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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

man weniger über derartige plaftifcbe »Utopien« reden könnte 
und dürfte, wie mit den eigenen Kollegen. Verdrießliche Abwehr 
des öefpräches ift noch die mildefte Form des Verkehrs, der fich 
dann entwickelt, wenn man fo ein Thema anfehlägt. Das, was 
man jet^t Bildhauer nennt, ift oft ein Künftler, der mit folcher 
Mühe fein je^iges akademifches Können fich hat erringen müffen, 
der fchon von Haufe aus fo febr der Phantafie abhold ift, daß 
erft ein ganz neuer Typ von Formenkünftlern aus der Jugend 
fich entwickeln muß, ehe man auf weiteres Verftändnis rechnen 
kann. Und dies ift der Fall eben in der angewandten Kunft. 
Hier fieht man z. B. auf ornamentalem Gebiete oder auf dem 
der Keramik oder des Metallguffes fogar auf einzelnen Schulen 
(wie z. B. in Dresden) hoffnungsvolle plaftifche Keime heran« 
wachfen. Wir fehen, wie hier junge Kräfte wieder »vorausfetjungs« 
los« an die Aufgaben moderner zeitgemäßer Gebrauchsgegen- 
ftände und Zierwerke berangehen, freudig und mutig Neues und 
Schöpferifches verfuchen. Aus allen möglichen Quellen und Ver- 
anlaffungen entflammen die neuen Formen. Ganz anders wie 
bei den zaghaften akademifchen Bildhauern wird hier herzhaft 
experimentiert. Die einen gehen von Verfuchen aus, neue 
Materialien zu verwenden oder bekannten, wie im Schmuck, 
glänzlich neue Wirkungen abzugewinnen. Andere geben wieder 
von der Technik des Modellierens an fich, des Arbeitens und 
Knetens in Ton, Plaftilin und keramifeber Maffe, aus und erreichen 
durchaus unmittelbare neue plaftifche Werte, wie fie zum Teil 
überhaupt noch nicht gefchaffen wurden, wie z. B. in der Metall« 
gußplaftik, in der Keramik, im modernen Steingut, im Stuck, im 
Ofenbau ufw. In den — leider noch feltenen — Fällen, wo ein 
vertiefteres, wirklich modernes Naturftudium ftattgefunden bat, 
haben diefe jungen Kunftgewerbetreibenden (die meiftens durch 
ein gütiges Scbickfal davor bewahrt blieben, in einer Akademie 
eben zu akademifieren mit der üblichen Begleiterfcheinung des 
Hochmutes) eine fo ungeahnte Fülle plaftifcher ornamentaler oder 
reiner Wirkungsmotive entdeckt, daß auf Generationen hinaus 
der Bedarf an ornamentaler Arcbitekturplaftik für Stein und 
Stuck gedeckt fein würde, wenn die Herren Architekten alle diefe 
Herrlichkeiten überhaupt nur fehen wollten. □ 
Wohl fpielen diefe plaftifchen Verfucbe in dem Gefamtbild der 
neuen Kunft vorderhand nur eine untergeordnete Rolle im Gegen« 
fatje z. B. zur modernen Innenarchitektur. Es wäre aber febr 
kurzfichtig, ihre Bedeutung als Symptome zu verkennen, denn 
fie find die Vorläufer einer plaftifchen Bewegung, die groß werden 
kann, wenn fie nicht wieder, wie fo oft bei uns, im Sande ver» 
läuft oder erftickt wird von einer neuen hiftorifeben Welle, wie 
dies zum Teil in der Möbelkunft durch den Neu«Biedermeierftil 
gefdbeben ift. Symptome find es, fage ich. Wie ein aus dem 
Meere aufgetauchtes Neuland zuerft von Flechten und Moofen, 
dann von Strandgräfern und Gebüfcb und dann erft von Bäumen 
bewachten wird, fo wird fich auch erft allmählich aus dem Geifte, 
der hier waltet, eine neue gewaltige Formenkunft entwickeln 
können, die dereinft fogar die Architektur in ihren Bann teilweife 
wird bineinziehen können und müffen, genau fo, wie dies in der 
Barockzeit der Fall gewefen ift. Allen diefen Verfuchen ift das 
eine gemeinfam: der echte moderne Geift des frifchen, couragierten 
Verfuchens, des refoluten fich Befreiens von der Tradition, des 
Zurückgehens auf die unmittelbaren Notwendigkeiten des Zweckes 
des Gegenftandes an fich, oder der Technik an fich, oder des 
Materials an fich, oder der plaftifchen Wirkung einer Form an fich, 
oder der ornamentalen Belebung oder der individuell geftalten« 
den Phantafie an fich; denn auch diefe letztere Seite der bildenden 
Kunft wird fich auch in der Plaftik ihr Recht nicht rauben laffen, 
dereinft, wie überall und ftets in der Weltgefchicbte, der letjte und 
böcbfte Ausdruck, das ift: Ausdruck der Perfönlichkeit, zu fein. 
