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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

das  wäre  Kunft  des  Ausdruckes,  das  wäre  belebte  Maffe,  Plaftik.
Drängt  es  dann  Künftler  und  Volk,  durch  figürliche  Darftellung,
oder  Allegorie  diefes  cbarakteriftifcb  ragende  Mal  noch  weiter
zu  beleben,  fo  ift  auch  den  weiteften  Möglichkeiten  in  der  darftellend-plaftifchen
  Kunft  keine  Grenze  gefetjt.  Am  Ende  alfo,
nicht  am  Anfänge  einer  folchen  Entwicklung  der  Plaftik  (wie  die
literarifch  arbeitenden  Bildhauer  oft  vermeinen),  follte  die  figür«
liehe  Ideen»  und  poetifche  Pbantafieplaftik  zu  fteben  kommen.
Das  alles,  verehrte  Anwefende,  könnte  fein.  Doch  es  wird  noch
nicht  fein,  noch  fo  bald  nicht  fein.  Und  wir  wiffen  wohl  warum.
Geben  wir  uns  keinen  vorzeitigen  Optimismus  hin.  Jedes  Ding
will  feine  Zeit  haben,  und  auch  hier  kann  fich  nur  durch  langfame
Entwicklung  das  vollendete  Neue  heranbilden.  Ein  Volk,  das,
wie  das  deutfehe  (trotjdem  90  Prozent  feiner  Gebildeten  nicht
mehr,  konfeffionell  gefprochen,  glauben)  fich  in  unvergleichlicher ­
  Ängftlichkeit  nicht  entfchließen  kann,  die  Konfequenzen  hieraus ­
  zu  ziehen,  ift  nicht  ein  folches,  das  feine  konfeffionelle  Formen«
fprache  refolut  und  frifch  ändert.  Nicht  nur  würde  ein  derartiges
Denkmal  jetjt  auf  keiner  Konkurrenz  die  geringfte  Ausficht  haben,
fondern  auch  die  Künftler  felber,  die  folches  erhoffen  und  verkünden, ­
  werden  nicht  gleich  etwas  fchaflfen  können,  das  abgeklärt ­
  und  einwandfrei  genug  wirken  würde,  um  unbedingte
Zuftimmung  zu  finden.  Auch  wir  müffen  uns  erft  entwickeln.
Niemand  weiß  das  beffer  wie  wir.  Nur  ein  krittliger,  ungeduldiger ­
  Geift  wird  verlangen,  daß  wir  felber  nun  auch  auf  der
Stelle  alles  das,  was  wir  hier  vorahnend  befchrieben,  leibhaftig
hinfetjen.  So  wollen  denn  auch  wir  felber  den  Weg  der  Entwicklung ­
  gehen,  der  hier  gefchildert  wurde:  beim  einfach-notwendigen ­
  in  der  Plaftik  anfangend  zum  künftlerifch  belebten
fortfehreiten,  damit  wir  in  konzentrierter  Arbeit  unteren  Überfchuß
  an  Kraft,  die  Phantafie,  auch  richtig  fpäter  zu  verwerten
lernen.  Langfam  genug  wird  fich  das  Publikum  und  der  Auftraggeber ­
  an  die  neue  Formenfprache  gewöhnen  und  langfam
erft  werden  wir  liegen.  Und  erft  wenn  die  Leibeskultur  des
neuen  Gefcblecbts  eine  freie  und  ehrliche,  eine  naive  geworden
fein  wird,  erft  wenn  die  Bekleidungs-  und  Koftümfrage  für  Weib
und  Mann  gelöft  fein  wird,  erft  dann  wird  es  eine  wahre,  ehrliche, ­
  zeitentfpreebende  figürliche  und  Ideenplaftik  geben  können.
