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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

geworden.  Das  war  nicht  etwa  die  berüchtigte  »Ultramarinkrankheit« ­
  der  Bilder,  denn  diefe  kommt  nur  bei  Ölgemälden  vor,
und  meine  Hufträge  waren  mit  Kafein  bergeftellt,  fondern  es
bandelte  fleh  einfach  um  die  wohlbekannte  Zerftörung  des
Ultramarins  durch  Säuren,  durch  welche  diefes  in  eine  weißliche
Maffe  unter  Schwefelwafferftoffentwicklung  verwandelt  wird.
Und  dabei  war  mein  Garten  nicht  etwa  inmitten  der  Stadt  und
in  der  Nähe  von  Fabriken  gelegen;  er  befindet  ficb  vielmehr
zwifchen  einem  Friedhof  und  dem  botanifchen  Garten  am  äußerften
Rande  der  Stadt.  Aber  die  in  den  Feuerftätten  der  Stadt  gebildete ­
  Schwefelfäure  war  gelegentlich  durch  die  Winde  herüber»
getragen  worden  und  batte  in  fo  kurzer  Zeit  die  Zerftörung
bewirkt.  Entfpredbende  Proben,  die  ich  auf  dem  Lande  an»
geftellt  habe,  laffen  von  diefer  Einwirkung  nichts  erkennen.
Hier  find  die  Verhältniffe  nämlich  noch,  wie  fie  früher  allgemein
waren.  □
Dies  ift  keineswegs  der  einzige  Fall,  in  welchem  fich  die  Schädlichkeit ­
  der  modernen  Stadtluft  geltend  macht.  Huch  die  Bronze  der
Denkmäler  wird  durch  die  Säure  im  Verein  mit  dem  Luftfauerftoflr
ftark  angegriffen.  Überall,  wo  etwa  ein  Standbild  oder  auch  nur
ein  Relief,  ein  Ornament  von  Bronze  fich  in  Berührung  mit
hellem  Marmor  befindet,  erkennt  man  den  Weg  des  Regenwaffers
  durch  eine  grüngefärbte  Bahn.  Huf  dem  Metall  hat  fich
nämlich  lösliches  Kupferfulfat  gebildet,  welches  durch  den  Regen
nach  unten  über  den  Marmor  geführt  wird;  diefer  aber  fchlägt
aus  der  Löfung  feftes  Kupferkarbonat  nieder,  welches  auf  dem
Marmor,  nämlich  zwifeben  deffen  Poren  bleibt  und  die  grüne
Färbung  bewirkt.  Gleichzeitig  wird  die  Oberfläche  des  Metalls
angegriffen  und  verliert  ihre  Glätte;  fie  bildet  dadurch  eine
Hblagerungsftätte  für  den  Ruß  und  nimmt  unvermeidlich  das
bekannte  bäßlich-ftumpfe  Husfeben  an,  das  den  beftändigen
Kummer  unferer  Künftler  ausmacht.  Huch  diefe  Erfcheinungen
find  erft  feit  dem  Scbwefelfäuregebalt  der  Stadtluft  eingetreten.
Sandftein,  Kalkftein  und  der  »edle«  Marmor  find  nicht  minder
den  Angriffen  desfelben  Feindes  wehrlos  preisgegeben.  Die
beiden  letjteren  befteben  aus  Katziumkarbonat,  das  von  Schwefelfäure ­
  ohne  weiteres  angegriffen  und  in  einen  Brei  von  wafferlöslichem
  Gips  verwandelt  wird.  Beim  Sandftein  ift  zwar  das
Material  felbft,  die  guarzkörnchen,  fäurefeft.  Dagegen  beftebt
das  Bindemittel,  das  die  lofen  Körnchen  zufammenkittet,  in
vielen  Fällen  gleichfalls  aus  Kalziumkarbonat,  ift  alfo  der  gleichen
Zerftörung  ausgefetjt.  Ja,  diefe  ift  hier  noch  wirkfamer,  denn
da  es  ficb  nur  um  einen  in  geringer  Menge  anwefenden  Kitt
handelt,  der  durch  die  Säure  zerftört  wird,  fo  dringt  die  Wirkung ­
  bei  einer  gegebenen  Säuremenge  entfpreebend  tiefer.
