man weniger über derartige plaftifcbe »Utopien« reden könnte
und dürfte, wie mit den eigenen Kollegen. Verdrießliche Abwehr
des öefpräches ift noch die mildefte Form des Verkehrs, der fich
dann entwickelt, wenn man fo ein Thema anfehlägt. Das, was
man jet^t Bildhauer nennt, ift oft ein Künftler, der mit folcher
Mühe fein je^iges akademifches Können fich hat erringen müffen,
der fchon von Haufe aus fo febr der Phantafie abhold ift, daß
erft ein ganz neuer Typ von Formenkünftlern aus der Jugend
fich entwickeln muß, ehe man auf weiteres Verftändnis rechnen
kann. Und dies ift der Fall eben in der angewandten Kunft.
Hier fieht man z. B. auf ornamentalem Gebiete oder auf dem
der Keramik oder des Metallguffes fogar auf einzelnen Schulen
(wie z. B. in Dresden) hoffnungsvolle plaftifche Keime heran«
wachfen. Wir fehen, wie hier junge Kräfte wieder »vorausfetjungs«
los« an die Aufgaben moderner zeitgemäßer Gebrauchsgegen-
ftände und Zierwerke berangehen, freudig und mutig Neues und
Schöpferifches verfuchen. Aus allen möglichen Quellen und Ver-
anlaffungen entflammen die neuen Formen. Ganz anders wie
bei den zaghaften akademifchen Bildhauern wird hier herzhaft
experimentiert. Die einen gehen von Verfuchen aus, neue
Materialien zu verwenden oder bekannten, wie im Schmuck,
glänzlich neue Wirkungen abzugewinnen. Andere geben wieder
von der Technik des Modellierens an fich, des Arbeitens und
Knetens in Ton, Plaftilin und keramifeber Maffe, aus und erreichen
durchaus unmittelbare neue plaftifche Werte, wie fie zum Teil
überhaupt noch nicht gefchaffen wurden, wie z. B. in der Metall«
gußplaftik, in der Keramik, im modernen Steingut, im Stuck, im
Ofenbau ufw. In den — leider noch feltenen — Fällen, wo ein
vertiefteres, wirklich modernes Naturftudium ftattgefunden bat,
haben diefe jungen Kunftgewerbetreibenden (die meiftens durch
ein gütiges Scbickfal davor bewahrt blieben, in einer Akademie
eben zu akademifieren mit der üblichen Begleiterfcheinung des
Hochmutes) eine fo ungeahnte Fülle plaftifcher ornamentaler oder
reiner Wirkungsmotive entdeckt, daß auf Generationen hinaus
der Bedarf an ornamentaler Arcbitekturplaftik für Stein und
Stuck gedeckt fein würde, wenn die Herren Architekten alle diefe
Herrlichkeiten überhaupt nur fehen wollten. □
Wohl fpielen diefe plaftifchen Verfucbe in dem Gefamtbild der
neuen Kunft vorderhand nur eine untergeordnete Rolle im Gegen«
fatje z. B. zur modernen Innenarchitektur. Es wäre aber febr
kurzfichtig, ihre Bedeutung als Symptome zu verkennen, denn
fie find die Vorläufer einer plaftifchen Bewegung, die groß werden
kann, wenn fie nicht wieder, wie fo oft bei uns, im Sande ver»
läuft oder erftickt wird von einer neuen hiftorifeben Welle, wie
dies zum Teil in der Möbelkunft durch den Neu«Biedermeierftil
gefdbeben ift. Symptome find es, fage ich. Wie ein aus dem
Meere aufgetauchtes Neuland zuerft von Flechten und Moofen,
dann von Strandgräfern und Gebüfcb und dann erft von Bäumen
bewachten wird, fo wird fich auch erft allmählich aus dem Geifte,
der hier waltet, eine neue gewaltige Formenkunft entwickeln
können, die dereinft fogar die Architektur in ihren Bann teilweife
wird bineinziehen können und müffen, genau fo, wie dies in der
Barockzeit der Fall gewefen ift. Allen diefen Verfuchen ift das
eine gemeinfam: der echte moderne Geift des frifchen, couragierten
Verfuchens, des refoluten fich Befreiens von der Tradition, des
Zurückgehens auf die unmittelbaren Notwendigkeiten des Zweckes
des Gegenftandes an fich, oder der Technik an fich, oder des
Materials an fich, oder der plaftifchen Wirkung einer Form an fich,
oder der ornamentalen Belebung oder der individuell geftalten«
den Phantafie an fich; denn auch diefe letztere Seite der bildenden
Kunft wird fich auch in der Plaftik ihr Recht nicht rauben laffen,
dereinft, wie überall und ftets in der Weltgefchicbte, der letjte und
böcbfte Ausdruck, das ift: Ausdruck der Perfönlichkeit, zu fein.
