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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

wie  üblich,  in  arebitektonifebe,  voneinander  unabhängige  Felder
geteilt,  im  Gegenteil,  die  Linien,  Strahlen  und  Zweige  reichen
längs  der  ganzen  Glasmalerei  von  unten  nach  oben  und  von
oben  nach  unten,  wie  eine  Mufikgama,  wie  bewegliche  Fluten,
umftrablt  vom  Mondeslicbt.  Grün,  gelblicb-wiolett  und  blutrot
berrfebt  vor.  D
Huf  der  gegenüberliegenden  Seite  des  Presbyteriums,  ober*
halb  des  Chors,  befindet  fich  Wyspianskis  letzte  rieüge  Glasmalerei: ­
  »Gott  -  Vater«,  der  das  Weltall  aus  dem  Chaos  heraus*
bringt  -  eine  mächtige  Kompofition,  die  über  die  ganze  Kirche
berrfebt.  Wenn  aus  den  Glasfenftern  im  Presbyterium  uns  das
Heimifche,  Rnmutige  und  die  ftille  Ekftafe  der  Geftalten  entgegen*
webt,  fo  haben  wir  hier  vor  allem  eine  geniale  Darftellung  von
Macht  und  Grauen.  Von  den  ausgefübrten  Glasmalereien
Wyspianskis  haben  wir  noch  eins  im  ärztlichen  Vereinsbaufe,
das  das  Syftem  Kopernikus’  darftellt.  Rndere,  wie  die  Glasmalereien ­
  für  die  Kathedrale  in  Lemberg  (Gelöbniffe  Johann
Kafimirs  und  Polonia)  und  für  die  Kathedrale  am  Wawel  (Kafimir
der  Große,  St.  Stanislaus  und  Heinrich  der  Hndäcbtige)  wurden
nicht  ausgefübrt.  Hlle  find  originell  gedacht,  befonders  die  mit
der  Beftimmung  für  Wawel.  Es  find  dies  königliche  Vnionen,
Erinnerungen,  Totengerippe,  umhüllt  in  königliche  Mäntel.  Eine
folcbe  ift  z.  B.  Kafimir  der  Große,  komponiert  auf  Grund  einer
Zeichnung  Matejkos:  das  Totengerippe  des  Königs  in  dem  Zuftande,
  wie  er  im  Grabe  gefunden  wurde.  Der  Gedanke,  die
Kathedrale  mit  folcben  Glasmalereien  zu  umgeben,  gehört
wahrlich  zu  den  ungewöhnlichen,  aber  doch  fo  verftändlichen,
mit  Rückficht  auf  die  Gefchichte  Polens.  Es  wäre  dies  ein  ewiges
MEMENTO  und  gleichzeitig  ein  ewiges  SURSUM  CORDH  für
die  Nation.  D
Eine  fpezielle  Vorliebe  für  erhabene  Themen  und  eine  be*
fondere  Zuneigung  für  die  Linie,  als  Mittel  zur  Kompofition,
brachte  mit  fich,  daß  Wyspianski  mit  einer  ungewöhnlichen
Predilektion  dem  Komponieren  von  Glasmalereien  fich  widmete.
Daher  ftudierte  er  genau  die  Glasmalereien  aus  früheren  Zeitaltern ­
  (fo  z.  B.  zeichnete  er  in  natürlicher  Größe  mehrere  Glasmalereien ­
  in  dem  Dominikanerklofter  in  Krakau  aus  dem  XIV.  bis
XVI.  Jahrhundert  ab).  In  feinem  Studium  über  diefe  fpracb  er
den  richtigen  Sa^  aus,  welcher  beweift,  wie  genau  er  die  Technik,
den  Geift  und  zugleich  die  Schwierigkeiten  einer  Kompofition
der  Glasmalereibilder  kannte,  welche,  wie  er  febrieb,  »aus  dem
Grunde  erfchwert  ift,  weil  das  Glas  mit  dem  Blei  nur  in  der
Richtung  der  Grundlinien  gefaßt  werden  kann,  daß  das  Blei
die  Geftalt  und  die  Form,  die  Bewegung  und  den  Lauf  der
Falten,  Draperien,  die  Silvette  und  die  Grenze  des  in  der  Kompofition ­
  dargeftellten  Gegenftandes  zum  Husdrudc  bringen  foll,
daß  es  abfolut  unmöglich  ift,  fich  diefem  Zwange  zu  entziehen,
weil  der  Sinn  der  Linie  in  einem  Hugenblicke  fich  verändert
und  daß  man  ftatt  einer  Kompofition  bei  willkürlicher  Einteilung ­
  der  Glasfcbeibe  mit  dem  Blei,  ohne  Rückfiditnahme  auf
die  Form  und  die  Geftalt  den  Eindruck  erhält,  als  ob  das  Glas
zerbrochen  und  nur  mit  großer  Mühe  zufammengefügt  und
nicht  frifcb  komponiert  wäre«.
Wyspianski  bat  viel  ftudiert  und  gefeben.  Er  ftand  unter
dem  Banne  der  bellenifcben  Welt  und  mittelalterlicher  Schöpfungen. ­
  Trotjdem  erhielt  er  fein  eigenes  Ich  und  war  durch
und  durch  ein  moderner  Individualift.  Vor  allem  war  er  ftilvoll;
ein  jedes  Thema,  ob  ein  fremdes  oder  aus  der  Gefchichte  gegriffen, ­
  durchdachte  er  nach  feiner  eigenen  Art  und  fchuf  es
von  neuem.  Das  Handwerk  achtete  er  hoch,  fcbätjte  die  Rrbeit
ganzer  Generationen,  der  Generationen  einer  guten,  gediegenen,
durch  die  Tradition  und  den  berrfebenden  Stil  diktierten  Hrbeit,
aber  et  unterfchied  fie  von  der  wahren  Schöpfung,  von  den