Kalkftein  und  Marmor  erleiden  dagegen  unter  allen  Um»
ftänden  die  regelmäßigen  Angriffe  durch  die  Säure  der  Stadtluft. ­
  Das  klaffifche  Land  diefer  Zerftörungen  ift  England,  wo
einerfeits  eine  ungewöhnlich  große  Zahl  alter  Gebäude  fich  durch
die  Stürme  der  Zeiten  hat  retten  können,  andererfeits  aber
durch  die  Wohlfeilheit  der  Steinkohlen  und  durch  die  nationale
Gewohnheit,  in  den  Kaminen  den  zehnfachen  Betrag  der  für
die  Heizung  erforderlichen  Menge  zu  verfebwenden,  die  Luft  in
ganz  ungewöhnlichem  Maße  fäurehaltig  gemacht  wird.  Man
findet  in  Schriften  über  englifche  Lebensgewobnbeiten  oft  den
Kamin  als  einen  befonderen  Vorzug  erwähnt,  da  durch  ihn  die
Luft  in  den  Zimmern  eine  reichliche  Erneuerung  erfährt.  Dies
mag  richtig  fein,  wenn  man  auch  erwägen  wird,  daß  es  noch
andere  und  beffere  Mittel  gibt,  den  Räumen  die  erforderliche
frifche  Luft  zuzufübren.  Was  aber  nicht  in  Hbrede  geftellt  werden
kann,  ift,  daß  eine  ungeheuere  Menge  fchwefliger  Säure  und
ungenügend  verbrannter  Produkte  der  pyrogenen  Zerfetjung
der  Steinkohle  durch  den  Kamin  der  Luft  im  allgemeinen  zugeführt ­

  wird.  Es  febeint  mir  keine  gute  Politik  zu  fein,  die  Luft
draußen  kräftig  zu  verunreinigen  und  dann  dafür  zu  forgen,
daß  diefe  fchledbte  Luft  durch  die  Zimmer  geführt  wird.  Von
diefem  Standpunkte  aus  muß  man  den  Kamin  in  England  nicht
als  einen  nationalen  Vorzug,  fondern  geradezu  als  ein  nationales
Lafter  anfehen,  daß  um  fo  fcbädlicber  wirkt,  als  die  feuchte
Htmofpbäre  der  britifchen  Infein  ohnedies  die  Nebelbildung  erleichtert, ­
  für  welche  der  Kaminrauch  dann  den  allerfchönften
Entwicklungsboden  liefert.  □
Die  aus  Marmor  oder  Kalkftein  gefertigten  Hrchitekturteile
und  Kunftwerke  haben  die  Folgen  diefer  chemifchen  Mißwirtfebaft
  an  ihrem  Leibe  zu  tragen  und  weifen  fie,  Erbarmen
behebend,  dem  Auge  des  Chemikers  dar.  Das  eigentümlich
greifenhafte  Husfehen  aller  diefer  Stücke,  nämlich  weiße  Kruften
auf  einem  rußdunklen  Grunde,  daß  dem  Fremden  in  London
nicht  nur,  fondern  fogar  im  ftillen  Oxford  auflfällt,  beruht  auf
der  Bildung  von  Sulfaten,  welche  unter  Einwirkung  der  Luft»
fäure  entfteben  und  bei  trockenem  Wetter  auskriftallifieren.  Die
genauere  Unterfuchung  läßt  erkennen,  daß  oft  zentimetertief
der  Stein  in  eine  mürbe  Maffe  verwandelt  ift,  die  keinen  Widerftand
  mehr  bietet  und  unter  Umftänden  ernftlicbe  Gefahren  bewirken ­
  kann.  Der  eklatante  Mißerfolg  der  Freskotechnik  in
unferer  Zeit  bat  die  gleiche  chemifche  Urfache,  denn  das  Bindemittel ­
  ift  hier  wieder  Kalziumkarbonat.  Das  ift  ein  Zuftand,
dem  auch  untere  Marmorwerke  in  den  Großftädten  unwiderruflich ­
  entgegengehen,  wenn  nicht  Hbbilfe  getroffen  wird.  □
Diefe  Abhilfe  kann  von  zwei  Seiten  kommen,  und  es  wird
am  beften  fein,  beide  Wege  ins  Auge  zu  faffen.  Erftens  muß
man  das  Material,  daß  der  modernen  Luft  nicht  mehr  wider«
ftehen  kann,  durch  ein  anderes  erfe^en,  welches  diefes  leiftet.
