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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

Säulenkapitäl,  ein  Reliefteil  als  gewöhnlicher  Bauftein  ergriffen
und  verwendet,  ein  ftummberedtes  Organ  in  der  fonft  nichts«
tagenden  Mauerfläche.  □
Der  Domplat),  einft  das  Periftyl  des  Palaftes,  ift  fürftlich.  Das
kleine  Leben  umflutet  diefe  Prachtarchitektur,  in  die  fpätere
Kulturen  mit  unbekümmerter  Hand  zerftörend  oder  ändernd
eingegriffen  haben.  Aber  über  allen  triumphiert  die  Hoheit  der
großzügigen  Palaftrefte,  die  das  Bild  beherrfchen.  □
Die  Vergangenheit  fchlägt  ihr  tiefes  dunkles  Auge  auf  und
fpiegelt  die  fernab  liegenden  Gefchehniffe  in  der  langen  Kette
bis  auf  die  Tage  der  Gegenwart.  □
Es  war  einmal  —  —  —  in  diefer  Märchenfprache  reden  die
Steine  Ragufas,  die  Zyklopenmauern,  die  alten  Kirchen  mit
den  Heiligtümern  von  Tizian,  Palma,  Baffano  u.  a.,  der  Roland
mit  gezücktem  Schwert  am  Plat)  vor  der  Dogana,  die  Brunnen
von  Onofrio,  der  prächtige  Rektorenpalaft  mit  feinen  phan«
tafievollen  Säulenkapitälen  und  feinem  feftlichen  Arkadenhof,
die  Klofterhöfe  der  Franziskaner«  und  Dominikanerorden,
diefe  einzigartigen  fäulenumringten  Gartenhöfe,  die  den  Traum
der  mittelalterlichen  Kunft  nachträumen,  eine  ftimmungsvolle
Umwandlung  des  römifchen  Gartenhofes,  ergreifend  in  der
Weltentrücktheit  und  Stille,  die  unberührt  fchien  von  den  be«
wegten  Ereigniffen  draußen,  fo  künftlich  unberührt,  wie  der
ganze  verborgene,  hinter  dem  großen  Arkadenpla^  des  großen
Franziskanerklofters  gelegene  eremitenhaft  kleine  Kloftergarten,
über  dem  die  Klausnerftimmung  alter  Meifter  liegt,  ein  Ort  der
Ruhe  und  der  Gebete  unter  blühenden  Orangen  und  Palmen.
Diefes  Stadtwefen  mit  feinen  Altersrequifiten  blieb  als  ein
großes  Zeremonienbild,  eine  erhabene  Gefte,  ein  tönendes  Pathos,
mit  dem  die  große  Hiftorie  aus  der  Vergangenheit  herüberfpricht.
Die  gewaltigen  Baftionen,  diefes  äußere  Machtzeichen  der  ver«
funkenen  Republik,  eine  bloße  Zeremonie!  Eine  Haupt«  und
Staatsaktion,  eine  tragifche  Komödie,  die  wir  indes  nicht  ohne
Bewunderung  und  Rührung  betrachten  können,  ergriffen  von
dem  künftlerifchen  Zauber  einfacher  Maffen  und  architektonifcher
Ausdrucksmittel,  umflort  von  verblichenem  Glanz  gewefener
Hoheit,  der  die  Dinge  fo  bedeutfam  macht,  den  Alltag  fo  feltfam
verklärt,  die  Gegenwart  fo  gefpenftig  vertieft  und  mit  Per«
fpektiven  umftellt,  die  das  Tote  mitten  ins  Leben  hereinrufen.
Die  Ragufäer  waren  Kosmopoliten,  wozu  fie  die  Lage  ihrer
Stadt  beftimmte,  die  mehr  Weltftadt  war  als  irgendeine  andere
Dalmatiens.  □
Die  Gefchichte  der  Stadt  ift  bunt,  wie  ein  Spiel  Karten,  auf
dem  alle  Völker  gezeichnet  find,  von  den  Sarazenen  und  Nor«
mannen  bis  zu  den  Franzofen  und  Engländern,  nebft  Fürften  und
Königen,  die  in  der  Stadt  Zuflucht  oder  Gaftfreundfchaft  fanden.
Ein  ftarres  Bild,  ein  wenig  marionettenhaft,  aus  der  zeitlichen
Ferne  gefehen,  bietet  die  Verfaffung,  die  der  venezianifchen  Welt«
herrfchaft  nachgebildet,  in  dem  kleinen  Ragufa  pomphaft  wie
eine  Ausftattungskomödie  wirken  mußte.  □
Aber  in  der  Koftümkomödie  lag  ein  feiner  Ernft,  eine  kluge
Berechnung,  die  wußte,  daß  in  den  Augen  des  Volkes  der  große
Schein  der  Dinge  die  Bedeutung  erhöht  und  die  Gemüter  in  Ehr«
furcht  hält.  Die  Staatsraifon  in  der  Republik  jener  Zeiten  beftand
darin,  die  Herrfchaft  den  repräfentativen  Adelsfamilien  allein  vor»
zubehalten  und  der  Bürgerfchaft  den  Einfluß  auf  die  Staatsge«
fchäfte  ganz  zu  entziehen.  In  der  Tat  war  in  der  zur  Regierung
berechtigten  Partei  das  diplomatifche  Gefchick  Tradition  geworden.
Wie  immer  fich  die  Weltkarte  änderte,  der  Kolibriftaat  verftand
es,  durch  gefchicktes  Lavieren  eine  Welt  für  fich  zu  bleiben,  die
anfcheinend  über  den  Ereigniffen  ftand.  □
Es  war  einmal  diefe  Märchenfprache  redet  Dalmatien,
das  Land  der  Zukunft.  □

