GIULIHNO DH SAN GHLLO: »Mein Sinn war auf die Ecke
der Kirche gerichtet, gerade wo Cofimo getagt hat und die
Statue von den Huf» und Hbgehenden gefehen wird; aber nachdem
fie eine öffentliche Sache ift, mit Rückficht auf die Unvollkommenheit
des Marmors, weil der zart und fpröde ift und
fchon unter Waffer war und mir da nicht dauerhaft fchien, drum
habe ich mir aus diefem Grund gedacht, daß fie im Mittelbogen
der Loggia de’ Signori gut ftünde, oder auch in der Mitte, fo
daß man rings herum gehen könnte, oder auf der Seite rückwärts
mitten an der Wand, mit einer fchwarzen Nifche hinter
fich, nach flrt eines Kapellchens; denn wenn Ihr fie in den Regen
ftellt, wird fie rafch verdorben fein: verlangt bedeckt zu fteben.«
DER ZWEITE HEROLD: »Ich fehe mir die flusfage von allen
an und wie jeder mit gutem Sinn die verfchiedenften Arten in
Hbficht habe: und wenn ich mir die Art in bezug auf Eis und
Froft anfchaue, bin ich drauf gekommen, daß die Statue unter
Dach ftehen muß und daß ihr Platj in der genannten Loggia ift,
und im Bogen nädbft dem Palafte, und da bedeckt ftehen und
geehrt fein, mit Hinficht auf den Palaft; und wenn unter dem
Mittelbogen, fo durchbräche das die Ordnung der Ceremonien,
welche die Signori und die anderen Magiftrate dort vornehmen.«
(Auf dem Rande:) Diefes fügte er fpäter bei, nach dem Ausfpruch
aller übrigen, auf die letjt: »Und ehe Eure Magnifizenzen verfügen,
wo fie zu ftehen hat, verhandelt es mit der Signori, weil
gute Köpfe darunter find.« □
ANDREA, genannt EL RICCIO (Krauskopf), der Goldfehmied:
»Ich ftimme zu, wo Meffer Francesco der Herold fagte, und daß
fie da gedeckt ftünde und höher geachtet wäre und mehr angefehen,
als wenn fie nur zum Verderben wäre, und fie beffer
gefebütjt fteben müßte und die Auf» und Abgebenden nur her»
kommen follten um zu febauen, und nicht fo ein Ding den Leuten
Entgegenkommen, und wir und die Herumfpazierenden fie auf»
fueben und nicht die Figur uns auffuchen müßte.« □
LORENZO DELLA GOLPAJA: »Ich ftimme dem Ausfpruch
des Herolds von vorher bei und dem Riccio und dem Giuliano
da San Gallo.« D
BI AGIO DER MALER: »Ich glaube, daß weife geredet worden
ift und ich bin von diefer Meinung, daß am beften wäre, wo es
Giuliano gefagt bat, indem man fie ganz rückwärts aufftellt, daß
fie die Ceremonien der Ämter nicht ftört, die in der Loggia
ftattflnden, oder wirklich auf die Treppe.« □
BERNARDO DI MARCHO: »Ich ftütje mich auf Giuliano da
San Gallo und fcheint mir von gutem Verftand und ich gebe
mit befagtem Giuliano aus den Gründen, die er gefagt hat.« □
LEONARDO DI SER PIERO DA VINCI: »Ich beftätige, daß
die Figur in der Loggia fteben muß, dort, wo es genannter
Giuliano gefagt bat, auf dem Mäuerchen, wo fich neben der
Wand die Spaliere anlebnen, mit fcbicklicbem Ornament und fo,
daß es die Ceremonien der Ämter nicht verdirbt.« □
SALVESTRO: »Man hat alle Orte hergenommen und be«
fprochen und find foviel Sachen gefehen und gefagt worden. Ich
meine, der fie gemacht hat, ift da, ihr den beften Pla^ zu geben.
