Bronzegebilde find, die von der Hand des modellierenden oder
des meißelfübrenden Formenkünftlers ein eigenes Formenleben
erhalten, das nie durch bloße Stereometrie erreicht werden
kann. Und in der Tat, fcbon kennen wir junge Bildhauer, die
wieder rückwärts zum Reißbrettkünftler werden und alles erft
mit Schiene, Winkel und Zirkel zeichnen und es dann in Gips
fchneiden, ftatt von vornherein ausfchließlich als Plaftiker, als
Bildner zu formen, zu bilden. Daß daraus dann eine neue
Plaftik nimmermehr erftehen kann, liegt auf der Hand. Selbftredend
ift auch diefe ftereometrifche, architektonifche oder reine
Steinmetjarbeit vollkommen felbftändig berechtigt und der ein»
facbfte Stein, wie das größte Erbbegräbnis kann fehr wohl auf
dem Reißbrett mit Schiene und Winkel entworfen worden fein
und kann trotjdem eine herrliche Arbeit werden. Auch wird
felbftredend die Mehrzahl aller Grabfteine aus Gründen der
Billigkeit ftets und für alle Zeiten im Geifte der Stemmet}»
architektur entworfen werden müffen. Doch muß man fich klar
darüber fein, daß das eine andere Kunft als Plaftik ift, und daß
fich Plaftik zu ihr verhält wie das organifche Gebilde zum Kriftall,
wie die Mufik zur Mathematik. Wir wiffen wohl, daß diefer
Empfindungsunterfchied nur feiten gemacht wird; doch muß er
allgemein werden, fonft kommen wir aus dem Baftardprodukt
zwifchen Architektur und Plaftik nie heraus. Das plaftifcbe
Formengefühl an fich, als eine Sache, die eben nicht an die
Darftellung der menfchlichen Figur allein gebunden zu fein
braucht, ift in unterem Volke noch durchaus im Dornröschen»
fchlafe befangen. Selbftverftändlich wird auch bei allen größeren
Aufgaben eines Erbbegräbniffes, großer Familiengrüfte ufw. die
Baukunft ihr gutes Anteil an dem Werke haben müffen, aber
doch wohl nur als einfache technifch»praktifche Arbeitsvorbe»
dingung, und zwar fo, daß der Plaftiker das Werk erfindet und
errichtet als fein eigener Baumei fter, ftatt daß der Architekt,
wie es jet}t in 99% aller Fälle gefchieht, das Werk zeichnet und
dem Bildhauer die paar Stellen bezeichnet, wo er dann etwas
anmodellieren darf. □
Doch diefe neuen, kraftvollen, fchöpferifchen Möglichkeiten der
Formenkunft find ja vielen Bildhauern felber noch wenig be»
kannt. Fragt man z. B. einen Kollegen, was Plaftik fei, fo kann
man die eigenartigften Erfahrungen machen. Meiftens erfolgt
die Antwort: dumme Frage, oder: das wollen Sie wohl ver»
ftandesmäßig begründen? Zu was denn? Wenn Sie Bildhauer
find und was gelernt haben, fo werden Sie’s wohl wiffen! Am
überzeugendften kam einmal die Antwort heraus: Plaftik ift,
wenn eine Figur ordentlich bis auf die Fußfpit}en herunter durchmodelliert
ift! Auf unteren Akademien gilt es als vollkommen
ausreichend, wenn der Jüngling guten Unterricht im Aktmodellieren
erhält, das figürliche Komponieren etwas übt und
einige Vorträge aus der Kunftgefcbichte hört, und diefer verhängnisvolle
Wahn, daß die menfchliche Figur Anfang und Ende
der Plaftik bedeutet, bat fcbon Generationen hindurch den Fort»
fchritt gehemmt. Gewiß, die menfchliche Figur enthält wunder»
bare plaftifcbe Möglichkeiten. Man febe fich aber daneben einmal
den Schildkrötenbrunnen in Rom an. Seine Beckenränder gehören
zum üppig-plaftifchften, was es auf der Welt gibt. Das
Plaftifcbe ift alfo wohl auch noch anderswie und anderswo offenbar
zu machen, als durch den Akt. Was könnte plaftifcber fein
als ein altes, rundes, abgegriffenes, japanifches Elfenbeinbücbscben,
und was plaftifch-maffigtitanenbafter wirken als die Tiroler Dolomiten?
Was aber hat diefes plaftifcbe Empfinden zu tun mit
dem Modellieren eines Reiterftiefels, einer Lieblingsbefchäftigung
moderner deutfcber Bildhauer? Ahnen doch viele Bildhauer,
trot}dem fie immer mit der Hand modellieren, nicht, daß die
Plaftik neben ihren optifchen Werten auch Gefühle und Empfindungen
des Taftfinnes auslöfen foll, entweder wirkliche oder
äfthetifch fuggerierte, und nicht bloß eine Kunft des Optifch-Dreidimenfionalen,
wie etwa ein Würfel oder ein Haus fein darf.