Es ift nun ein beliebtes Argument der »alten Herren«, worunter
es auch fehr junge gibt, zu behaupten, wir glaubten, daß durch
Verwendung diefer neuen Formen an der Architektur oder gar
durch einfache Vergrößerung diefer Gebilde aus der angewandten
Kunft ins Monumentale die neue Großplaftik und deren architek-
tonifebe Wirkung erftehen könne, und mit einem Spürfinn, der
einer befferen Sache würdig wäre, fuchen fie auch die Fehler
auf, die vereinzelt in diefer Hinficht von jedem von uns ge»
macht worden find und noch werden gemacht werden. Deswegen
wird es nicht unnötig erfcheinen, immer wieder darauf hinzu«
weifen, daß es ftets nur auf den allen diefen Gebieten gemein«
famen Geift ankommen foll, in dem das neue Gebilde erfunden
werden foll, nämlich dem Geifte des Unmittelbaren, des Voraus»
fe^ungslofen, des Wiederzurückgebens auf das »Ding an fich«
und feine tektonifchen und Verzierungsnotwendigkeiten ohne
zauderndes Zurückgreifen auf Stile, auf edle Vorbilder oder
auf Heimatkunft und derlei »liebgewordene« Krücken. Das
Trauliche, das Schöne, das Edle, das Erhabene fogar, das follen
wir aus unferer jungen Bruft bervorholen, nicht aus der der
Biedermeier-Großmutter oder des frübromanifeben Kaifers
Theodorich. □
Wenn wir nun weiter aus dem Gebiete der angewandten
Kunft beraustreten, nach einem anderen fuchen, das wir als ein
folcbes bezeichneten, wo der Bildhauer felbftändig, ohne Archi«
tekten febaffen könnte, fo fehen wir das Gebiet der Grabmal«
plaftik als das ausfichtsreichfte vor uns liegen. Und es ift überaus
erfreulich, konftatieren zu dürfen, daß hier wirklich, wenn auch
nur feit ganz kurzer Zeit verfucht wird, den Bann des Archi»
tekten, der Baugewerkfcbule und des Steinmetjen in deutfehen
Landen zu heben. Wohl wird es noch unendlicher Arbeit be»
dürfen, um die gefcbloffene Phalanx der unberechtigten und
berechtigten Antipathien zu überwinden, die uns von Ange
hörigen aller religiöfen Konfeffionen entgegengebracht werden,
die fich eine Friedhof kunft ohne traditionelle Gräber und Symbol
formen nicht vorftellen können, von Gemeindevertretungen, die
das fogenannte Gefamtbild des Friedhofes nicht »verunzieren«
laffen wollen, von Architekten, die in einem ihrer bisherigen
Gebiete eine Konkurrenz erftehen fehen, von Steinmetzen, die
ihr Fabriklager gefährdet fehen, und von unzähligen Seiten
mehr, aber der Vorftoß ift gemacht und er läßt fich nicht mehr
aufhalten. □
Hier gebt man wie in der plaftifchen angewandten Kunft wieder
von den unmittelbaren Notwendigkeiten aus, die im Wefen des
Grabmals felbft liegen, wie z. B. die Wirkung des aufrechten
oder liegenden Steines an fich, fo wie er als Maffe im Freien
ftebt, wobei er gute Proportionen und eine gute Silhouette
haben muß; ferner die Infchriftplatte, die in zweckentfprecbender
und in verfebieden finnreicher Weife angebracht werden kann;
ferner die Verlegung eines Teiles des natürlichen Pflanzen»
fcbmuckes in das Gefamtwerk und dergleichen Notwendigkeiten
mehr. Und auch hier hat fich ergeben, daß fchon die allererften
Verfucbe, in unmittelbarer Weife zu febaffen oder neue bisher
wenig verwendete Steinforten zu benutzen oder neue Wir
kungen aus dem Steine felbft zu zaubern, indem man einfach
die natürlichen Wirkungen benutzte, die fich aus dem Wefen der
Arbeit mit Steinmetz» und Bildhauerwerkzeugen von felbft er
gaben, eine ungeahnte Fülle neuen Lebens in diefes totefte aller
Gebiete gebracht haben. Die einzige Gefahr, die wir bei diefer
erften Regung eines neuen Lebens vorerft noch erblicken, wäre
vielleicht die, daß fchon wieder die Reißbrettzeichentechnik der
Architekten hier einreißen könnte, eine Technik, die mehr darauf
ausgeht, wenn fie einfach fein will, ftarre ftereometrifebe Ge
bilde zu febaffen als plaftifche Werke, wie es folche Stein- oder
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