Vorher  nicht.  Vorher  wird  alles  immer  nur  eine  Atelier»,  Mu»
feums-  und  Solonkunft  bleiben.  Arbeiten  jedoch  heißt  es  hier,
nicht  abwarten,  bis  es  ein  anderer  tut,  in  diefem  Fall  das  Ausland, ­
  um  es  dann  zu  kopieren,  ein  Erbübel  unteres  Volkes.  Eine
einzige  Arbeit,  mit  ehrlichem  Bemühen  in  diefem  neuzeitlichen
Geifte  gefchaffen,  ift  kulturell  und  pfychifch  mehr  wert,  als  die
fchönfte  der  felbftredend  einwandfreien  Arbeiten  nach  »edlen  Vorbildern«. ­
  Und  mag  fie  unvollkommen  fein.  Es  ift  eine  pfycbifcbe
Wertfrage,  die  hier  ausgefochten  wird.  Es  handelt  fich  um  nichts
Geringeres,  als  um  die  fubjektive  Gefundheit  und  die  Spannkraft
des  Künftlers,  nicht  um  die  objektive  Zufriedenheit  des  Bürgers
mit  einer  fogenannten  reifen  Leiftung.  Diefe  Spannkraft  des  Künftlers ­
  kann  nur  durch  die  felbfttätige  originale,  fchöpferifche  Arbeitsleiftung,
  nicht  aber  durch  verftändnisvolles  Nachempfinden  edler
Vorbilder  frifch  erhalten  werden.  Vor  Gott  und  der  Natur  gilt
ein  einziger  aus  eigener  Kraft  fprießender  Blütenkeim  mehr  als
hundert  Millionen  Papierblumen.  Und  im  Keimen  und  Kämpfen
foll  unteres  Volkes  Kraft  und  Glück  liegen,  nicht  im  poetifchen
Ausruhen  auf  dem  bequemen  Kiffen  einer  Biedermeierftube.  □
Fanget  an,  fo  ruft  der  Lenz  in  den  Wald.  Der  ruft  nicht:
redet,  klagt,  konftatiert,  diskutiert,  haltet  euch  an  den  Herbft,
an  die  Tradition,  und  wartet  ab.  □
So  helfet  auch  Ihr  uns,  verehrte  Anwefende,  indem  Ihr  zu
verftehen  und  zu  hoffen  fucht  und,  ftatt  bloß  zerlegender  Kritik,
uns  Arbeit  gebt.  □

DIE  LEBENSBEDINGUNGEN  DER  KUNSTWERKE
VON  WILHELM  OSTWALD  (GROSS-BOTHEN)  *
ie  Erfahrung  vieler  Jahrhunderte  hat  uns  eine  gewiffe
Summe  von  Nachweifen  darüber  vermittelt,  welche  Stoffe
als  die  dauerhafteften  angefehen  werden  dürfen,  und
man  beftrebt  fich,  insbefondere  bei  monumentalen  Kunftwerken,
diefe  aus  folcbem  bewährten  Material  herzuftellen.  Aber  hierbei
wird  gewöhnlich  ein  fundamentaler  Umftand  überfehen.  Die
Erfahrungen  der  älteren  Zeiten  find  unter  Bedingungen  gewonnen ­
  worden,  wie  fie  damals  beftanden,  aber  nicht  unter
folchen,  wie  fie  gegenwärtig  beftehen.  Daher  kommt  es,  daß  jene
Weisheit  des  Altertums  dem  heutigen  Tage  gegenüber  vielfach
Torheit  geworden  ift,  und  daß  die  fchwerften  Enttäufchungen
bezüglich  der  »bewährten«  Haltbarkeit  gewiffer  Materialien  und
Techniken  nicht  vermieden  worden  find.  □
Der  wefentlichfte  Umftand,  durch  den  die  gegenwärtigen
Exiftenzbedingungen  des  Kunftwerkes  gegenüber  den  früheren
fich  von  Grund  aus  verändert  haben,  ift  die  allgemeine  Be«
nutjung  der  Steinkohle  als  Brennmaterial.  Wenn  wir  von  der
