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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

INHALT DES HEFTES 20 
HESSISCHE LANDESAUSSTELLUNG • DARMSTADT 1908. Von 
JOSEPH AUG. LUX 305 
KLEINWOHNUNGSKUNST. Mit 17 Abbildungen 307 
BUCHANZEIGE: 
Ferdinand Georg Waldmüller von ARTHUR ROESSLER .. .. 317 
GARTENKUNST VON BERZ & SCHWEDE. Mit 5 Abbildungen .. 319 
JUBILÄUMSAUSSTELLUNG DER HANDWERKER STEIERMARKS 
GRAZ, HERBST 1908. Von W. v. SEMETKOWSKI 320 
HESSISCHE LANDESAUSSTELLUNG 
DARMSTADT 1908 
n ntegung zu geben, ift der künftlerifcbe Zweck moderner 
Husftellungen. Wenn ficb Mühe und Koften verlohnen 
follen, fo ift es die Hufgabe ein Ziel zu zeigen, das hoch 
über dem Niveau des guten Durcbfcbnitts in Kunft und Gewerbe 
fteht. Ein Ziel, das nur der einzelne verkörpert, der Scbritt= 
macher, der Vorläufer, der Gewaltige, der wohlgerüftete Starke, 
der Künftler, die machtvolle Perfönlichkeit. Die mittlere Linie, 
Schöpfungen aus zweiter, dritter, vierter Hand, wen lodet das? 
Hber eine Landesausftellung will nicht nur dem Künftlerifchen 
dienen, fie will auch eine patriotifche Idee verkörpern. Und das 
zwingt zu Kompromiffen. Denn die Husftellung will die Landes- 
kinder vereinigen. Das Land möchte in der Husftellung ver 
herrlicht fein, und der patriotifche Gedanke muß in einem folchen 
Falle über die künftlerifchen Bedenken fiegen. So habe ich denn 
in Darmftadt viel Schönes gefehen und auch manches, das midi 
betrübt hat. □ 
Von Olbrich find die Hauptlinien vorgezeichnet, aus denen dann 
das eindrucksvolle Gefamtbild der Husftellung hervorwuchs. Die 
beherrfebende Hrchitektur ift der vielgenannte Hochzeitsturm in 
Verbindung mit den edlen Linien der Olbrichfchen Bauwerke für 
die fogenannte Kunftballe; Bauwerke, die mit Freitreppen, Hallen, 
Höfen, luftigen Hrkaden in einem bewegten und dennoch zu 
ruhiger Harmonie zufammengefaßten Spiel von Formen den 
Hügel bekrönen, zu deffen Füßen ficb der Platanenbain bin- 
febmiegt. In diefen milden Oktobertagen gewann die natürliche 
und künftlerifcbe Schönheit diefer Anlage eine befondere Steige 
rung. Ich konnte nicht müde werden, von der Höbe des Turmes 
in das Wald» und Bergland hinaus zu fehen, aus dem uns die 
Kunft eines Hans Tboma grüßt, oder von den Stufen und Terraffen 
der Kunftballe auf das von der Schere forgfältig in Zucht gehaltene 
Laubdach des Platanenbains niederzublicken oder in dem Hain 
wie in einer großen Säulenhalle binzugehen, in die die mild 
verklärende Herbftfonne niederriefelte, filtriert gleicbfam durch 
das dünne Blätterwerk, das wie gelbe Seide febimmerte. Und 
die Gedanken liefen zurück zu dem Ernft-Ludwig-Haus, das die 
Gedäcbtnisausftellung Olbrichs umfebloß, des Künftlers, der die 
Schönheit des Landes und der Natur fo tief erfaßt und durch 
den wundervollen Rahmen feiner Kunft erhöbt hat. □ 
Und eine feltfam weiche Stimmung war, ein Ergriffenfein, eine 
heimliche Freude und ein Trauern wie bei einem Hbfcbiednebmen. 