Ich für mich erachte den vor dem Palaft als den beften, und daß
der fie gemacht bat, nichtsdeftoweniger, wie ich fchon gefagt
habe, beffer als irgendwer den Pla$ wiffen wird, nach dem Aus»
feben und der Art der ganzen Figur.« q
PHILIPPO DI PHILIPPO: »Ich: von allen ift ausgezeichnet ge»
redet worden und glaube doch, daß der Meifter einen noch
befferen Platj habe und länger den Platj bedacht und daß man
von ihm es hören muß, bekräftigend das Reden derer, die ge»
fprochen: daß es nämlich weife gefprochen war.« □
GALLIENO DER STICKER: »Was mich anlangt, nach meiner
Einficht und in Anbetracht der Qualität der Statue, bezeichne,
daß fie gut ftünde, wo der Löwe von der Piazza ift, mit einem s
ornamentierten Unterbau: als welcher Ort für folche Statue
paffend ift, und indem man den Löwen neben das Tor des
Palaftes fe$t, auf den Rand des Mäuerchens.« □
DAVID DER MALER: »Mir kommt vor, Galieno habe einen
Ort genannt, fo würdig wie irgend ein anderer Ort, und daß
gerade dies der angemeffene und bequeme Ort fei; und den
Löwen nur anderswohin fe^en, dorthin, wo er gefagt hat, oder
auf einen anderen Pla^, den man für beffer hält.« □
ANTONIO ZIMMERMANN DA SAN GALLO: »Wenn der Mar»
mor nicht fo empfindlich wäre, der Pla$ des Löwen ift ein guter
Platj, glaube aber nicht, daß fie ihn vertragen könnte, wenn fie
lange Zeit dort ftünde. Daher, nachdem der Marmor empfindlich
ift, meine ich ihm den Platj in der Loggia zu geben, und wenn
das nicht wäre, litten die auf der Straße Vorübergebenden zu
viel Mühe, um fie fo weithin zu feben.« □
MICHELANGELO DER GOLDSCHMIED: »Diefe weifen Männer
haben febr gut gefagt und befonders Giuliano da San Gallo.
Mir kommt vor, daß der Platj an der Loggia gut fei, und wenn
der nicht gefiele, dann in der Mitte des Ratfaales.« □
GIOVANNI DER PFEIFER: »Nachdem ich Euer Erachten fehe,
beftätige ich den Ausfpruch des Giuliano, im Falle man fie fo
ganz fehen könnte, aber man fiebt fie nicht ganz; doch muß
man an den Grund denken, an ihr Ausfehen, an die Öffnung
(Bogenftellung?), an die Wand, an das Dach; deswegen muß
man um fie rings herumgehen können; doch andererfeits könnte V
irgend ein Elender ihr mit einer Stange eins verfemen. Mir
fcheint, fie wäre gut im Hofe des Palaftes, wo es Meffer Francesco
der Herold fagte, und wird dem Autor ein großer Troft
fein, weil es ein Ort wäre, würdig folcher Statue.« □
GIOVANNI CARNUOLE: »Ich war geneigt fie binzufet^en, wo
der Löwe ift, batte aber nicht gedacht, daß der Marmor zart ift und
von Regen oder Kälte verdorben würde: deswegen urteile ich, daß
fie in der Loggia gut ftünde, wo Giuliano da San Gallo gefagt bat.«
GUASPARRE DI SIMONE: »Ich batte gemeint, fie auf die
Piazza di San Giovanni zu fe^en, aber mir fcheint die Loggia
ein paffenderer Ort, da fie empfindlich ift.« □
PIETRO DI COSIMO, Maler: »Ich beftätige den Ausfpruch des
Giuliano di San Gallo und überdies, daß jener zuftimme, der
die Figur gemacht hat, weil er beffer weiß, wie fie zu fteben bat.« «
Diefem fügt der protokollfübrende Schreiber italienifcb bei:
»Die übrigen oben Genannten und Geladenen werden mit ihren
Ausfprüchen der größeren Kürze wegen nicht aufgefchrieben.
Aber ihre Rede war, daß fie fich auf ihre Ausfage von jenen
oben bezögen, und der eine auf den einen und der andere auf
den anderen der obigen Ausfprücbe, ohne Abweichung.« □
So endete, ohne rechte Entfcheidung, die denkwürdige Bera»
tung, die fchon durch die erlauchten Namen der Teilnehmer uns
ehrfürchtige Schauer abringt. Und trot) der Verdunkelung, die
der Sinn der meiften Ausfagen durch das Ungefchick des Protokollführers
erfahren, glaubt man allerlei Charakteriftifcbes darin
noch herauszufüblen. So frappiert einen der trockene Ton im
Gutachten Leonardo da Vincis. Man kann fich als möglich denken,
daß ihm, dem fubtilften Künftler, den die Erde je trug, der
effektvolle Akt feines jung aufftrebenden Nebenbuhlers nicht
gefallen hat, zum mindeften weift er der Statue keinen febr
»ehrenvollen« Pla§, den rückwärts an der Wand der Loggia an, wo
fie ficber nicht febr zur Geltung gekommen wäre. Vafari febreibt
diefe etwas unfreundliche Behandlung der Angelegenheit von
feiten Leonardos dem Ärger zu, den diefer etwa empfunden habe,
weil der Block ihm entgangen war; allein folche Kleinlichkeit ift
dem hoben Sinn Leonardos, der über ganz andere Dinge noch das
Gleichmaß der Seele nicht verloren bat, gänzlich fremd gewefen.
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