einen  Seite  die  Heranziehung  der  foffilen  Kohlen  für  die  unermeßlichen ­
  Bedürfniffe  der  Induftrie  und  des  täglichen  Lebens
als  eine  Maßregel  gegen  die  »Verwüftung«  der  Wälder  preifen,
fo  ziehen  wir  bei  diefer  Freude  nicht  in  Betracht,  daß  eben
diefe  Kohlen  uns  untere  Kunftwerke  verwüften.  Ich  meine  nicht
nur  den  Rauch  und  Ruß,  obwohl  diefe  Feinde  fchlimm  genug
find,  denn  fie  belegen  das  Kunftwerk  nur  von  außen,  und  es
ift  oft  möglich,  einen  hinreichenden  Schutj  gegen  die  immerhin
ziemlich  groben  Waffen  diefes  Gegners  zu  befchaffen.  Der  eigentliche ­
  Feind  ift  vielmehr  der  Schwefelgehalt  der  Steinkohle,  der
in  gasförmige  fchweflige  Säure  übergeht  und  in  diefer  Geftalt
überall  eindringt,  wo  die  Luft  Zutritt  findet.  An  den  Gegenftänden
  fet)t  fie  fich  ab,  indem  fie,  wie  die  Wiffenfchaft  es  nennt,
»abforbiert«  wird,  und  verwandelt  fich  dort  in  zerftörende
Scbwefelfäure.  Hat  fich  ein  wenig  davon  gebildet,  fo  ift  dies
ein  Grund,  daß  fich  noch  mehr  fammelt.  Denn  die  Schwefel»
fäure  zieht  die  Feuchtigkeit  an,  und  diefe  wieder  die  fchweflige
Säure.  Es  ift  wie  eine  Bakterieninfektion,  denn  ein  jeder  örtlich
zuftande  gekommene  Angriff  macht  eben  diefe  Stelle  noch  wehr»
lofer,  als  fie  vorher  fchon  war.  □
In  diefer  Beziehung  ift  eine  moderne  Stadt  gründlich  verfchieden
  von  einer,  wie  fie  bei  uns  noch  bis  vor  hundert  Jahren
beftand,  wo  die  Holzheizung  der  Häufer  allgemein  war,  und
keine  Mafchineninduftrie  die  Luft  mit  ihrem  gasförmigen  Abfall
erfüllte.  Alle  unfere  traditionellen  Vorftellungen  über  geeignetes
und  haltbares  Material  für  Kunftwerke  beruhen  auf  den  Erfahrungen ­
  aus  den  fteinkohlefreien  und  daher  auch  fchwefelfreien
  Zeiten  und  haben  gar  keine  Bedeutung  mehr  gegenüber
den  gegenwärtigen  Verbältniffen.  Diefe  zwingen  uns  vielmehr,
unfere  Anfichten  von  Grund  aus  zu  reformieren.  □
So  galt  und  gilt  Ultramarin  als  eine  der  allerbeftändigften
Farben,  die  es  gibt.  Als  ich  vor  einigen  Jahren  eine  Anzahl
Täfelchen  mit  verfchiedenen  Farbftoffproben  (beiläufig  zu  ganz
anderen  Zwecken)  im  Garten  des  pbyfikalifcb-chemifcben  Inftituts
zu  Leipzig  dem  Wind  und  Wetter  ausfetjte,  war  ich  überrafcht,
die  Ultramarinproben  bereits  nach  wenigen  Monaten  verändert
zu  finden:  der  Überzug  war  an  vielen  Stellen  weißlich  »grau

*  Die  folgenden  flusfübrungen  des  berühmten  Chemikers  erhalten
erhöhte  Bedeutung  im  Hinblick  auf  die  alarmierenden  Nachrichten  über
den  bedenklichen  Zuftand,  in  dem  fich,  wie  die  Prüfung  durch  eine
Kommiffion  ergab,  das  Geftein,  vor  allem  der  ornamentale  Schmuck
des  Kölner  Doms  befindet.  a

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