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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

Bronzegebilde  find,  die  von  der  Hand  des  modellierenden  oder
des  meißelfübrenden  Formenkünftlers  ein  eigenes  Formenleben
erhalten,  das  nie  durch  bloße  Stereometrie  erreicht  werden
kann.  Und  in  der  Tat,  fcbon  kennen  wir  junge  Bildhauer,  die
wieder  rückwärts  zum  Reißbrettkünftler  werden  und  alles  erft
mit  Schiene,  Winkel  und  Zirkel  zeichnen  und  es  dann  in  Gips
fchneiden,  ftatt  von  vornherein  ausfchließlich  als  Plaftiker,  als
Bildner  zu  formen,  zu  bilden.  Daß  daraus  dann  eine  neue
Plaftik  nimmermehr  erftehen  kann,  liegt  auf  der  Hand.  Selbftredend
  ift  auch  diefe  ftereometrifche,  architektonifche  oder  reine
Steinmetjarbeit  vollkommen  felbftändig  berechtigt  und  der  ein»
facbfte  Stein,  wie  das  größte  Erbbegräbnis  kann  fehr  wohl  auf
dem  Reißbrett  mit  Schiene  und  Winkel  entworfen  worden  fein
und  kann  trotjdem  eine  herrliche  Arbeit  werden.  Auch  wird
felbftredend  die  Mehrzahl  aller  Grabfteine  aus  Gründen  der
Billigkeit  ftets  und  für  alle  Zeiten  im  Geifte  der  Stemmet}»
architektur  entworfen  werden  müffen.  Doch  muß  man  fich  klar
darüber  fein,  daß  das  eine  andere  Kunft  als  Plaftik  ift,  und  daß
fich  Plaftik  zu  ihr  verhält  wie  das  organifche  Gebilde  zum  Kriftall,
wie  die  Mufik  zur  Mathematik.  Wir  wiffen  wohl,  daß  diefer
Empfindungsunterfchied  nur  feiten  gemacht  wird;  doch  muß  er
allgemein  werden,  fonft  kommen  wir  aus  dem  Baftardprodukt
zwifchen  Architektur  und  Plaftik  nie  heraus.  Das  plaftifcbe
Formengefühl  an  fich,  als  eine  Sache,  die  eben  nicht  an  die
Darftellung  der  menfchlichen  Figur  allein  gebunden  zu  fein
braucht,  ift  in  unterem  Volke  noch  durchaus  im  Dornröschen»
fchlafe  befangen.  Selbftverftändlich  wird  auch  bei  allen  größeren
Aufgaben  eines  Erbbegräbniffes,  großer  Familiengrüfte  ufw.  die
Baukunft  ihr  gutes  Anteil  an  dem  Werke  haben  müffen,  aber
doch  wohl  nur  als  einfache  technifch»praktifche  Arbeitsvorbe»
dingung,  und  zwar  fo,  daß  der  Plaftiker  das  Werk  erfindet  und
errichtet  als  fein  eigener  Baumei  fter,  ftatt  daß  der  Architekt,
wie  es  jet}t  in  99%  aller  Fälle  gefchieht,  das  Werk  zeichnet  und
dem  Bildhauer  die  paar  Stellen  bezeichnet,  wo  er  dann  etwas
anmodellieren  darf.  □
Doch  diefe  neuen,  kraftvollen,  fchöpferifchen  Möglichkeiten  der
Formenkunft  find  ja  vielen  Bildhauern  felber  noch  wenig  be»
kannt.  Fragt  man  z.  B.  einen  Kollegen,  was  Plaftik  fei,  fo  kann
man  die  eigenartigften  Erfahrungen  machen.  Meiftens  erfolgt
die  Antwort:  dumme  Frage,  oder:  das  wollen  Sie  wohl  ver»
ftandesmäßig  begründen?  Zu  was  denn?  Wenn  Sie  Bildhauer
find  und  was  gelernt  haben,  fo  werden  Sie’s  wohl  wiffen!  Am
überzeugendften  kam  einmal  die  Antwort  heraus:  Plaftik  ift,
