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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

GIULIHNO  DH  SAN  GHLLO:  »Mein  Sinn  war  auf  die  Ecke
der  Kirche  gerichtet,  gerade  wo  Cofimo  getagt  hat  und  die
Statue  von  den  Huf»  und  Hbgehenden  gefehen  wird;  aber  nachdem ­
  fie  eine  öffentliche  Sache  ift,  mit  Rückficht  auf  die  Unvollkommenheit ­
  des  Marmors,  weil  der  zart  und  fpröde  ift  und
fchon  unter  Waffer  war  und  mir  da  nicht  dauerhaft  fchien,  drum
habe  ich  mir  aus  diefem  Grund  gedacht,  daß  fie  im  Mittelbogen
der  Loggia  de’  Signori  gut  ftünde,  oder  auch  in  der  Mitte,  fo
daß  man  rings  herum  gehen  könnte,  oder  auf  der  Seite  rückwärts ­
  mitten  an  der  Wand,  mit  einer  fchwarzen  Nifche  hinter
fich,  nach  flrt  eines  Kapellchens;  denn  wenn  Ihr  fie  in  den  Regen
ftellt,  wird  fie  rafch  verdorben  fein:  verlangt  bedeckt  zu  fteben.«
DER  ZWEITE  HEROLD:  »Ich  fehe  mir  die  flusfage  von  allen
an  und  wie  jeder  mit  gutem  Sinn  die  verfchiedenften  Arten  in
Hbficht  habe:  und  wenn  ich  mir  die  Art  in  bezug  auf  Eis  und
Froft  anfchaue,  bin  ich  drauf  gekommen,  daß  die  Statue  unter
Dach  ftehen  muß  und  daß  ihr  Platj  in  der  genannten  Loggia  ift,
und  im  Bogen  nädbft  dem  Palafte,  und  da  bedeckt  ftehen  und
geehrt  fein,  mit  Hinficht  auf  den  Palaft;  und  wenn  unter  dem
Mittelbogen,  fo  durchbräche  das  die  Ordnung  der  Ceremonien,
welche  die  Signori  und  die  anderen  Magiftrate  dort  vornehmen.«
(Auf  dem  Rande:)  Diefes  fügte  er  fpäter  bei,  nach  dem  Ausfpruch
aller  übrigen,  auf  die  letjt:  »Und  ehe  Eure  Magnifizenzen  verfügen, ­
  wo  fie  zu  ftehen  hat,  verhandelt  es  mit  der  Signori,  weil
gute  Köpfe  darunter  find.«  □
ANDREA,  genannt  EL  RICCIO  (Krauskopf),  der  Goldfehmied:
»Ich  ftimme  zu,  wo  Meffer  Francesco  der  Herold  fagte,  und  daß
fie  da  gedeckt  ftünde  und  höher  geachtet  wäre  und  mehr  angefehen,
  als  wenn  fie  nur  zum  Verderben  wäre,  und  fie  beffer
gefebütjt  fteben  müßte  und  die  Auf»  und  Abgebenden  nur  her»
kommen  follten  um  zu  febauen,  und  nicht  fo  ein  Ding  den  Leuten
Entgegenkommen,  und  wir  und  die  Herumfpazierenden  fie  auf»
fueben  und  nicht  die  Figur  uns  auffuchen  müßte.«  □
LORENZO  DELLA  GOLPAJA:  »Ich  ftimme  dem  Ausfpruch
des  Herolds  von  vorher  bei  und  dem  Riccio  und  dem  Giuliano
da  San  Gallo.«  D
BI  AGIO  DER  MALER:  »Ich  glaube,  daß  weife  geredet  worden
ift  und  ich  bin  von  diefer  Meinung,  daß  am  beften  wäre,  wo  es
Giuliano  gefagt  bat,  indem  man  fie  ganz  rückwärts  aufftellt,  daß
fie  die  Ceremonien  der  Ämter  nicht  ftört,  die  in  der  Loggia
ftattflnden,  oder  wirklich  auf  die  Treppe.«  □
BERNARDO  DI  MARCHO:  »Ich  ftütje  mich  auf  Giuliano  da
San  Gallo  und  fcheint  mir  von  gutem  Verftand  und  ich  gebe
mit  befagtem  Giuliano  aus  den  Gründen,  die  er  gefagt  hat.«  □
LEONARDO  DI  SER  PIERO  DA  VINCI:  »Ich  beftätige,  daß
die  Figur  in  der  Loggia  fteben  muß,  dort,  wo  es  genannter
Giuliano  gefagt  bat,  auf  dem  Mäuerchen,  wo  fich  neben  der
Wand  die  Spaliere  anlebnen,  mit  fcbicklicbem  Ornament  und  fo,
daß  es  die  Ceremonien  der  Ämter  nicht  verdirbt.«  □
SALVESTRO:  »Man  hat  alle  Orte  hergenommen  und  be«
fprochen  und  find  foviel  Sachen  gefehen  und  gefagt  worden.  Ich
meine,  der  fie  gemacht  hat,  ift  da,  ihr  den  beften  Pla^  zu  geben.
