MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

fortfuhren, die Welt mit den feltenen Beifpielen des fchöpfe- 
rifchen Vermögens zu begtüdcen oder - zu erfcbrecken, denn 
Schrecken ift die erfte Empfindung, mit der die träge Gewohn 
heit eine Hnderung des Beharrungsvermögens zur Kenntnis 
nimmt. □ 
Das Ornament van de Veldes ift beftimmt durch die neue 
Linie, la ligne interessante et nouvelle, die durch das moderne 
Gefühl beftimmt ift, wie durch den flachen Bogen der Eifen- 
konftruktion oder durch die auf Sachlichkeit geftellte Konftruk- 
tion eines Tifchlermöbels; was befagen will, daß die Schön 
heitslinie, auf der der Hauptton liegt, durch die in unferer Zeit 
fanatifch hervorgekehrte konftruktive Eigenart dargeboten wird; 
der Künftler, deffen Senfibilität früher ergriffen ift von der 
neuen Offenbarung als der trägere Sinn des noch zu fehr in 
den Gewohnheitsurteilen und Gewohnheitsgefichten befangenen 
Hlltagsnaturen, bildet aus feiner Erkenntnis den neuen ornamen 
talen Stil, der nichts weiter ift, als die neue Schönheitsverkündi 
gung des fachlich gerichteten Geiftes. Huf die religiöfe Spannung 
der Gotik, die in Himmelsfehnfucht die Welt als Blumenpfand zur 
Verherrlichung Gottes in den Domen darbot, wo Stein nicht mehr 
Stein fein wollte, fondern fichtbares Gebet, folgte die Dekorations 
weife des gefteigerten Icbbewußtfeins der Renaiffance, zur 
affektierten Pofe gefteigert im Barock und zur Sentimentalität 
verfüßt im Biedermeier. Die Moderne drückt fich im Konftruk- 
tiven aus, in einem gefteigerten Sachlichkeitsbewußtfein, das die 
Konfequenz der naturwiffenfchaftlichen und technifchen Difziplin 
ift, und diefen modernen Wegen bat van de Velde das adäquate 
Ornament zu geben verfucht, das infofern abftrakt ift, als es 
von allem abftrahiert, was die Überlieferung an durch Jahr 
hunderte hindurch variierten Naturformen darreicht, und im 
wefentlichen in einem rbythmifchen Hkzent von Linien und 
Flächen beftebt, der vielleicht ein Gleichnis zur Rhythmus moder 
ner Konftruktions- und Maßverhältniffe darftellt. □ 
Die Frage ift überflüffig, ob ein einzelner Künftler imftande 
ift, der Zeit ein neues Ornament zu geben, und ob das Be 
dürfnis nach einem folcben Ornament überhaupt vorliegt. Viel 
wichtiger ift, daß das Schaffen diefes Künftlers den Mut ftärkt 
und anfeuert, diefe Zeit fo zu leben, wie es ihrer Hrt und ihrer 
befonderen Schönheit entfpricbt, was, wie mir fcbeint, die 
wenigften verftehen. LIK 
STEIN DHS HUSSEHEN VON EISENWERK, ODER HOLZ 
DAS VON SEIDE, ODER TÖPFERWARE DAS VON STEIN 
ZU GEBEN, IST DAS LETZTE HILFSMITTEL VERFAL 
LENDER KUNST WILLIAM MORRIS 
ICH GLAUBE, DASS MASCHINEN ALLES HERVOR 
ZUBRINGEN VERMÖGEN, NUR KEINE KUNSTWERKE. 
ABER WENN SIE FÜR MASCHINENARBEIT ZU ZEICH 
NEN HABEN, LASSEN SIE WENIGSTENS IN IHRER 
ZEICHNUNG DEUTLICH ERKENNEN, WAS ES FÜR 
ARBEIT IST. MACHEN SIE SIE MECHANISCH DURCH 
UND DURCH UND ZU GLEICHER ZEIT SO EINFACH 
WIE MÖGLICH. VERSUCHEN SIE ZUM BEISPIEL NICHT, 
EINEM GEDRUCKTEN TELLER DAS ANSEHEN EINES 
MIT DER HAND GEMALTEN ZU GEBEN; MACHEN SIE 
IHN SO, WIE IHN NIEMAND, WENN ER MIT DER HAND 
MALTE, ZU MACHEN VERSUCHEN WÜRDE, WENN BE 
DRUCKTE TELLER AUF DEN MARKT GEBRACHT WER 
DEN MÜSSEN WILLIAM MORRIS 
DIE GROSSE STHDT* 
ie große Stadt, die ficbtbarfte und vielleicht eigentümlichfte Frucht 
unferes heutigen Lebens, die augenfälligfte, gefcbloffenfte Geftaltung 
unteres Wirkens und Wollens, ift natürlich fchon immer der Zielpunkt 
maßtofer Hngriffe gewefen. Die große Stadt erfcheint als Symbol, als 
ftärkfter Ausdruck der vom Natürlichen, Einfachen und Naiven abge 
wandten Kultur, in ihr häuft fleh zum Abfcheu aller Gutgefinnten wüfte 
Genußfucht, nervöfe Haft und widerliche Degenerationen zu einem greu 
lichen Chaos. Sie verdirbt die Menfcben, die fie mit trügerifchen Lok« 
kungen an fich zieht, entnervt fie, macht fie fchwächlich, egoiftifch und 