Werken  perfönlicbet  Begeifterung.  Es  wird  von  Wert  fein,
einen  charakteriftifcben  flbfat)  aus  feiner  Hbbandlung  über  alte
Glasmalereien  anzufübten*:  »Sie  find  edel  und  mufterbaft,  jene
Kompofitionen,  von  wundervollem  Stil,  aber  alle  nach  einer
Schablone.«  Da  z.  B.,  wenn  es  fich  darum  bandelte,  die  bimmlifcbe
  Feier  einer  Krönung  der  heiligen  Mutter  darzuftellen,  fo
wußte  der  damalige  Maler  bereits  im  vorhinein,  wie  es  verteilt
fein  würde.  D
Natürlich  muß  es  da  vor  allem  einen  großen  Doppeltbron
geben;  felbftverftändlicb  muß  derfelbe  auf  Wolken  ruhen  und
hinter  ihm  ein  Vorhang  ausgebreitet  fein,  und  erft  auf  diefem
Vorhang  als  Hintergrund  präfentieren  fich  zwei  Geftalten,  die
des  Erlöfers  und  der  heiligen  Maria,  leicht  zueinander  gebeugt;
auf  beiden  Seiten  werden  fich  zwei  Engel  befinden,  die,  nachdem
fie  fich  freuen,  ficher  auf  Inftrumenten  fpielen;  das  übrige  bildet
den  Hintergrund,  zu  deffen  Husfüllung  irgendein  modernes  Mufter
verwendet  wird.  D
Hier  hörte  des  Künftlers  Denken  auf  und  er  fing  an,  fein
Bild  auszufübren;  esmüffen  alfo  zwei  Heiligenfeheine  fymmetrifcb
angebracht  fein,  in  ihnen  zwei  Kronen  fymmetrifcb  zueinander
gebeugt,  erft  dann  zwei  Köpfe,  ebenfalls  fymmetrifcb,  die  Gruppierung ­
  der  Körper  und  der  Füße  (von  den  Knien  bängt  eine
ganz  gleiche  Draperie  herab)  unwiderruflich  diefelbe;  kaum  daß
nur  eine  Bewegung  über  den  allgemeinen  Rhythmus  binaustreten
muß,  die  Bewegung  Cbrifti,  mit  welchem  er  die  heilige  Maria  fegnet.
Ein  geübter  Zeichner,  der  gewöhnt  war  eine  Kompofition
zu  organifieren,  batte  in  kurzer  Zeit  die  allgemeinen  Grundriffe
des  Bildes  feftgeftellt,  und  nach  der  von  altersber  hergebrachten
Schablone  gebend,  batte  er  alle  Linien,  eine  altertümliche  und
einfache  Pracht  faft  vorgefebrieben,  und  fo  war  für  ihn  der
Weg  offen,  ein  Kunftwerk  zu  febaffen.  Aber  er  fchuf  es  doch
nicht,  weil  mit  dem  Momente,  wo  er  die  allgemeinen  Umriffe
des  Bildes  feftgeftellt  hatte,  er  wieder  aufbörte  zu  denken
und  fich  zu  kümmern,  da  er  ja  febon  im  vorhinein  wußte,  was
weiter  gefcheben  würde.
Studien  zu  machen,  bat  er  fich  bereits  febon  lange  aus  dem
Kopfe  gefcblagen,  oder  er  wußte  von  ihnen  überhaupt  nichts,
jetjt,  wo  er  die  allgemeinen  Umriffe  febon  feftgeftellt  batte,  fing
er  zu  zeichnen  an:  der  Kopf  und  die  Hugen  werden  alfo  fo  gezeichnet, ­
  der  Mund  fo  und  fo,  ausdrucksvoll  und  klar;  und  er
wiederholte  zum  bundertften  Male  diefen  einmal  erlernten  Kopf,
indem  er  febr  genau  beachtete,  wie  der  Mund  zugefchnitten
werden  muß,  um  den  Husdruck  der  Lieblichkeit  und  der  ungetrübten ­
  Seligkeit  berauszubekommen.  n
Nach  der  erlernten  feftgeftellten  Regel  zeichnete  er  die  Finger,
indem  er  die  Knöchel  in  den  Biegungen  voll  zum  Vorfchein
brachte  fowie  auch  die  Hautfalten  auf  den  Handflächen;  immer
auf  ein’  und  diefelbe  Hrt  zeichnete  er  die  Fingernägel  aus  dem
Gedäcbtniffe  -  alles  aus  dem  Gedächtniffe  -,  die  Haarflechten
nach  althergebrachtem  Schema  in  Windungen  und  Löckchen,  die
Draperien  mit  backenartig  zugefchnittenen  Falten,  und  zwar
zeichnete  er  diefes  leicht  und  geübt,  dachte  dabei  am  wenigften
nach  und  war  überzeugt,  daß  daraus  etwas  Schönes  entftebe,
wenn  noch  dazu  ein  reiches  Ornament  zugegeben  und  wenn
der  Hintergrund  bis  an  die  Ränder  mit  einem  Mufter  von  aufgerollten
  Blättern  willkürlich,  daher  mit  Pbantafie,  einmal  nach
rechts  und  einmal  nach  links  ausgefüllt  würde,  da  er  ja  wußte,
daß  die  Wolken  wieder  mit  einer  wellenförmigen,  gebogenen,  an
die  Umriffe  eines  Kleeblattes  erinnernden  Linie  gezeichnet  werden.
Und  das  Gefamtbild  fiel  auch  bübfcb  aus.  □

*  Rocznik  krakowski  (Krakauer  Jahrbuch)  1899,  Glasmalereien  in
dem  Dominikanerklofter.

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