DIE  HLTEN  WEGE
VON  HANS  OSTWALD,  BERLIN
G roßberlin  ift  mit  Eifer  daran  gegangen,  für  fich  einen  Be«
bauungsplan  machen  zu  laffen.  Es  fängt  an,  auf  fein  fo
vielgefchmähtes  Äußere  zu  achten.  Wenn  es  aber  wirklich
ein  wenig  Schönheit  und  Anmut  erwerben  will,  dann  wird  es
nötiger  fein,  daß  auf  die  vorhandenen  kleinen  Schönheiten  ge«
achtet  wird,  daß  fie  behütet  und  bewahrt  werden,  als  daß  mit
großen  Koften  gewaltfam  verfchönt  wird.  Gerade  diefe  kleinen
Schönheiten  haben  ihre  Reize.  Und  fie  können  dem  Städtebild
eine  Eigentümlichkeit  geben,  die  es  von  allen  unterfcheidet  und
hervorbebt.  □
Zu  ihnen  gehören  die  alten  Wege.  □
Da  ging  einft  eine  wundervolle  Kirfdbenallee  von  dem  alten
Dabtemer  Gut  aus.  Nicht  weit  hinter  den  malerifcben  Taglöhner»
katen,  die  um  einen  richtigen  Dorfteich  bockten,  gabelte  fich  der
echte  zerfahrene  Landweg  und  führte  geradeaus  nach  Lichter«
felde  und  nach  Teltow.  Welchen  Reiz  gab  der  dem  welligen
Gelände!  Zu  jeder  Jahreszeit  brachte  er  neue  Farben.  Ich  er«
innere  mich  an  einen  köftlichen  Frühlingstag!  □
Am  lichtblauen  Himmel  hingen  einige  weiße  Wolken.  Die
Getreidefelder  leuchteten  in  frifchem  Grün.  Die  beiden  Reiben
der  Kirfchbäume  batten  ihr  helles  Blütengewand  angezogen  und
ftrablten  gegen  den  Himmel  wie  fonntäglicb  geputzte  junge  Mäd«
eben.  Auf  dem  Landweg  —  die  Kirfchbäume  begrenzten  einen
richtigen  fandigen  Landweg,  in  deffen  Löchern  fich  der  Regen
fammeln  konnte  -  auf  diefem'Weg  aber  war  eine  Zigeunergefell«
fchaft  flecken  geblieben.  Zwei  -  drei  grüne  Wagen  ftaken  halb
umgekippt  im  Sande.  Braune,  bärtige  Männer  peitfehten  die  ab«
getriebenen  zottigen  Gäule  und  fluchten  in  fremder  Sprache.
Mehrere  Gruppen  von  buntgekleideten  Frauen,  denen  die  febwar«
zen  Zöpfe  über  die  Schultern  hingen,  ftanden  dabei,  fuchtelten  mit
den  beringten  Händen  in  der  Luft  herum  und  kreifchten  und
febimpften.  Die  Kinder  aber  —  kleine  wilde  Gefdmpfe  im  bloßen
Hemd,  größere  mit  frechen  Augen  -  rannten  fpielend  herum  um
die  Wagen.  Bis  plötjlicb  eine  robufte,  rundliche  Frau  mit  großem
Gefchrei  alle  an  die  Wagen  trieb  und  felbft  anfaßte.  Da  kamen  die
Pferde  vorwärts.  Das  le^te,  was  von  der  lärmenden  Gefellfcbaft
zu  feben  war,  waren  einige  grellrote  und  hellgelbe  Tücher,  die
zwifchen  den  blühenden  Kirfchbäumen  davon  flatterten.  □
Solche  Szenen  und  Bilder  wird  es  dort  nicht  mehr  zu  feben
geben.  Die  Kirfchenallee  ift  nicht  mehr.  Die  febwarzen  Stämme
und  die  zwifchen  ihnen  wuchernden  Büfche  find  abgefcblagen.  Der
Landweg  ift  aufgehoben  worden.  Nur  ganz  geringe  Refte  exi«
ftieren  noch.  Wer  fich  bineinlocken  läßt,  der  rennt  bald  gegen
eine  Mauer.  Gegen  eine  häßliche,  rote  Steinmauer,  die  hier  ganz
abfcheulich  wirkt.  □
Ganz  willkürlich,  ohne  jede  Rückficht  auf  alte  Verbindungen
und  ohne  jede  Rückficbt  auf  das  Gelände  find  die  Straßen  hin«
eingezeichnet  worden.  Das  ift  der  Anfang  einer  modernen  An«
bauung.  Was  für  ein  Anfang!  Was  für  ein  Ende  wird  das  erft
geben!  Das  gerade  Lineal  bat  das  Bild  der  Gegend  beftimmt,
das  Lineal,  das  fo  feböne  gerade  Striche  ziehen  läßt.  □
Hier  war  einmal  Gelegenheit  zu  zeigen,  wie  eine  neu  erfcbloffene
Gegend  hätte  geftaltet  werden  müffen.  Da  war  diefe  fchöne  alte
Kirfchenallee.  Sie  hätte  als  Mittelftück  einer  breiten  Promenade
erhalten  werden  können  und  hätte  dem  neuen  Ort  einen  Reiz
gegeben,  wie  fie  kein  anderer  Ort  bei  Berlin  bat.  Denn  die
fauere  Kirfche  bietet  mit  ihren  Stämmen  und  ihren  Zweigen
einen  böcbft  eigenartigen  Schmuck.  Sie  ift  voller  Zartheiten  und
Kaprizen.  Wie  wundervoll  fleht  im  Winter  der  febwarze  Stamm
mit  feinen  oft  ganz  willkürlich  bald  da,  bald  dorthin  geftrecktem

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