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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

BETRACHTUNGEN ÜBER DIE KUNST 
VON GIOVANNI SEGANTINI* 
M ein Arbeitsfeld habe ich nach St. Movitj verlegt, welches der 
Mittelpunkt des oberen Engadin ift und wo man auf einen 
kleinen Raum alle Schönheit des Hochgebirges vereint 
findet, davon ich zwei Tryptichen zu malen beabfichtige; ich bin 
fcbon mit aller Leidenfcbaft bei der Arbeit. Diefe werden alles 
Schöne enthalten, von den fchönen Formen bis zu den edlen Ge= 
fühlen, von den großen Linien zu den fchönen Linien, von den 
menfchlichen Gefühlen bis zum göttlichen Gedanken der Natur, 
von den fchönen nackten Formen bis zu den fchönen Formen der 
Tiere, von dem einfachen Gedanken bis zu dem die Symbole ver 
götternden Geifte, vom Aufgang des Mondes bis zum Untergang 
der Sonne, von den fchönen Blumen bis zu dem herrlichen Schnee. 
Ich beuge mich zu diefer gefegneten Erde und küffe die Grashalme 
und Blumen, und während unter dem blauen Himmelszelt die Vög« 
lein fingen und ihre Kreife ziehen und die Bienen den Honig aus 
den offenen Kelchen faugen, trinke ich aus dem reinften Quell, 
wo die Schönheit fich ewig erneut und die beftändig erneuernde 
Liebe allen Dingen neues Leben einflößt — — — — □ 
Trachtet darnach, das Schöne mit aufrichtiger Wahrhaftigkeit 
darzuftellen, und laffet es der körperliche Ausdruck der Seelen 
güte fein! Suchet das Erhabene in der Einfachheit, in lichtvoller 
Verftändlichkeit die Wirkung und die Kraft. □ 
Die Kunft foll neue Empfindungen offenbaren; eine Kunft, die 
den Befchauer gleichgültig läßt, hat kein Recht zu exiftieren. Die 
Eindringlichkeit eines Kunftwerkes fteht im Verhältnis zu der 
Kraft, mit der es vom Künftler bei der Konzeption empfunden 
wurde, und diefe wieder fteht im Verhältnis zur Reinheit und 
Verfeinerung feiner Sinne. □ 
Die Kunft ift nicht nur jene Tätigkeit, die das Schöne hervor 
bringt, fondern fie ift auch die einzige Tätigkeit, die im wahren 
Sinne des Wortes den Reichtum erzeugt. Die materielle Arbeit 
bringt nur dasjenige hervor, was der Menfch verzehrt und was 
eben dazu da ift, daß es verzehrt werde. Die Arbeit aber, die 
unter den Händen eines Künftlers entftand, empfängt eben daher 
einen befonderen Hauch, der von der Erregung des Künftlers im 
Augenblick feines Schaffens ftammt, und der teilt fich alsdann dem 
Befchauer mit und erzeugt fo einen menfcblicb geiftigen Überwert. 