Ich  für  mich  erachte  den  vor  dem  Palaft  als  den  beften,  und  daß
der  fie  gemacht  bat,  nichtsdeftoweniger,  wie  ich  fchon  gefagt
habe,  beffer  als  irgendwer  den  Pla$  wiffen  wird,  nach  dem  Aus»
feben  und  der  Art  der  ganzen  Figur.«  q
PHILIPPO  DI  PHILIPPO:  »Ich:  von  allen  ift  ausgezeichnet  ge»
redet  worden  und  glaube  doch,  daß  der  Meifter  einen  noch
befferen  Platj  habe  und  länger  den  Platj  bedacht  und  daß  man
von  ihm  es  hören  muß,  bekräftigend  das  Reden  derer,  die  ge»
fprochen:  daß  es  nämlich  weife  gefprochen  war.«  □
GALLIENO  DER  STICKER:  »Was  mich  anlangt,  nach  meiner
Einficht  und  in  Anbetracht  der  Qualität  der  Statue,  bezeichne,

daß  fie  gut  ftünde,  wo  der  Löwe  von  der  Piazza  ift,  mit  einem  s
ornamentierten  Unterbau:  als  welcher  Ort  für  folche  Statue
paffend  ift,  und  indem  man  den  Löwen  neben  das  Tor  des
Palaftes  fe$t,  auf  den  Rand  des  Mäuerchens.«  □
DAVID  DER  MALER:  »Mir  kommt  vor,  Galieno  habe  einen
Ort  genannt,  fo  würdig  wie  irgend  ein  anderer  Ort,  und  daß
gerade  dies  der  angemeffene  und  bequeme  Ort  fei;  und  den
Löwen  nur  anderswohin  fe^en,  dorthin,  wo  er  gefagt  hat,  oder
auf  einen  anderen  Pla^,  den  man  für  beffer  hält.«  □
ANTONIO  ZIMMERMANN  DA  SAN  GALLO:  »Wenn  der  Mar»
mor  nicht  fo  empfindlich  wäre,  der  Pla$  des  Löwen  ift  ein  guter
Platj,  glaube  aber  nicht,  daß  fie  ihn  vertragen  könnte,  wenn  fie
lange  Zeit  dort  ftünde.  Daher,  nachdem  der  Marmor  empfindlich
ift,  meine  ich  ihm  den  Platj  in  der  Loggia  zu  geben,  und  wenn
das  nicht  wäre,  litten  die  auf  der  Straße  Vorübergebenden  zu
viel  Mühe,  um  fie  fo  weithin  zu  feben.«  □
MICHELANGELO  DER  GOLDSCHMIED:  »Diefe  weifen  Männer
haben  febr  gut  gefagt  und  befonders  Giuliano  da  San  Gallo.
