gleichzeitig tätig fein
follen. Und dann der Widerfprucb, der in den Profzeniumslogen
liegt, die bei den teuerften Preifen die natürliche Geficbtslinie
der Befucher direkt von der Szene wegleiten! □
Alle diefe Mängel wurden wenig beachtet, folange das Theater
nur von einer geladenen, reichgeputjten Gefellfchaft zu gegen-
feitiger Unterhaltung befucht wurde. Sie mußten in den vor
handenen und in den der Überlieferung folgenden neuen Theatern
mit in den Kauf genommen werden, trotjdem allmählich eine
ganz andere Auffaffung über das Theater Platj gegriffen hatte.
Man braucht fleh noch nicht auf den Standpunkt Gabriele
d’Annunzios zu ftellen, der vom Drama fagt, daß es nichts anderes
fein könnte als ein »Gottesdienft« oder eine »Botfchaft«, die Über
zeugung ift aber jetjt febon allgemein, daß wir im Drama ein
nicht genug zu febätjendes äftbetifches Mittel zur Erhebung für
unfer Volk haben, daß in möglicbft vollkommener Form dar
geboten werden muß. In dem Logenhaus ift aber das Ver
hältnis der Befucher zueinander die Hauptfacbe, und das Ver
hältnis der Zufchauer zu der Bühne, von der die erbebende
Wirkung ausgebt, durch die erwähnten Mängel fo geftört, daß
unmöglich durch die Mufik, durch das gelungene und gefprochene
Wort jene ernfte, weihevolle Stimmung erzielt werden kann,
welche die feinften Empfindungen der menfchlicben Seele aus-
zulöfen vermag. D
Ich habe febon in einem — meiner 1907 erfchienenen Denk-
fchrift über das Charlottenburger Scbiltertbeater beigegebenen —
Effay über die »Entftehungsgefchichte des deutfehen Amphi
theaters« nachgewiefen, wie Schinkel und Semper fleh über das
Rangtbeater äußerten, wie fie energifch für die Idee des Amphi
theaters eintraten, und wie Schinkel in feinen erften Skizzen
über den Neubau des Nationaltbeaters in Berlin febon im
Jahre 1817 uns eine folche Fülle reformatorifeber, alle Tradi
tionen genial überfpringender Gedanken gab, daß man mit Recht
behaupten kann: dort liegt der Urfprung des deutfehen Amphi
theaters. □
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