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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

Unter  allen  fozialen  Änderungen,  die  die  franzöfifebe  Revolution
mit  ficb  brachte,  fällt  eine  wohl  am  meiften  in  die  Äugen;  das
Geld  ift  in  andere  Hände  übergegangen  und  wird  folglich  au*
zu  anderen  Zwecken  als  vorher  gebraucht.  Damit  verfchwanden
alle  Handwerke,  die  ungeeignet  fchienen,  das  neue  Ziel,  d.  h.
»Reichtum«,  zu  erlangen;  und  andere,  die  den  Handwerkern,
die  fie  ausübten,  nur  einen  fehr  befcheidenen  Wobtftand  verfchafft
  batten,  wurden  mittels  neuer  Formeln  und  einer  neuen
kommerziellen  und  induftriellen  Organifation  ausgebeutet,  einer
Organifation,  die  diefe  Handwerke  den  neuen  fozialen  Bedin«
gungen  anpaßte.  Gegen  eine  folcbe  Entwicklung  hätte  niemand
fiegreich  kämpfen  können,  und  übrigens  waren  die  in  Bewegung
gefegten  Kräfte  mächtig  genug,  allem  zu  widerfteben.  □
Die  Überzeugung,  daß  wir  uns  alle  bereichern  müffen,  liegt
in  dem  Wefen  der  heutigen  Zeit;  diefer  Gedanke  bat  die  Menfcb«
heit  zu  den  wunderbarften  Entdeckungen  geführt,  und  uns  ward
das  ungeheure  Glück,  fie  als  die  erften  genoffen  zu  haben.  Es
febeint  wirklich,  als  ob  unfere  Generation  darin  befonders  be*
vorzugt  fei  und  ich  hege  die  Überzeugung,  daß  fie  zu  großen
Dingen  auserfeben  ift;  unter  ihnen  wird  die  definitive  Feft«
legung  des  Stils  unferer  Epoche  wohl  eins  der  glorreicbften  fein.
Selbft  der  Gedanke,  daß  wir  uns  alle  bereichern  müffen,  ift
mir  heilig.  □
Wenn  man  ein  wenig  naebdenkt,  erfebeint  es  natürlich,  daß,
fobald  ein  folcber  Gedanke  die  Menfcbbeit  überfiel,  die  ficb  bis
dabin  unter  dem  Druck  eines  Klaffenideals  entwickelt  hatte,  das
böcbftens  einigen  unter  ihnen  erlaubte,  ficb  zu  bereichern  und
über  alte  materiellen  Güter  zu  verfügen.  Wenn  man  darüber
ein  wenig  naebdenkt,  findet  man  es  natürlich,  daß  nach  der
franzöfifeben  Revolution  von  1793  die  verirrte  Menfcbbeit  zu
den  wirkfamften  Mitteln  griff,  um  fo  fcbnell  wie  möglich  diefe
Sucht  nach  Bereicherung  zu  befriedigen.  Hus  der  Gleicbberecb*
tigung  Aller  folgte,  daß  alle  Mittet  zur  Hnwendung  gut  fchienen,
und  daß  vorzugsweife  die  gebraucht  wurden,  die  am  fcbnellften
zum  neuen  Ziele  führten.  □
Diefer  Augenblick  bezeichnet  den  Umfchwung,  der  zur  Herr«
fchaft  des  Häßlichen  führte,  etwas  derart  Häßlichem,  daß  noch
kein  Jahrhundert  etwas  Ähnliches  gefehen  hatte.  Inftinktiv
fühlten  Handwerker  und  Arbeiter,  daß  die  Schönheit  an  diefem
Jabrbundertende  tot  war  und  daß,  um  das  neue  Ziel  ihrer
Exiftenz  erreichen  und  die  neue  gebieterifche  Pflicht  erfüllen
zu  können,  fie  nicht  mehr  daran  denken  durften,  die  Wünfcbe
zu  befriedigen,  die  die  Menfcben  nicht  mehr  batten.  Die  Schön»
heit  lag  als  treuer  Diener  auf  den  Leichen  derer  begraben,
denen  fie  gedient  batte  -  auf  den  Leichen  derer,  die  ihrem
Kultus  wirklich  gehuldigt  batten.  Dennoch  glaubte  ich,  daß  die
Menfcben  zur  Zeit  der  franzöfifchen  Revolution  die  Schönheit
ebenfowenig  haßten,  als  fie  nach  meiner  Meinung  die  Adligen,
Priefter  und  Könige  wirklich  gehaßt  haben.  Die  franzöfifche
Revolution  war  vielmehr  ein  Ausbruch  unbezwingbarer  Urkraft,
die  in  die  Welt  gefcbleudert  wurde,  wie  wenn  ein  Wildbach,
der  durch  irgendein  Naturereignis  auf  einem  Gipfel  plötjlicb
entftanden  ift,  feine  wilden  tobenden  Waffer  herabftürzt  und
Blöcke  und  Felsftücke  mit  ficb  reißt.  □
Die  Kultur  der  antiken  Welt  verfchwand  fo  durch  einen  Ausbruch ­
  von  unabwendbaren  Kräften.  Die  Kultur  des  Mittelalters
und  der  Renaiffance  ftürzte  auf  diefelbe  Weife  unter  einem  neuen
Ausbruch  von  brutalen  Kräften  zufammen.  Nur  die  Schwachen
klagen  über  diefe  unabänderlichen  Dinge,  die  Starken  ftaunen
im  Gegenteil  über  diefes  fruchtbare  und  machtvolle  Wechfelfpiel.
Ganz  allein  nach  der  Schönheit  febreien,  während  die  ganze
Menfcbbeit  nach  Gewinn  febrie,  und  ficb  einbilden,  daß  man  die
Stimme  eines  einzelnen  hören  würde,  das  hieß  fich  unvernünftigerweife ­

