Säulenkapitäl, ein Reliefteil als gewöhnlicher Bauftein ergriffen
und verwendet, ein ftummberedtes Organ in der fonft nichts«
tagenden Mauerfläche. □
Der Domplat), einft das Periftyl des Palaftes, ift fürftlich. Das
kleine Leben umflutet diefe Prachtarchitektur, in die fpätere
Kulturen mit unbekümmerter Hand zerftörend oder ändernd
eingegriffen haben. Aber über allen triumphiert die Hoheit der
großzügigen Palaftrefte, die das Bild beherrfchen. □
Die Vergangenheit fchlägt ihr tiefes dunkles Auge auf und
fpiegelt die fernab liegenden Gefchehniffe in der langen Kette
bis auf die Tage der Gegenwart. □
Es war einmal — — — in diefer Märchenfprache reden die
Steine Ragufas, die Zyklopenmauern, die alten Kirchen mit
den Heiligtümern von Tizian, Palma, Baffano u. a., der Roland
mit gezücktem Schwert am Plat) vor der Dogana, die Brunnen
von Onofrio, der prächtige Rektorenpalaft mit feinen phan«
tafievollen Säulenkapitälen und feinem feftlichen Arkadenhof,
die Klofterhöfe der Franziskaner« und Dominikanerorden,
diefe einzigartigen fäulenumringten Gartenhöfe, die den Traum
der mittelalterlichen Kunft nachträumen, eine ftimmungsvolle
Umwandlung des römifchen Gartenhofes, ergreifend in der
Weltentrücktheit und Stille, die unberührt fchien von den be«
wegten Ereigniffen draußen, fo künftlich unberührt, wie der
ganze verborgene, hinter dem großen Arkadenpla^ des großen
Franziskanerklofters gelegene eremitenhaft kleine Kloftergarten,
über dem die Klausnerftimmung alter Meifter liegt, ein Ort der
Ruhe und der Gebete unter blühenden Orangen und Palmen.
Diefes Stadtwefen mit feinen Altersrequifiten blieb als ein
großes Zeremonienbild, eine erhabene Gefte, ein tönendes Pathos,
mit dem die große Hiftorie aus der Vergangenheit herüberfpricht.
Die gewaltigen Baftionen, diefes äußere Machtzeichen der ver«
funkenen Republik, eine bloße Zeremonie! Eine Haupt« und
Staatsaktion, eine tragifche Komödie, die wir indes nicht ohne
Bewunderung und Rührung betrachten können, ergriffen von
dem künftlerifchen Zauber einfacher Maffen und architektonifcher
Ausdrucksmittel, umflort von verblichenem Glanz gewefener
Hoheit, der die Dinge fo bedeutfam macht, den Alltag fo feltfam
verklärt, die Gegenwart fo gefpenftig vertieft und mit Per«
fpektiven umftellt, die das Tote mitten ins Leben hereinrufen.
Die Ragufäer waren Kosmopoliten, wozu fie die Lage ihrer
Stadt beftimmte, die mehr Weltftadt war als irgendeine andere
Dalmatiens. □
Die Gefchichte der Stadt ift bunt, wie ein Spiel Karten, auf
dem alle Völker gezeichnet find, von den Sarazenen und Nor«
mannen bis zu den Franzofen und Engländern, nebft Fürften und
Königen, die in der Stadt Zuflucht oder Gaftfreundfchaft fanden.
Ein ftarres Bild, ein wenig marionettenhaft, aus der zeitlichen
Ferne gefehen, bietet die Verfaffung, die der venezianifchen Welt«
herrfchaft nachgebildet, in dem kleinen Ragufa pomphaft wie
eine Ausftattungskomödie wirken mußte. □
Aber in der Koftümkomödie lag ein feiner Ernft, eine kluge
Berechnung, die wußte, daß in den Augen des Volkes der große
Schein der Dinge die Bedeutung erhöht und die Gemüter in Ehr«
furcht hält. Die Staatsraifon in der Republik jener Zeiten beftand
darin, die Herrfchaft den repräfentativen Adelsfamilien allein vor»
zubehalten und der Bürgerfchaft den Einfluß auf die Staatsge«
fchäfte ganz zu entziehen. In der Tat war in der zur Regierung
berechtigten Partei das diplomatifche Gefchick Tradition geworden.