Mir  kommt  vor,  daß  der  Platj  an  der  Loggia  gut  fei,  und  wenn
der  nicht  gefiele,  dann  in  der  Mitte  des  Ratfaales.«  □
GIOVANNI  DER  PFEIFER:  »Nachdem  ich  Euer  Erachten  fehe,
beftätige  ich  den  Ausfpruch  des  Giuliano,  im  Falle  man  fie  fo
ganz  fehen  könnte,  aber  man  fiebt  fie  nicht  ganz;  doch  muß
man  an  den  Grund  denken,  an  ihr  Ausfehen,  an  die  Öffnung
(Bogenftellung?),  an  die  Wand,  an  das  Dach;  deswegen  muß
man  um  fie  rings  herumgehen  können;  doch  andererfeits  könnte  V
irgend  ein  Elender  ihr  mit  einer  Stange  eins  verfemen.  Mir
fcheint,  fie  wäre  gut  im  Hofe  des  Palaftes,  wo  es  Meffer  Francesco ­
  der  Herold  fagte,  und  wird  dem  Autor  ein  großer  Troft
fein,  weil  es  ein  Ort  wäre,  würdig  folcher  Statue.«  □
GIOVANNI  CARNUOLE:  »Ich  war  geneigt  fie  binzufet^en,  wo
der  Löwe  ift,  batte  aber  nicht  gedacht,  daß  der  Marmor  zart  ift  und
von  Regen  oder  Kälte  verdorben  würde:  deswegen  urteile  ich,  daß
fie  in  der  Loggia  gut  ftünde,  wo  Giuliano  da  San  Gallo  gefagt  bat.«
GUASPARRE  DI  SIMONE:  »Ich  batte  gemeint,  fie  auf  die
Piazza  di  San  Giovanni  zu  fe^en,  aber  mir  fcheint  die  Loggia
ein  paffenderer  Ort,  da  fie  empfindlich  ift.«  □
PIETRO  DI  COSIMO,  Maler:  »Ich  beftätige  den  Ausfpruch  des
Giuliano  di  San  Gallo  und  überdies,  daß  jener  zuftimme,  der
die  Figur  gemacht  hat,  weil  er  beffer  weiß,  wie  fie  zu  fteben  bat.«  «
Diefem  fügt  der  protokollfübrende  Schreiber  italienifcb  bei:
»Die  übrigen  oben  Genannten  und  Geladenen  werden  mit  ihren
Ausfprüchen  der  größeren  Kürze  wegen  nicht  aufgefchrieben.
Aber  ihre  Rede  war,  daß  fie  fich  auf  ihre  Ausfage  von  jenen
oben  bezögen,  und  der  eine  auf  den  einen  und  der  andere  auf
den  anderen  der  obigen  Ausfprücbe,  ohne  Abweichung.«  □
So  endete,  ohne  rechte  Entfcheidung,  die  denkwürdige  Bera»
tung,  die  fchon  durch  die  erlauchten  Namen  der  Teilnehmer  uns
ehrfürchtige  Schauer  abringt.  Und  trot)  der  Verdunkelung,  die
der  Sinn  der  meiften  Ausfagen  durch  das  Ungefchick  des  Protokollführers ­
  erfahren,  glaubt  man  allerlei  Charakteriftifcbes  darin
noch  herauszufüblen.  So  frappiert  einen  der  trockene  Ton  im
Gutachten  Leonardo  da  Vincis.  Man  kann  fich  als  möglich  denken,
daß  ihm,  dem  fubtilften  Künftler,  den  die  Erde  je  trug,  der
effektvolle  Akt  feines  jung  aufftrebenden  Nebenbuhlers  nicht
gefallen  hat,  zum  mindeften  weift  er  der  Statue  keinen  febr
»ehrenvollen«  Pla§,  den  rückwärts  an  der  Wand  der  Loggia  an,  wo
fie  ficber  nicht  febr  zur  Geltung  gekommen  wäre.  Vafari  febreibt
diefe  etwas  unfreundliche  Behandlung  der  Angelegenheit  von
feiten  Leonardos  dem  Ärger  zu,  den  diefer  etwa  empfunden  habe,
weil  der  Block  ihm  entgangen  war;  allein  folche  Kleinlichkeit  ift
dem  hoben  Sinn  Leonardos,  der  über  ganz  andere  Dinge  noch  das
Gleichmaß  der  Seele  nicht  verloren  bat,  gänzlich  fremd  gewefen.

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