Daß  dies  nicht  außerhalb  der  Möglichkeit  liegt,  wird  durch  die
gute  Erhaltung  der  Terrakottareliefs  des  Gräfedenkmals  an  der
Charité  in  Berlin  bewiefen.  Zwar  handelt  es  fich  nur  erft  um
einige  Jahrzehnte,  doch  haben  fich  diefe  immerhin  weit  beffer
erhalten,  als  gleichzeitige  Werke  aus  Stein.  Ebenfo  bleibt  fachgemäß ­
  ausgeführte  Vergoldung  feft  gegen  Säure.  Es  würde  ficb
alfo  darum  bandeln,  mit  den  faft  unbegrenzten  Mitteln  der
heutigen  Wiffenfchaft  und  Technik  neue  Materialien  und  Methoden
zu  entwickeln,  die  dem  Künftler  die  Möglichkeit  gewähren,  monumentale ­
  Kunftwerke  zu  febaffen,  die  auch  in  der  fauren  Luft
der  Großftadt  den  Kampf  ums  chemifche  Dafein  zu  beftehen
vermögen.  Ich  bin  perfönlich  ficher,  daß  es  folcbe  Mittel  gibt;
und  es  wird  nur  eine  Frage  zielbewußter  und  mit  großen
Mitteln  unternommener  Arbeit  fein,  geeignete  Methoden  auszubilden. ­
  □
Der  zweite  Weg  ift  natürlich,  die  fchweflige  Säure  gar  nicht
in  die  Luft  zu  laffen.  Von  den  verfebiedenen  Ausfübrungsformen
diefes  Problems  will  ich  hier  nur  die  radikalfte  erwähnen,
nämlich  die  Kohle  zu  entfdbwefeln,  bevor  man  fie  zur  Verbrennung ­
  zuläßt.  Dies  gefebiebt  beim  Verkoken.  Zwar  nicht
ganz  vollftändig,  aber  doch  in  fo  weitem  Umfange,  daß  ein  erheblicher ­
  Vorteil  erzielt  werden  würde.  Daß  diefer  Weg  gangbar
ift,  geht  aus  der  Tatfacbe  hervor,  daß  die  rohe  Kohle  wertvoller
wird,  wenn  man  fie  verkokt.  Man  gewinnt  hierbei  nicht  nur
Benzol  und  viele  andere  Stoffe,  welche  die  Grundlage  unferer
cbemifchen  Induftrie  bilden,  fondern  auch  der  koftbare  gebundene
Stickftoff  der  Kohle,  der  beim  gewöhnlichen  Verbrennen  rückfichtslos
  verfchwendet  wird,  kann  gewonnen  und  der  Landwirt»
fchaft,  die  nach  ihm  hungert,  zugefübrt  werden.  Ein  großer
Teil  der  Millionen,  die  wir  für  Petroleum  nach  Amerika  fenden
müffen,  könnte  dem  Lande  erhalten  werden,  und  noch  eine
ganze  Reihe  anderer  Vorteile  würden  entftehen,  auf  die  an
diefer  Stelle  nicht  eingegangen  werden  kann.  □

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