Denn das ift die Stimmung der febönen Herbfttage, verfebärft und 
vertieft durch die erfchütternden Ereigniffe, die vorangingen; es 
galt ein Hbfcbiednebmen von der lieben Sonne, von dem fröh 
lichen Leben und Beifammenfein, das der flüchtige Husftellungs» 
zweck berbeifübrte und vor allem galt es ein Hbfcbiednebmen 
von dem Künftler, deffen letztes Werk bald einfam wie ein edles 
Wahrzeichen und Symbol eines zu früh gefebiedenen Kunft- 
früblings aufragen wird, einfam wie der köftlicbe Hain, der feinen 
heften Freund verloren bat, den einzigen, der feine Schönheit 
liebte und wußte, was ihr die Kunft geben müffe. Leife Andeu 
tungen für das, was der Künftler mit diefem entzückenden Natur- 
gebilde beabfiebtigte, find ja vorhanden: die febönen Mauern aus 
rotem Stein mit dem unregelmäßigen Netjwerk weißer Mörtel 
fugen, diefe edel-einfachen Mauern, die in Terraffen und Pergolen 
die klaffifch-fchlichte Gebäudekrone des Hügels abftufen und mit 
den tieferen Lagen barmonifcb verbinden; diefe geradezu dichte- 
rifcb empfundenen Mauern, die fich bebutfam und zärtlich vor- 
ftrecken, den gnadenreichen Hain zu umfangen wie ein Blumen 
beet und ihn mit einer liebevollen Umarmung an diefes Gebäude 
herz zu drücken, damit er eins werde mit dem heiligen Bezirk 
jener architektonifcben Anlage, die der Kunft und dem Genuß 
der landfchaftlichen Schönheit geweiht fein follte. Hber diefe im 
Traum des Künftlers erfehnte und vollendete Umfaffung ift im 
halben Werk wie eine zaghafte Bewegung flehen geblieben; wie 
ein unfehlüffig und zögernd ausgreifender Arm febiebt ficb diefes 
Mauerwerk an einer Seite vor und möchte weiter auslangen 
einmal, wenn die für den vergänglichen Husftellungszweck etwas 
eilfertig bingefteilten Umbauten für Reftaurationszwecke ver- 
fchwunden fein werden und fich dort die klaffende Lücke auftut, 
die im Traum des Künftlers gefcbloffen war. Wer wird die Lüdce 
ausfüllen? Das ift die fdhwere Frage und in ihr liegt das ganze 
Scbickfal der Darmftädter Kolonie eingefchloffen. Wird je einer 
die Lücke ausfüllen, die der Künftler durch fein Scheiden in den 
Beftand der Sache geriffen hat? Es gibt gar keine Antwort darauf, 
denn diefer Künftler war die Kolonie felbft oder das, was ihren 
Ruhm zu einem Hufleucbten brachte und niemand ift, der das 
Erbe antreten könnte. Ich weiß nur, daß es nicht möglich ift, 
zweimal dasfelbe zu erleben und daß die Glanzzeit, durch die 
Darmftadt fich über den Welthorizont erhob, unwiederbringlich 
vorüber ift. Vorüber, weil alles Wertvolle mit der fehöpferifeben 
Perfönlichkeit fleht und fällt. Zwar find in der Kolonie mehrere 
ftrebfame und brave Künftler tätig, aber keiner, der den Rang 
halten könnte. Darmftadts Glück und Ende als Kunftereignis 
war mit Olbrichs Wirken verknüpft. Und auch darum ift es ein 
Hbfcbiednebmen. Gerade diefe Husftellung enthüllt es, wie wenig 
der künftlerifcbe Umkreis der Darmftädter Kolonie imftande ift, 
das hohe Niveau einzubalten, das durch das Wirken Olbrichs er 
reicht war. Hber nicht mehr als den großen Umriß und die 
Bekrönung des Husftellungswerkes bat Olbrich zum Gelingen 
der Sache gegeben, die erwähnten monumentalen Bauwerke, 
ferner das fogenannte Oberbeffifcbe Haus, eine reizende Archi 
tektur, einem kleinen Palaft nicht unähnlich und doch erfüllt von 
20. Heft • IV. Jabrg. 
305
	        
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