Es ift nun ein beliebtes Argument der »alten Herren«, worunter 
es auch fehr junge gibt, zu behaupten, wir glaubten, daß durch 
Verwendung diefer neuen Formen an der Architektur oder gar 
durch einfache Vergrößerung diefer Gebilde aus der angewandten 
Kunft ins Monumentale die neue Großplaftik und deren architek- 
tonifebe Wirkung erftehen könne, und mit einem Spürfinn, der 
einer befferen Sache würdig wäre, fuchen fie auch die Fehler 
auf, die vereinzelt in diefer Hinficht von jedem von uns ge» 
macht worden find und noch werden gemacht werden. Deswegen 
wird es nicht unnötig erfcheinen, immer wieder darauf hinzu« 
weifen, daß es ftets nur auf den allen diefen Gebieten gemein« 
famen Geift ankommen foll, in dem das neue Gebilde erfunden 
werden foll, nämlich dem Geifte des Unmittelbaren, des Voraus» 
fe^ungslofen, des Wiederzurückgebens auf das »Ding an fich« 
und feine tektonifchen und Verzierungsnotwendigkeiten ohne 
zauderndes Zurückgreifen auf Stile, auf edle Vorbilder oder 
auf Heimatkunft und derlei »liebgewordene« Krücken. Das 
Trauliche, das Schöne, das Edle, das Erhabene fogar, das follen 
wir aus unferer jungen Bruft bervorholen, nicht aus der der 
Biedermeier-Großmutter oder des frübromanifeben Kaifers 
Theodorich. □ 
Wenn wir nun weiter aus dem Gebiete der angewandten 
Kunft beraustreten, nach einem anderen fuchen, das wir als ein 
folcbes bezeichneten, wo der Bildhauer felbftändig, ohne Archi« 
tekten febaffen könnte, fo fehen wir das Gebiet der Grabmal« 
plaftik als das ausfichtsreichfte vor uns liegen. Und es ift überaus 
erfreulich, konftatieren zu dürfen, daß hier wirklich, wenn auch 
nur feit ganz kurzer Zeit verfucht wird, den Bann des Archi» 
tekten, der Baugewerkfcbule und des Steinmetjen in deutfehen 
Landen zu heben. Wohl wird es noch unendlicher Arbeit be» 
dürfen, um die gefcbloffene Phalanx der unberechtigten und 
berechtigten Antipathien zu überwinden, die uns von Ange 
hörigen aller religiöfen Konfeffionen entgegengebracht werden, 
die fich eine Friedhof kunft ohne traditionelle Gräber und Symbol 
formen nicht vorftellen können, von Gemeindevertretungen, die 
das fogenannte Gefamtbild des Friedhofes nicht »verunzieren« 
laffen wollen, von Architekten, die in einem ihrer bisherigen 
Gebiete eine Konkurrenz erftehen fehen, von Steinmetzen, die 
ihr Fabriklager gefährdet fehen, und von unzähligen Seiten 
mehr, aber der Vorftoß ift gemacht und er läßt fich nicht mehr 
aufhalten. □ 
Hier gebt man wie in der plaftifchen angewandten Kunft wieder 
von den unmittelbaren Notwendigkeiten aus, die im Wefen des 
Grabmals felbft liegen, wie z. B. die Wirkung des aufrechten 
oder liegenden Steines an fich, fo wie er als Maffe im Freien 
ftebt, wobei er gute Proportionen und eine gute Silhouette 
haben muß; ferner die Infchriftplatte, die in zweckentfprecbender 
und in verfebieden finnreicher Weife angebracht werden kann; 
ferner die Verlegung eines Teiles des natürlichen Pflanzen» 
fcbmuckes in das Gefamtwerk und dergleichen Notwendigkeiten 
mehr. Und auch hier hat fich ergeben, daß fchon die allererften 
Verfucbe, in unmittelbarer Weife zu febaffen oder neue bisher 
wenig verwendete Steinforten zu benutzen oder neue Wir 
kungen aus dem Steine felbft zu zaubern, indem man einfach 
die natürlichen Wirkungen benutzte, die fich aus dem Wefen der 
Arbeit mit Steinmetz» und Bildhauerwerkzeugen von felbft er 
gaben, eine ungeahnte Fülle neuen Lebens in diefes totefte aller 
Gebiete gebracht haben. Die einzige Gefahr, die wir bei diefer 
erften Regung eines neuen Lebens vorerft noch erblicken, wäre 
vielleicht die, daß fchon wieder die Reißbrettzeichentechnik der 
Architekten hier einreißen könnte, eine Technik, die mehr darauf 
ausgeht, wenn fie einfach fein will, ftarre ftereometrifebe Ge 
bilde zu febaffen als plaftifche Werke, wie es folche Stein- oder 
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