Alle Arten der Taftempfindung, das Gefühl des Glatten, des
Rauhen, des Harten, des Weichen, des Elaftifcben, des Starren,
des Biegfamen, des Schwellenden, des Dürren, des Runden, des
Kantigen, alle Empfindungen einer breit und gewaltig hingelagerten
oder einer monumental aufragenden Maffe find aus»
lösbar durch die Formenkunft, die jet}t ihrer Auferftebung harrt.
Und auch hier wird der alte Kampf ausgefochten werden müffen
um jene fixe Idee, die Domäne der Kunft wäre lediglich das
Gebiet des fogenannten Schönen, d. h. des Angenehmen. Auch
hier wird durch die neuen Arbeiten felber gezeigt werden
müffen, daß künftlerifcb alles ift, was überhaupt irgendeine
Empfindung ausgezeichnet und cbarakteriftifcb auszulöfen vermag,
ganz gleich, ob fie eine angenehme ift oder nicht. Trot}
allen Spottes wird man dereinft verfteben, daß ein Apfel in
der Hand, der Rücken eines fcbneebedeckten Hügels, die Knofpe
der Efche, das ftarre Matterborn, eine mächtige Mufcbel und
taufenderlei mehr Werte für die Formenkunft darftellen, nicht
anders als die menfchliche Figur auch, nicht um fie, wie folcbe
andeuten, die nicht verfteben wollen, naturgetreu wiederzugeben,
fondern als Anregungen für unteren bildnerifcben Formenfinn.
Die Form als belebte Maffe fcblecbtbin, als abgefcbloffenes
Gebilde für fich, als nach außen hin ficbtbar gemachte innere
Bewegtheit organifcher Kräfte in einem Gebilde, das ift das
Gebiet der felbftändigen Plaftik, das ift die Kunft des reinen
Bildners, im Gegenfat} zu den geometrifchen, planimetrifcben
oder ftereometrifcben, oder zu den Proportions-, oder zu den
tektonifchen und ftruktiven Freuden, welche die Architektur und
die Ingenieurkunft unterem Auge und unterem Intellekte geben.
Diefe belebte Maffe, die Form, kann eine menfchliche Figur fein,
braucht es aber nicht zu fein. □
Welch eine Ausficht eröffnet fich nunmehr dem Plaftiker auf
dem Gebiete des Grabmals; für den Plaftiker, den einzigen
Künftler, der einer Steinmaffe Leben und Ausdruck verleiben
kann. Faft an keinen praktifchen Zweck mehr gebunden, befreit
von den Notwendigkeiten der Architektur und des Nu^gegenftandes
könnte der Grabftein das freie Kunftgebilde, das individuelle
Denkmal par excellence fein. Hier wenn irgendwo
könnte der Plaftiker fich ausleben. Jede Form des Steines,
jede Lage im Raum ift möglich. Jede Belebung der Maffe, jede
figürliche Darftellung, jedes Ornament kann tiefen Sinn geben
je nach der geftellten Aufgabe. Kinder, Greife, Mütter, Väter
liegen unter der Erde. Hoch und niedrig, bedeutende und befcheidene
Exiftenzen, Männer aus jeder bürgerlichen Karriere,
aus jedem Berufe warten nur darauf, daß ihr Gedenkftein von
ihnen oder ihrem Beruf anders rede als bloß durch den gravierten
Namen. Durch die Wucht oder die Zierlichkeit der
Form, durch den Ernft oder die Belebtheit der Darftellung,
durch fymbolifches oder Ausdrucksornament kann der Geäft
deffen, der da ruht, charakterifierend ficbtbar gemacht werden,
oder es kann die Stimmung derer, die ihn betrauern, oder deffen
Beruf zum Ausdruck gebracht werden. Und alles in deutfcber,
vertiefter, gefühlter Art, arcbitektonifcb, plaftifch, ornamental
durchdacht, individuell gefteigert zu ernfter Würde, die dem
ganzen Gottesacker die Rhythmik der Trauer, gemildert durch
Hoffnung, verleiben würde. Nicht einer der Begrabenen war
wie der andere, nicht einer, der fein Ich nicht mit Recht oder
Unrecht als unterfchiedlich von anderen fühlte. Doch ihre Ge»
denkfteine machen fie alle gleich, alle konventionell, alle banal.
Will fich denn niemand bei Lebzeiten gegen diefe Unterfcblagung
feiner Perfönlichkeit nach dem Tode wehren! Begreifen denn
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