wenn  eine  Figur  ordentlich  bis  auf  die  Fußfpit}en  herunter  durchmodelliert ­
  ift!  Auf  unteren  Akademien  gilt  es  als  vollkommen
ausreichend,  wenn  der  Jüngling  guten  Unterricht  im  Aktmodellieren ­
  erhält,  das  figürliche  Komponieren  etwas  übt  und
einige  Vorträge  aus  der  Kunftgefcbichte  hört,  und  diefer  verhängnisvolle ­
  Wahn,  daß  die  menfchliche  Figur  Anfang  und  Ende
der  Plaftik  bedeutet,  bat  fcbon  Generationen  hindurch  den  Fort»
fchritt  gehemmt.  Gewiß,  die  menfchliche  Figur  enthält  wunder»
bare  plaftifcbe  Möglichkeiten.  Man  febe  fich  aber  daneben  einmal
den  Schildkrötenbrunnen  in  Rom  an.  Seine  Beckenränder  gehören ­
  zum  üppig-plaftifchften,  was  es  auf  der  Welt  gibt.  Das
Plaftifcbe  ift  alfo  wohl  auch  noch  anderswie  und  anderswo  offenbar ­
  zu  machen,  als  durch  den  Akt.  Was  könnte  plaftifcber  fein
als  ein  altes,  rundes,  abgegriffenes,  japanifches  Elfenbeinbücbscben,
und  was  plaftifch-maffigtitanenbafter  wirken  als  die  Tiroler  Dolomiten? ­
  Was  aber  hat  diefes  plaftifcbe  Empfinden  zu  tun  mit
dem  Modellieren  eines  Reiterftiefels,  einer  Lieblingsbefchäftigung
moderner  deutfcber  Bildhauer?  Ahnen  doch  viele  Bildhauer,
trot}dem  fie  immer  mit  der  Hand  modellieren,  nicht,  daß  die
Plaftik  neben  ihren  optifchen  Werten  auch  Gefühle  und  Empfindungen ­

  des  Taftfinnes  auslöfen  foll,  entweder  wirkliche  oder
äfthetifch  fuggerierte,  und  nicht  bloß  eine  Kunft  des  Optifch-Dreidimenfionalen,
  wie  etwa  ein  Würfel  oder  ein  Haus  fein  darf.
Alle  Arten  der  Taftempfindung,  das  Gefühl  des  Glatten,  des
Rauhen,  des  Harten,  des  Weichen,  des  Elaftifcben,  des  Starren,
des  Biegfamen,  des  Schwellenden,  des  Dürren,  des  Runden,  des
Kantigen,  alle  Empfindungen  einer  breit  und  gewaltig  hingelagerten
  oder  einer  monumental  aufragenden  Maffe  find  aus»
lösbar  durch  die  Formenkunft,  die  jet}t  ihrer  Auferftebung  harrt.
Und  auch  hier  wird  der  alte  Kampf  ausgefochten  werden  müffen
um  jene  fixe  Idee,  die  Domäne  der  Kunft  wäre  lediglich  das
Gebiet  des  fogenannten  Schönen,  d.  h.  des  Angenehmen.  Auch
hier  wird  durch  die  neuen  Arbeiten  felber  gezeigt  werden
müffen,  daß  künftlerifcb  alles  ift,  was  überhaupt  irgendeine
Empfindung  ausgezeichnet  und  cbarakteriftifcb  auszulöfen  vermag, ­
  ganz  gleich,  ob  fie  eine  angenehme  ift  oder  nicht.  Trot}
allen  Spottes  wird  man  dereinft  verfteben,  daß  ein  Apfel  in
der  Hand,  der  Rücken  eines  fcbneebedeckten  Hügels,  die  Knofpe
der  Efche,  das  ftarre  Matterborn,  eine  mächtige  Mufcbel  und
taufenderlei  mehr  Werte  für  die  Formenkunft  darftellen,  nicht
anders  als  die  menfchliche  Figur  auch,  nicht  um  fie,  wie  folcbe
andeuten,  die  nicht  verfteben  wollen,  naturgetreu  wiederzugeben, ­
  fondern  als  Anregungen  für  unteren  bildnerifcben  Formenfinn.