  Illufionen  bingeben.  Und  die  Unvernunft  wäre
noch  um  fo  größer,  wenn  man  dem,  was  einen  fo  herrlichen
Auffchwung  nimmt  und  fo  glänzende  pekuniäre  Erfolge  erzielt,
nur  das  gegenüber  zu  ftellen  fände,  was  früher  vor  diefer
Revolution  exiftiert  hat.  □
Der  englifche  Äftbetiker  Ruskin  wagte  es  trotzdem,  den  unvernünftigen ­
  Vorfchlag  zu  machen,  die  mittelalterliche  Tradition
wieder  aufzunehmen  und  die  aufgehobenen  Innungen,  ihre
Regeln  und  Gebräuche  wieder  einzuführen;  Ruskin  fchlug  vor,
auf  den  induftriellen  Betriebsmodus  zu  verzichten  und  die
Fabriken  zu  unterdrücken,  weil  diefe  die  Landfchaften,  die  er
liebte,  in  Rauch  hüllten;  Ruskin  verwünfehte  die  Eifenbahnzüge,
weil  fie  in  dem  Augenblick  pfiffen,  wo  er  dem  Raufeben  eines
kleinen  Baches  laufchte.  □
Es  ift  zu  bewundern,  wie  zähe  und  eigenfinnig  Ruskin  an
feinen  nu^lofen  Klagen  feftbielt,  die  wirklich  keinen  andern
praktifchen  Zweck  hatten,  als  daß  fie  die  Geduld  der  Künftler
und  der  Fanatiker  der  Schönheit  ftärkten  und  die  Zeit,  da  diefe
auf  die  Schönheit  warten  mußten,  verkürzen  halfen.  □
Die  Künftler  nahmen  inzwifchen  heftig  Stellung  gegen  die
Induftriellen,  und  dadurch  wurde  die  Schönheit  noch  mehr  aus
Gebieten  verbannt,  über  die  die  Induftriellen  um  fo  aufmerk»
famer  wachten,  als  fie  überzeugt  waren,  ihr  Ziel,  d.  h.  »Geld  zu
verdienen«,  nur  dadurch  zu  erreichen,  daß  fie  die  Schönheit
ganz  fyftematifch  aus  dem  Bereich  ihrer  Fabrikation  ausfchloffen.
Das  Kapital  und  die  Art  und  Weife  feiner  nutzbringenden
Anwendung  änderten  den  Grundgedanken  der  induftriellen  Wirt»
fchaft  derart,  daß  ihre  Bafis  eine  ganz  andere  wurde.  □
Vor  der  Abfchaffung  der  Zünfte,  welche  die  Bedingungen
feftfetzte,  die  ein  Gefelle  erfüllt  haben  mußte,  ehe  er  Meifter
werden  konnte,  und  die  ihm  die  moralifchen  Pflichten  diefer
Würde  auferlegten,  vor  der  Abfchaffung  der  Zünfte,  in  denen
die  franzöfifche  Revolution  nur  die  Befeftigung  eines  Privilegiums
erkennen  konnte,  das  übrigens  zu  einem  wahren  Mißgebrauch
ausgeartet  war,  konnte  den  Handwerkern  nur  der  eine  Gedanke
in  den  Sinn  kommen:  den  Konkurrenten  durch  beffere  Arbeit
zu  überbieten.  □
Diefe  Überzeugung  übertrug  fich  vom  Meifter  auf  den  Gefellen,
vom  Gefellen  auf  den  Lehrling;  fie  gab  der  Handarbeit  den
moralifchen  Wert.  Diefe  Moralität  und  der  Wert  der  Handarbeit ­
  wurden  von  den  führenden  Klaffen  anerkannt,  die  genau
wußten,  was  fie  wollten  und  in  diefem  Wunfcbe  felbft  eine
Tradition  faben.  □
Nach  der  Abfchaffung  des  Zunftgefeljes  änderten  fleh  die  Bedingungen ­
  der  Konkurrenz  derart,  daß  es  nicht  mehr  darauf
ankam,  es  am  beften  zu  machen  und  gewiffenbaft  die  von  einer
Kundfcbaft  beftimmt  ausgedrückten  Wünfcbe  zu  befriedigen;  im
Gegenteil,  die  Handwerker  wetteiferten  nun  in  der  fcblechten
Maffenausfübrung  der  Gegenftände,  welche  die  Abnehmer  nur
deshalb  befriedigen  konnten,  weil  fie  nicht  mehr  wußten,  was
fie  wollten.  □
Die  abfolute  Freiheit  in  der  Ausübung  der  verfchiedenen
Handwerke  zog  bald  Leute  herbei,  die  das  ausnu^ten  und  fleh
keine  Gedanken  darüber  machten,  die  Handwerke  fchlecht  zu
betreiben,  und  was  früher  unmöglich  gewefen  wäre,  wurde  jetzt
nicht  nur  möglich,  fondern  fogar  notwendig.  Die  Gegenftände,
die  der  Handwerker  bis  jetzt  nur  auf  Beftellung  langfam  und
ehrfurchtsvoll  angefertigt,  für  die  er  das  Material  lange  vorher
vorbereitet  und  unter  vielem  andern  mit  Liebe  ausgewäblt
batte,  die  er  dem  geduldigen  Kunden  dann  endlich  ablieferte,
der  die  Langfamkeit,  die  Sorgfalt  und  auch  den  Lohn  des  Handwerkers ­
  ehrte,  diefe  Gegenftände,  die  den  Stempel  der  Individualität ­
  des  Handwerkers,  fowie  auch  den  des  Beftellers  trugen,

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