geworden. Das war nicht etwa die berüchtigte »Ultramarinkrankheit«
der Bilder, denn diefe kommt nur bei Ölgemälden vor,
und meine Hufträge waren mit Kafein bergeftellt, fondern es
bandelte fleh einfach um die wohlbekannte Zerftörung des
Ultramarins durch Säuren, durch welche diefes in eine weißliche
Maffe unter Schwefelwafferftoffentwicklung verwandelt wird.
Und dabei war mein Garten nicht etwa inmitten der Stadt und
in der Nähe von Fabriken gelegen; er befindet ficb vielmehr
zwifchen einem Friedhof und dem botanifchen Garten am äußerften
Rande der Stadt. Aber die in den Feuerftätten der Stadt gebildete
Schwefelfäure war gelegentlich durch die Winde herüber»
getragen worden und batte in fo kurzer Zeit die Zerftörung
bewirkt. Entfpredbende Proben, die ich auf dem Lande an»
geftellt habe, laffen von diefer Einwirkung nichts erkennen.
Hier find die Verhältniffe nämlich noch, wie fie früher allgemein
waren. □
Dies ift keineswegs der einzige Fall, in welchem fich die Schädlichkeit
der modernen Stadtluft geltend macht. Huch die Bronze der
Denkmäler wird durch die Säure im Verein mit dem Luftfauerftoflr
ftark angegriffen. Überall, wo etwa ein Standbild oder auch nur
ein Relief, ein Ornament von Bronze fich in Berührung mit
hellem Marmor befindet, erkennt man den Weg des Regenwaffers
durch eine grüngefärbte Bahn. Huf dem Metall hat fich
nämlich lösliches Kupferfulfat gebildet, welches durch den Regen
nach unten über den Marmor geführt wird; diefer aber fchlägt
aus der Löfung feftes Kupferkarbonat nieder, welches auf dem
Marmor, nämlich zwifeben deffen Poren bleibt und die grüne
Färbung bewirkt. Gleichzeitig wird die Oberfläche des Metalls
angegriffen und verliert ihre Glätte; fie bildet dadurch eine
Hblagerungsftätte für den Ruß und nimmt unvermeidlich das
bekannte bäßlich-ftumpfe Husfeben an, das den beftändigen
Kummer unferer Künftler ausmacht. Huch diefe Erfcheinungen
find erft feit dem Scbwefelfäuregebalt der Stadtluft eingetreten.
Sandftein, Kalkftein und der »edle« Marmor find nicht minder
den Angriffen desfelben Feindes wehrlos preisgegeben. Die
beiden letjteren befteben aus Katziumkarbonat, das von Schwefelfäure
ohne weiteres angegriffen und in einen Brei von wafferlöslichem
Gips verwandelt wird. Beim Sandftein ift zwar das
Material felbft, die guarzkörnchen, fäurefeft. Dagegen beftebt
das Bindemittel, das die lofen Körnchen zufammenkittet, in
vielen Fällen gleichfalls aus Kalziumkarbonat, ift alfo der gleichen
Zerftörung ausgefetjt. Ja, diefe ift hier noch wirkfamer, denn
da es ficb nur um einen in geringer Menge anwefenden Kitt
handelt, der durch die Säure zerftört wird, fo dringt die Wirkung
bei einer gegebenen Säuremenge entfpreebend tiefer.
Kalkftein und Marmor erleiden dagegen unter allen Um»
ftänden die regelmäßigen Angriffe durch die Säure der Stadtluft.