böte. Man höhnt den Städter, daß er keine Heimat habe. Man fchilt 
die unfäglicbe Häßlichkeit der Städte mit ihrem wüften Lärm, ihrem 
Scbmut), ihren dunklen Höfen und ihrer dicken, trüben Luft. Man 
könnte folcbe Meinungsäußerungen auf fich beruhen laffen, wie fo viele 
andere auch, wenn der Städter nicht felbft daran glauben wollte, wenn 
er nicht unter Heimat die niedrige Bauernhütte mit einem fchimmern- 
den Fenfter im dämmernden Abend fich träumen wollte, die er fo gut 
vom Theater her kennt; wenn nicht Taufenden von Menfchen durch 
folches Reden unnüt) das Dafein verkümmert würde. Man kann es ja 
für ein erftrebenswertes Ziel halten, daß die Städte vom Erdboden 
verfchwinden. Vorläufig aber exiftieren fie und müffen fein, follte nicht 
unfere ganze Wirtfchaft in nichts zerfallen. Hunderttaufende müffen in 
Städten leben, und ftatt ihnen eine ungefunde, hoffnungslofe Sehnfucht 
einzupflanzen, wäre es gefcheiter, fie zu lehren, ihre Stadt erft einmal 
wirklich zu fehen und aus ihrer Umgebung fo viel Freude, fo viel Kraft 
als eben möglich ift, zu fchöpfen, fei es abfolut genommen fo wenig 
als es immer mag. — Man kann ohne weiteres zugeben, daß das Leben 
in unferen Städten anftrengender, ungefunder ift als in kleinen Orten 
und auf dem Lande. Man kann beklagen, daß der Städter dem Boden, 
den Pflanzen, den Tieren immer fremder wird und ihn damit viele 
Glücksmöglichkeiten genommen find. Man muß auch eingeftehen, daß 
unfere Gebäude zum größten Teil troftlos langweilig, unlebendig und 
dabei protpg und anmaßend ausfeben, aber daraus ergibt fich einmal 
die Aufgabe, die Bauart unferer Städte entfpreebend zu ändern, und 
die andere, rafcher zu erfüllen, jene Mängel durch anderes Genießen 
wieder wettzumacben. D 
Denn das ift das Erftaunliche, daß die große Stadt trat) aller häßlichen 
Gebäude, trot) des Lärmes, trotj allem, was man an ihr tadeln kann, 
dem, der fehen will, ein Wunder ift an Schönheit und Poefie, ein Märchen, 
bunter, farbiger, vielgeftaltiger als irgendeines, das je ein Dichter er 
zählte, eine Heimat, eine Mutter, die täglich überreich verfebwenderifeh 
ihre Kinder mit immer neuem Glück überfebüttet. Das mag paradox, 
mag übertrieben klingen. Aber wen nicht Vorurteile blenden, wer fich 
binzugeben verftebt, wer fich aufmerkfam und eindringlich mit der Stadt 
befchäftigt, der wird bald gewahr, daß fie wirklich taufend Schönheiten, 
ungezählte Wunder, unendlichen Reichtum, offen vor aller Augen und 
doch von fo wenigen gefeben, in ihren Straßen umfängt. □ 
Wir bewundern ftaunend die Städte der Vergangenheit, Babylon, 
Theben, Athen, Rom, Bagdad; fie alle liegen in Trümmern, und keine 
noch fo gefchäftig ftarke Pbantafie vermag fie wieder aufzubauen; aber 
unfere Städte leben, fie umgeben uns mit der ganzen Macht der Gegen 
wart, des Dafeins, des Heutefeins. Und gegen ihre bunte Unendlichkeit 
ift alle Überlieferung, find auch die koftbarften Trümmer tot, gefpenftig 
und arm. Unfere Städte find uns fo unetfeböpflieb wie das Leben felbft, 
fie find uns Heimat, weil fie täglich in taufend Stimmen zu uns reden, 
die wir nie vergeffen können. Wie wir fie auch immer betrachten 
mögen, fie geben uns Freude, geben uns Kraft, geben den Boden, ohne 
den wir nicht leben können. □ 
* Im Vertage von Strecker * Schröder in Stuttgart erfebien foeben als erftes Bändchen 
der neuen Sammlung »Kunft und Kultur« aus der Feder des bekannten Berliner Hrcbitekten 
AUGUST ENDELL: »Die Schönheit der großen Stadt« (kartoniert Mark 1.60). Die obigen 
temperamentvollen Husfübrungen entnehmen wir mit Genehmigung des Verlages diefem 
ausgezeichneten Büchlein. D j E jjgp 
R. Voigtländers Verlag, Leipzig □ Druck von Otto Regel, Leipzig 
Für die Redaktion: Jofeph Aug. Lux, Dresden-Blafewit) 
□ Gefcbäftsftelte für Öfterreicb: □ 
Buchhandlung Carl von Hölzl, Wien 1/1, Opemgaffe 2 
304
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.