  Die  Form  als  belebte  Maffe  fcblecbtbin,  als  abgefcbloffenes
Gebilde  für  fich,  als  nach  außen  hin  ficbtbar  gemachte  innere
Bewegtheit  organifcher  Kräfte  in  einem  Gebilde,  das  ift  das
Gebiet  der  felbftändigen  Plaftik,  das  ift  die  Kunft  des  reinen
Bildners,  im  Gegenfat}  zu  den  geometrifchen,  planimetrifcben
oder  ftereometrifcben,  oder  zu  den  Proportions-,  oder  zu  den
tektonifchen  und  ftruktiven  Freuden,  welche  die  Architektur  und
die  Ingenieurkunft  unterem  Auge  und  unterem  Intellekte  geben.
Diefe  belebte  Maffe,  die  Form,  kann  eine  menfchliche  Figur  fein,
braucht  es  aber  nicht  zu  fein.  □
Welch  eine  Ausficht  eröffnet  fich  nunmehr  dem  Plaftiker  auf
dem  Gebiete  des  Grabmals;  für  den  Plaftiker,  den  einzigen
Künftler,  der  einer  Steinmaffe  Leben  und  Ausdruck  verleiben
kann.  Faft  an  keinen  praktifchen  Zweck  mehr  gebunden,  befreit ­
  von  den  Notwendigkeiten  der  Architektur  und  des  Nu^gegenftandes
  könnte  der  Grabftein  das  freie  Kunftgebilde,  das  individuelle ­
  Denkmal  par  excellence  fein.  Hier  wenn  irgendwo
könnte  der  Plaftiker  fich  ausleben.  Jede  Form  des  Steines,
jede  Lage  im  Raum  ift  möglich.  Jede  Belebung  der  Maffe,  jede
figürliche  Darftellung,  jedes  Ornament  kann  tiefen  Sinn  geben
je  nach  der  geftellten  Aufgabe.  Kinder,  Greife,  Mütter,  Väter
liegen  unter  der  Erde.  Hoch  und  niedrig,  bedeutende  und  befcheidene
  Exiftenzen,  Männer  aus  jeder  bürgerlichen  Karriere,
aus  jedem  Berufe  warten  nur  darauf,  daß  ihr  Gedenkftein  von
ihnen  oder  ihrem  Beruf  anders  rede  als  bloß  durch  den  gravierten ­
  Namen.  Durch  die  Wucht  oder  die  Zierlichkeit  der
Form,  durch  den  Ernft  oder  die  Belebtheit  der  Darftellung,
durch  fymbolifches  oder  Ausdrucksornament  kann  der  Geäft
deffen,  der  da  ruht,  charakterifierend  ficbtbar  gemacht  werden,
oder  es  kann  die  Stimmung  derer,  die  ihn  betrauern,  oder  deffen
Beruf  zum  Ausdruck  gebracht  werden.  Und  alles  in  deutfcber,
vertiefter,  gefühlter  Art,  arcbitektonifcb,  plaftifch,  ornamental
durchdacht,  individuell  gefteigert  zu  ernfter  Würde,  die  dem
ganzen  Gottesacker  die  Rhythmik  der  Trauer,  gemildert  durch
Hoffnung,  verleiben  würde.  Nicht  einer  der  Begrabenen  war
wie  der  andere,  nicht  einer,  der  fein  Ich  nicht  mit  Recht  oder
Unrecht  als  unterfchiedlich  von  anderen  fühlte.  Doch  ihre  Ge»
denkfteine  machen  fie  alle  gleich,  alle  konventionell,  alle  banal.
Will  fich  denn  niemand  bei  Lebzeiten  gegen  diefe  Unterfcblagung
feiner  Perfönlichkeit  nach  dem  Tode  wehren!  Begreifen  denn

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