Ich liebe die Güte, die Schönheit, die Gefundheit, die Kraft und 
die Arbeit, lauter Tugenden und Eigenfcbaften, die die Menfchen 
in Gemeinfchaft mit anderen Lebewefen befityen. Die menfcblicbe 
Überlegenheit hingegen beginnt erft da, wo die mechanifche 
Arbeit unterer Hände, wo die rein körperliche Tätigkeit aufhört 
und die Liebe die mit Geift vollführte Arbeit anbebt. □ 
Das Künftlerifche beginnt dort, wo das Tierifche, das Erkünftelte, 
das Banale aufhören. Wenn Ihr an einer Bauernbütte vorbei- 
* Der Maler des Lebens an der Grenze des ewigen Schnees wurde 
am 15. Januar 1857 als Kind armer Eltern geboren; er ftarb im Alter 
von 41 Jahren an den akuten Folgen einer Erkältung. Der fünfzigfte 
Gedenktag, den wir in diefen Tagen feiern, lenkt die Aufmerkfamkeit 
auf die liebevolle Schilderung, die Franz Servaes dem Leben und 
Schaffen diefes Künftlers, der mit Millet in mehr als einer Beziehung 
geht und Ihr febt deren Fenfter voll liebevoll gehaltener Blumen, 
dann dürft Ihr gewiß fein, daß im Inneren diefer Hütte Ordnung 
und Reinlichkeit berrfchen und daß die Menfchen, die darin 
wohnen, keine fcbtecbten Menfchen find. Eben hier beginnt die 
Kunft mit ihren Wohltaten. □ 
Die Gedankenarbeit des modernen Künftlers muß einen freien 
Weg haben zu den lauteren und immer frifchen Quellen der 
Natur, die ewig jung, ewig fchön, ewig jungfräulich ift. Hier 
ruht die heilige Gebärmutter der Kunft, in der fich der Gedanke 
befruchtet und fortpflanzt. Denn das ift die wirkende Kraft der 
Natur, daß die Idee in ihr fich erzeugt und ausreift, und kein 
Dritter tut not, der jenen Strahl, welcher die künftlerifche Ab- 
ficht zum Leben wecken müßte, Euch zuführe und in Euch 
bineinkeile. D 
Der Künftler wird geboren und nicht erzogen: das Phänomen 
der Kunft enthüllt fich in uns, falls wir es befitjen, aber es wird 
uns nicht eingepfropft. Wann wir in uns die Idee zu einem 
Kunftwerk keimen fühlen und alle unfere Kräfte dafür bingeben, 
daß es reife, dann wird es fein, als ob eine Flamme plötzlich 
unfere Seele durchwärme und durchleuchte: die Gewalt diefer 
Flamme ift unwiderfteblich, und lebendig tritt das Kunftwerk 
hervor. a 
Heute wird von den Malern felbft im gleichgültigen Ton ge 
äußert, ein Gemälde fei fchön wegen der Kraft feiner Farben, 
ein anderes wegen der Frifche feines Pinfelftricbes, oder auch 
nur wegen feiner Lichtgebung, oder wegen feiner Tonvorzüge, 
oder wegen der Vollkommenheit feiner Zeichnung, oder wegen 
der allgemeinen Linien der Kompofition, oder wegen der Auf- 
fpürung des Motivs, weil diefes auf fuggeftivem Wege einen 
beftimmten Gefüblsinbalt erzeugt. Alle diefe einzelnen Schön 
heiten find nach meinem Begriff nichts, als die losgetrennten 
Blätter einer Blume. Damit ein Kunftwerk vollendet fei, muß fich 
ereignen, daß alle diefe fchönen Einzelheiten fich miteinander 
verbinden und in Einklang treten, daß fie in ein Ganzes zu- 
fammenfließen, das vollkommen barmonifcb ift. □ 
Als ich den Eltern eines geftorbenen Kindes ihren Schmerz 
lindern wollte, malte ich das Bild »Glaubenstroft im Schmerz«; 
um das Liebesband zweier junger Menfchen zu weihen, malte 
ich »Die Liebe an der Lebensquelle«; um die ganze Seligkeit 
der Mutterliebe fühlen zu laffen, malte ich die »Frucht der Liebe« 
und den »Lebensengel«; als ich die fdblecbten Mütter, die bohlen 
und unfruhtbaren, der Luft lebenden Frauen zühtigen wollte, 
malte ich ihnen zur Zühtigung eine »Hölle der Reinigung«; als 
ich die Quelle alles Übels habe bezeihnen wollen, malte ich die 
»Eitelkeit«. Ich will, daß die Menfhen die guten Tiere lieben, 
die, von denen fie Milch, Fleifcb und Felle gewinnen, und ich 
male »Die beiden Mütter«, die »Liebevolle Mutter« und »Das 
wackere Pferd am Pfluge«, das mit dem Menfhen und für ihn 
arbeitet. Ih malte die Arbeit und die Ruhe nah der Arbeit und 
vor allem malte ih die braven Tiere mit den Augen voller 
Sanftmut. D 
und nur mit diefem verglichen werden kann, gewidmet. Urfprünglicb 
für das von der öfterr. Unterrichtsverwaltung berausgegebene Prachtwerk 
beftimmt, ift der Text nun auch in einer handlichen Buchausgabe bei 
Klinkbardt & Biermann in Leipzig erfcbienen; es ift das einzige Buch 
über Segantini, das verläßlich ift und ein treues Lebensbild des 
Künftlers liefert. □
	        
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