Das klaffifche Land diefer Zerftörungen ift England, wo
einerfeits eine ungewöhnlich große Zahl alter Gebäude fich durch
die Stürme der Zeiten hat retten können, andererfeits aber
durch die Wohlfeilheit der Steinkohlen und durch die nationale
Gewohnheit, in den Kaminen den zehnfachen Betrag der für
die Heizung erforderlichen Menge zu verfebwenden, die Luft in
ganz ungewöhnlichem Maße fäurehaltig gemacht wird. Man
findet in Schriften über englifche Lebensgewobnbeiten oft den
Kamin als einen befonderen Vorzug erwähnt, da durch ihn die
Luft in den Zimmern eine reichliche Erneuerung erfährt. Dies
mag richtig fein, wenn man auch erwägen wird, daß es noch
andere und beffere Mittel gibt, den Räumen die erforderliche
frifche Luft zuzufübren. Was aber nicht in Hbrede geftellt werden
kann, ift, daß eine ungeheuere Menge fchwefliger Säure und
ungenügend verbrannter Produkte der pyrogenen Zerfetjung
der Steinkohle durch den Kamin der Luft im allgemeinen zugeführt
wird. Es febeint mir keine gute Politik zu fein, die Luft
draußen kräftig zu verunreinigen und dann dafür zu forgen,
daß diefe fchledbte Luft durch die Zimmer geführt wird. Von
diefem Standpunkte aus muß man den Kamin in England nicht
als einen nationalen Vorzug, fondern geradezu als ein nationales
Lafter anfehen, daß um fo fcbädlicber wirkt, als die feuchte
Htmofpbäre der britifchen Infein ohnedies die Nebelbildung erleichtert,
für welche der Kaminrauch dann den allerfchönften
Entwicklungsboden liefert. □
Die aus Marmor oder Kalkftein gefertigten Hrchitekturteile
und Kunftwerke haben die Folgen diefer chemifchen Mißwirtfebaft
an ihrem Leibe zu tragen und weifen fie, Erbarmen
behebend, dem Auge des Chemikers dar. Das eigentümlich
greifenhafte Husfehen aller diefer Stücke, nämlich weiße Kruften
auf einem rußdunklen Grunde, daß dem Fremden in London
nicht nur, fondern fogar im ftillen Oxford auflfällt, beruht auf
der Bildung von Sulfaten, welche unter Einwirkung der Luft»
fäure entfteben und bei trockenem Wetter auskriftallifieren. Die
genauere Unterfuchung läßt erkennen, daß oft zentimetertief
der Stein in eine mürbe Maffe verwandelt ift, die keinen Widerftand
mehr bietet und unter Umftänden ernftlicbe Gefahren bewirken
kann. Der eklatante Mißerfolg der Freskotechnik in
unferer Zeit bat die gleiche chemifche Urfache, denn das Bindemittel
ift hier wieder Kalziumkarbonat. Das ift ein Zuftand,
dem auch untere Marmorwerke in den Großftädten unwiderruflich
entgegengehen, wenn nicht Hbbilfe getroffen wird. □
Diefe Abhilfe kann von zwei Seiten kommen, und es wird
am beften fein, beide Wege ins Auge zu faffen. Erftens muß
man das Material, daß der modernen Luft nicht mehr wider«
ftehen kann, durch ein anderes erfe^en, welches diefes leiftet.
Daß dies nicht außerhalb der Möglichkeit liegt, wird durch die
gute Erhaltung der Terrakottareliefs des Gräfedenkmals an der
Charité in Berlin bewiefen. Zwar handelt es fich nur erft um
einige Jahrzehnte, doch haben fich diefe immerhin weit beffer
erhalten, als gleichzeitige Werke aus Stein. Ebenfo bleibt fachgemäß
ausgeführte Vergoldung feft gegen Säure. Es würde ficb
alfo darum bandeln, mit den faft unbegrenzten Mitteln der
heutigen Wiffenfchaft und Technik neue Materialien und Methoden
zu entwickeln, die dem Künftler die Möglichkeit gewähren, monumentale
Kunftwerke zu febaffen, die auch in der fauren Luft
der Großftadt den Kampf ums chemifche Dafein zu beftehen
vermögen. Ich bin perfönlich ficher, daß es folcbe Mittel gibt;
und es wird nur eine Frage zielbewußter und mit großen
Mitteln unternommener Arbeit fein, geeignete Methoden auszubilden.
□
Der zweite Weg ift natürlich, die fchweflige Säure gar nicht
in die Luft zu laffen. Von den verfebiedenen Ausfübrungsformen
diefes Problems will ich hier nur die radikalfte erwähnen,
nämlich die Kohle zu entfdbwefeln, bevor man fie zur Verbrennung
zuläßt. Dies gefebiebt beim Verkoken. Zwar nicht
ganz vollftändig, aber doch in fo weitem Umfange, daß ein erheblicher
Vorteil erzielt werden würde. Daß diefer Weg gangbar
ift, geht aus der Tatfacbe hervor, daß die rohe Kohle wertvoller
wird, wenn man fie verkokt. Man gewinnt hierbei nicht nur
Benzol und viele andere Stoffe, welche die Grundlage unferer
cbemifchen Induftrie bilden, fondern auch der koftbare gebundene
Stickftoff der Kohle, der beim gewöhnlichen Verbrennen rückfichtslos
verfchwendet wird, kann gewonnen und der Landwirt»
fchaft, die nach ihm hungert, zugefübrt werden. Ein großer
Teil der Millionen, die wir für Petroleum nach Amerika fenden
müffen, könnte dem Lande erhalten werden, und noch eine
ganze Reihe anderer Vorteile würden entftehen, auf die an
diefer Stelle nicht eingegangen werden kann. □
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