Wie immer fich die Weltkarte änderte, der Kolibriftaat verftand
es, durch gefchicktes Lavieren eine Welt für fich zu bleiben, die
anfcheinend über den Ereigniffen ftand. □
Es war einmal diefe Märchenfprache redet Dalmatien,
das Land der Zukunft. □
DIE HLTEN WEGE
VON HANS OSTWALD, BERLIN
G roßberlin ift mit Eifer daran gegangen, für fich einen Be«
bauungsplan machen zu laffen. Es fängt an, auf fein fo
vielgefchmähtes Äußere zu achten. Wenn es aber wirklich
ein wenig Schönheit und Anmut erwerben will, dann wird es
nötiger fein, daß auf die vorhandenen kleinen Schönheiten ge«
achtet wird, daß fie behütet und bewahrt werden, als daß mit
großen Koften gewaltfam verfchönt wird. Gerade diefe kleinen
Schönheiten haben ihre Reize. Und fie können dem Städtebild
eine Eigentümlichkeit geben, die es von allen unterfcheidet und
hervorbebt. □
Zu ihnen gehören die alten Wege. □
Da ging einft eine wundervolle Kirfdbenallee von dem alten
Dabtemer Gut aus. Nicht weit hinter den malerifcben Taglöhner»
katen, die um einen richtigen Dorfteich bockten, gabelte fich der
echte zerfahrene Landweg und führte geradeaus nach Lichter«
felde und nach Teltow. Welchen Reiz gab der dem welligen
Gelände! Zu jeder Jahreszeit brachte er neue Farben. Ich er«
innere mich an einen köftlichen Frühlingstag! □
Am lichtblauen Himmel hingen einige weiße Wolken. Die
Getreidefelder leuchteten in frifchem Grün. Die beiden Reiben
der Kirfchbäume batten ihr helles Blütengewand angezogen und
ftrablten gegen den Himmel wie fonntäglicb geputzte junge Mäd«
eben. Auf dem Landweg — die Kirfchbäume begrenzten einen
richtigen fandigen Landweg, in deffen Löchern fich der Regen
fammeln konnte - auf diefem'Weg aber war eine Zigeunergefell«
fchaft flecken geblieben. Zwei - drei grüne Wagen ftaken halb
umgekippt im Sande. Braune, bärtige Männer peitfehten die ab«
getriebenen zottigen Gäule und fluchten in fremder Sprache.
Mehrere Gruppen von buntgekleideten Frauen, denen die febwar«
zen Zöpfe über die Schultern hingen, ftanden dabei, fuchtelten mit
den beringten Händen in der Luft herum und kreifchten und
febimpften. Die Kinder aber — kleine wilde Gefdmpfe im bloßen
Hemd, größere mit frechen Augen - rannten fpielend herum um
die Wagen. Bis plötjlicb eine robufte, rundliche Frau mit großem
Gefchrei alle an die Wagen trieb und felbft anfaßte. Da kamen die
Pferde vorwärts. Das le^te, was von der lärmenden Gefellfcbaft
zu feben war, waren einige grellrote und hellgelbe Tücher, die
zwifchen den blühenden Kirfchbäumen davon flatterten. □
Solche Szenen und Bilder wird es dort nicht mehr zu feben
geben. Die Kirfchenallee ift nicht mehr. Die febwarzen Stämme
und die zwifchen ihnen wuchernden Büfche find abgefcblagen. Der
Landweg ift aufgehoben worden. Nur ganz geringe Refte exi«
ftieren noch. Wer fich bineinlocken läßt, der rennt bald gegen
eine Mauer. Gegen eine häßliche, rote Steinmauer, die hier ganz
abfcheulich wirkt. □
Ganz willkürlich, ohne jede Rückficht auf alte Verbindungen
und ohne jede Rückficbt auf das Gelände find die Straßen hin«
eingezeichnet worden. Das ift der Anfang einer modernen An«
bauung. Was für ein Anfang! Was für ein Ende wird das erft
geben! Das gerade Lineal bat das Bild der Gegend beftimmt,
das Lineal, das fo feböne gerade Striche ziehen läßt. □
Hier war einmal Gelegenheit zu zeigen, wie eine neu erfcbloffene
Gegend hätte geftaltet werden müffen. Da war diefe fchöne alte
Kirfchenallee. Sie hätte als Mittelftück einer breiten Promenade
erhalten werden können und hätte dem neuen Ort einen Reiz
gegeben, wie fie kein anderer Ort bei Berlin bat. Denn die
fauere Kirfche bietet mit ihren Stämmen und ihren Zweigen
einen böcbft eigenartigen Schmuck. Sie ift voller Zartheiten und
Kaprizen. Wie wundervoll fleht im Winter der febwarze Stamm
mit feinen oft ganz willkürlich bald da, bald dorthin geftrecktem
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